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Deutschland

"Man muss sich ins Gesicht schauen"

Wolfgang Thierse plädiert für einen intensiven Dialog mit der arabischen Welt. Lesen Sie hier das gesamte Interview des Bundestagspräsidenten mit DW-WORLD.

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Wolfgang Thierse (2. v. l.) in der Fathi-Mosche nahe Düsseldorf

DW-WORLD: Deutschland verstärkt seine Bemühungen um Dialog mit der arabischen Welt. Was hat man erreicht?

Wolfgang Thierse: Zunächst mal hat man die Kontakte verbessert. Der Dialog zwischen Deutschland und Europa auf der einen Seite und der arabisch-islamischen Welt auf der anderen Seite wurde in Gang gesetzt und intensiviert. Das ist schon an sich wertvoll, unabhängig von den Ergebnissen im Einzelnen.

Auf welchem Gebiet sollte man diesen Dialog konzentrieren?

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse Interview mit Ibrahim Mohamad arabische Redaktion DW-Online Foto: Olof Pock

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (r.) im Interview mit Ibrahim Mohamad von der arabischen Redaktion von DW-WORLD.

Der Dialog muss ganz verschiedene Themen berühren. Natürlich geht es um politische Fragen. Deutschland und die arabische Welt haben ein gemeinsames Interesse an einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts. Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, dass es im Irak eine stabile demokratische Entwicklung gibt. Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, dass die Spannungen mit dem Iran sich nicht verschärfen. Zweitens geht es natürlich auch um wirtschaftlichen Austausch. Der Nahe Osten, Saudi-Arabien und die Nachbarländer sind für Europa und Deutschland ganz wichtig als Erdölländer und als wirtschaftliche Partner. Drittens geht es um den kulturellen Austausch und den religiösen Dialog. Denn es ist Fremdheit zu überwinden, Vorurteile sind abzubauen und das kann man nur, indem man sich besser kennen lernt. Um Unterschiede wahrzunehmen, aber auch, um Gemeinsamkeