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Kultur

Man singt Englisch

Der Trend zum Englischen macht auch vor dem Grand Prix nicht halt. Nicht nur, dass der Wettbewerb in Eurovision Song Contest umbenannt wurde – immer mehr Teilnehmer singen lieber in Englisch als in ihrer Landessprache.

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Tanel Padar aus Estland gewann 2001 mit "Everybody"

Was haben Sertab Erener aus der Türkei, Marija N aus Lettland und Tanel Padar aus Estland gemein? Sie alle haben in den letzten drei Jahren einmal den Eurovision Song Contest gewonnen. Und: Ihre Siegertitel haben sie alle auf Englisch gesungen. Seit 1998 die Interpretin Dana International mit dem hebräischen Titel "Diva" den Grand Prix nach Jerusalem holte, haben es nur noch englische Titel nach ganz oben aufs Siegertreppchen geschafft. Die Interpreten kamen alle aus Ländern, in denen Englisch nicht Muttersprache ist.

Gewinner singen Englisch

Der Trend zum englischen Song hält auch dieses Jahr an. In Istanbul werden beim Halbfinale am 12. Mai und beim Finale am 15. Mai zwei Drittel der 36 Interpreten in Englisch singen. (Siehe Artikel unten "Die Regeln des Eurovision Song Contest) Für den Grand Prix-Experten Jan Feddersen keine Überraschung, sondern eine logische Entwicklung. Im Gespräch mit DW-WORLD erklärt der Journalist der "tageszeitung" aus Berlin den Trend zum Englischen. "Die singen alle auf Englisch, weil sie gewinnen wollen." Wer heute erfolgreich sein will, müsse sich dem Publikum anpassen. Und für das Publikum sei Englisch eben die Sprache, die als jung und hip gelte.

Bruch mit der Tradition

Der Drang zum Englischen kommt aber nicht überall gut an. Während es für Skandinavier völlig normal ist, auch in Englisch miteinander zu kommunizieren, ist die Sprache in Spanien oder Portugal noch lange nicht erste Wahl. Und bevor Frankreich einen englischen Titel ins Rennen schickt, wird die Türkei wohl längst Vollmitglied in der Europäischen Union sein ... Selbst in Ländern, in denen auf Englisch gesungen wird, ist das nicht unumstritten. Vorjahressiegerin Sertab Erener hat mit ihrem englischen Titel "Everyway That I Can" zwar den Grand Prix in die Türkei geholt, dafür aber mit der Tradition gebrochen, bei dem Wettbewerb auf Türkisch zu singen. Vielen Türken gefiel das überhaupt nicht.

Englisch mit der persönlichen Note

Wie in der Türkei sorgen sich auch anderswo Menschen um einen Verlust der eigenen kulturellen Identität. Sie haben Angst vor einem englischen Einheitsbrei, in dem alle Eigenheiten eingekocht werden. Für Jan Feddersen, der sich seit Jahren mit dem Gesangswettbewerb beschäftigt, eine unnötige Sorge. Nur weil jemand auf Englisch singt, gibt er nicht seine Identität auf, ist sich der Autor sicher. "Selbstverständlich erkennt man unabhängig von der Sprache immer noch Differenzen. Ich halte das für ein Missverständnis, dass sich in einer Sprache alles bündeln lässt."

Kindertechno vom Balkan

Die wirklich erfolgreichen skandinavischen Bands wie Roxette oder die Cardigans seien immer als skandinavisch erkennbar gewesen, sagt Feddersen. Und auch heute gelte: "Man erkennt nach wie vor starke Unterschiede. Türkische Beiträge sind fast immer irgendwie anders, sind oft viel körperlicher als skandinavische Beiträge." Ebenso charakteristisch findet der Experte Songs vom Balkan. "Das sind oft so kindertechnoartige Sachen, so Dancefloor-mäßig." Und auch Max, der für Deutschland an den Start geht, sei typisch deutsch, wenn auch auf eine sehr moderne Art und Weise.

Schockgefrorene Finnen, hysterische Italiener

Für Feddersen bedeutet ein Gesangswettbewerb auf Englisch keinen Verlust an Identität, sondern einen Gewinn an gegenseitigem Verständnis. Früher sei es oft vorgekommen, dass bei dem Wettbewerb ein finnischer Sänger auf der Bühne gestanden habe "und die Italiener haben gedacht: Sind die da alle schockgefroren?" Umgekehrt kam das südländische Temperament der italienischen Interpreten bei den kühleren Finnen oft als hysterisch an. Inzwischen gewöhne sich Europa langsam daran, dass irgendwie auch ein bisschen Italien in Finnland sein kann oder ein bisschen Slowenien in Irland. "Englisch ist das Transportmittel. Es sorgt dafür, dass der Eurovision Song Contest immer europäischer wird und die Nation dahinter zurücktritt."

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