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Kultur

Man nennt es Karriere

Ist es Traum oder Albtraum, über 40 Jahre eine Arbeitsstelle zu haben? Ohne Spitzengehalt oder öffentliche Erfolge? Und was, wenn ein Aufstieg mit Zweifeln und Umbrüchen einhergeht? Fünf Porträts. Heute: Barbara Schulte

Porträt Barbara Schulte beim Telefonieren (Copyright: Dieter Seitz)

Die Nachbarin merkt es immer: "Denkst du wieder ans Siegwerk?" Die Frage bekommt Barbara Schulte manchmal beim gemeinsamen Joggen zu hören: "Du wirst wieder schneller!" heißt es dann – ein sicheres Zeichen dafür, dass sie noch mit den Gedanken bei Kunden, Aufträgen oder der nächsten Dienstreise ist.

Wie viel sie im Schnitt arbeitet, hat sie zwar nie nachgerechnet, aber zehn Stunden am Tag, sagt sie, sind es ganz bestimmt. Sie arbeitet bei einer Firma, die Druckfarben für Verpackungen herstellt und sich zu einem internationalen Unternehmen entwickelt hat: Vertriebsleiterin "Flexible Verpackungen" für den Bereich Deutschland ist Barbara Schulte. Und sie hat Gesamtprokura für das Unternehmen – ein hoch verantwortungsvoller Job. Die meisten Menschen nennen so etwas Stress, aber "es gibt ja auch positiven Stress“, sagt Barbara Schulte. Trotzdem: Der Ausgleich beim Sport ist wichtig: "Ich brauche das, um mich zu neutralisieren. Man sagt ja, Joggen macht süchtig, das kann ich unterstreichen!"

Start mit Botengängen

Vielleicht hat sie auch die Arbeit ein bisschen süchtig gemacht. Zumindest ist Barbara Schulte eine Laufbahn gelungen, die nicht alltäglich ist. Als sie mit 16 Jahren zum Siegwerk kam, hatte sie gerade mal die Höhere Handelsschule abgeschlossen. Und fing an als Kaufmännische Angestellte. Ihr selbst erschien das nicht sonderlich aufregend: Säuglingsschwester wäre sie gern geworden, aber das wollte der Vater nicht. Kein Traumberuf also und alles Andere als ein Traumstart: Sie musste Botengänge übernehmen und Telexe verteilen, wie es damals üblich war für die Jüngsten. "Das Schlimmste war, dass ich eine Kollegin hatte, die nur ein Jahr älter war als ich, aber sie hatte drei Monate Berufserfahrung an anderer Stelle und bekam viel anspruchsvollere Arbeiten", erinnert sich Barbara Schulte. "Da hab ich mich bei der Chefin beschwert. Ich wollte anspruchsvollere Arbeiten haben, dafür wäre ich nicht zur Schule gegangen."

Barbara Schulte mit einem Probedruck. (Copyright: Dieter Seitz)

Kritischer Blick: Hält die Druckfarbe den Ansprüchen der Kunden stand?

Aber auch als sie längst keine Botengänge mehr machen musste, fühlte sie sich in den ersten fünf Jahren unglücklich: "Ich dachte, hier wirst du nicht alt. Alles war so statisch, so eingefahren. Viele Mitarbeiter waren schon fünf, sechs Jahre hier, und ich fand es schrecklich, wie man so lang in einem Unternehmen sein kann. Ich dachte, jetzt sammelst du erste Erfahrungen, und dann bewirbst du dich woanders." Dabei war es nicht so, dass die Inhalte ihrer Arbeit sie gelangweilt hätten: Im Grunde fand sie es interessant, in einem angesehenen Unternehmen zu arbeiten, das Druckfarben für die Verpackungen von Dingen herstellt, die jeder Mensch im Alltag braucht – für Chipstüten, Süßigkeiten und Joghurt-Deckel, für Tiefkühlprodukte, Zigaretten oder Papiertaschentücher. Farben, denen Kälte, Hitze oder Licht, Fett oder Wasser nichts anhaben. Die nicht abblättern dürfen, wenn Tüten geknautscht oder hundertmal angefasst werden.

Als Kaufmännische Angestellte war Barbara Schulte schon damals im Vertrieb tätig. Sie schrieb die internen Aufträge und stellte den Kunden Farben vor, die ihre Kollegen in der Anwendungstechnik ausgearbeitet hatten. Auch damit fühlte sie sich anfangs unterfordert. Da blieb nur eins: "Ich habe Druck gemacht." Ihre Hartnäckigkeit wurde belohnt: Nach und nach konnte sie mehr Verantwortung übernehmen, erste Führungserfahrungen sammeln – und eine Perspektive für sich erkennen.

Kinder oder Beruf

Trotzdem kam nach zehn, fünfzehn Jahren noch einmal der Gedanke an einen Wechsel – einfach weil sie nicht so lange bei einem Arbeitgeber bleiben wollte. "Ich habe mich auch beworben. Aber dabei immer verglichen, was hast du heute, welche Möglichkeiten hättest du dort." Und die Möglichkeiten beim Siegwerk waren inzwischen so gut, dass ein neuer Arbeitgeber schon viel hätte bieten müssen.

Schließlich blieb es dabei: Barbara Schulte richtete ihre gesamte Energie auf ihre Arbeit beim Siegwerk: "Ich bin ein Mensch, der alles immer hundertprozentig macht. Ich hätte mir nie vorstellen können, Kinder zu bekommen und sie dann zu einer Tagesmutter zu geben. Ich musste mich für Kinder oder für den Beruf entscheiden, sonst wäre ich immer in der Zwickmühle geblieben." Sie entschied sich klar für den Beruf. "Für die Karriere, wenn Sie so wollen, und ich glaube, das ist auch gut so."

Doch mit Ehrgeiz allein wäre das kaum möglich gewesen: "Ich hatte immer die Unterstützung meiner Vorgesetzten", erklärt sie, und: "Ich hatte keine Nachteile dadurch, dass ich eine Frau bin. Das ist nicht selbstverständlich. In vielen Unternehmen werden die Männer immer noch stärker gefördert!" Und wenn sie fast beiläufig erzählt, dass sie in den 1980er Jahren Handlungsvollmacht im Unternehmen erhielt und 1993 Gesamtprokura, dann glaubt man ihr, wenn sie betont: "Ich bin nicht karrieregeil." Aber ihr war immer wichtig, etwas zu tun, in dem sie sich wiederfinden kann: "Man kann sich schon sehr verwirklichen in diesem Werdegang. Der Spaß ist, dass man relativ selbständig arbeitet, dass man ein gutes Team hat, und dass man Erfolg hat!"

Herausforderung Englisch

Das klingt im Nachhinein, als wäre es immer nur stetig bergauf gegangen. Doch es gab immer wieder Zweifel, Brüche, Fragezeichen. Zum Beispiel, als sich ihre Firma von einem mittelständischen in ein internationales Unternehmen verwandelte. Damit veränderten sich nicht nur abstrakte Strukturen und Hierarchien, sondern auch der Arbeitsalltag. Die Firmensprache ist jetzt Englisch. "Wir haben heute 'sales meetings', da kommen Leute aus aller Herren Länder." Eine große Veränderung für Barbara Schulte, deren Arbeit bis dahin ganz auf den nationalen Bereich ausgerichtet war. Allein die Sprache ist eine Schwierigkeit, sagt sie, "aber wir bekommen Englischunterricht, und man muss auch mal über seinen Schatten springen und versuchen zu reden oder zu schreiben, wenn es nicht so perfekt ist. Aber es ist schon anspruchsvoll."

Ältere im Abseits?

Nicht nur diese Umstellung war zu bewältigen, als das Unternehmen internationaler wurde: "Ich hatte damals den Eindruck, dass die älteren Mitarbeiter nicht mehr den gleichen Stellenwert hatten wir früher. Das hat mir Sorge bereitet." Damals war sie gerade mal über vierzig und fühlte sich plötzlich auf der Seite der "Alten". Da dachte sie noch einmal über einen Wechsel nach. Doch inzwischen hat sich das verändert: "Es wurde erkannt, dass man die Älteren mit ihrem Know.How auch sehr gut gebrauchen kann." Und selbstbewusst fügt sie hinzu: "Ich glaube, dass ich sehr belastbar bin und nehme es auch mit den Jüngeren auf!" Das Wichtigste ist ihr ohnehin die Arbeit im Team: Da ergänzen sich Ältere und Jüngere - und verschiedene Fachkompetenzen: Mit den Kollegen aus der Anwendungstechnik, die die Druckfarben entwickeln, muss sie ohnehin eng zusammenarbeiten: "Den Kunden gegenüber bilden wir ein Team!"

Barbara Schulte vor einem Regal mit Farbdosen (Copyright: Dieter Seitz)

Guter Kontakt ist wichtig: Barbara Schulte in der Anwendungstechnik, wo die Farben ausgearbeitet werden

Für ihr eigenes Team, in dem sie die Chefin ist, hat sie eine Philosophie, die sie mit einem Sprichwort umreißt: "Wenn du ein Schiff bauen willst, lehre die Männer die Sehnsucht nach dem Meer: Das heißt, man muss die Leute motivieren, ihre Stärken ausbauen und ihnen helfen, auch an den Schwächen zu arbeiten. Wichtig ist, dass man jedem gewisse Freiräume gibt. Wichtig ist aber auch, dass man mal irgendwann eine Entscheidung treffen muss und sagt, es wird jetzt so gemacht. Aber im Großen und Ganzen machen wir das im Team, und das Ergebnis, für das ich stehe, verdanke ich auch meinen Mitarbeitern."

"Die Jahre sind einfach verflogen"

Und dann fügt sie noch hinzu: "Diesen Job kann man nur dann machen, wenn zu Hause im Privatleben alles in Ordnung ist. Wenn Sie einen Partner haben, der dafür sehr viel Verständnis hat, der Sie unterstützt und akzeptiert, dass Sie erfolgreich im Beruf sind. Und dass im Umfeld alles in Ordnung ist. Meine Eltern sind über 80 und brauchen jetzt zunehmend Pflege. Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, dass ich mich da relativ wenig kümmere. Aber wenn Not am Mann ist, stehe ich auch da zur Verfügung."

Trotz der hohen Belastung hat Barbara Schulte bislang noch nie über so etwas wie Vorruhestand nachgedacht. Dass sie jetzt seit 40 Jahren beim Siegwerk ist, kann sie selbst kaum glauben: "Das ist ja eine Ewigkeit, länger als ich mit meinem Mann verheiratet bin! Die Jahre sind ganz einfach verflogen, wenn ich jetzt höre, ich bin 40 Jahre beim Siegwerk, dann erschrecke ich , und sage, du kannst doch noch nicht so alt sein, aber das sagt vielleicht aus, wie kurzlebig mir die Zeit vorgekommen ist."

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Ramón García-Ziemsen

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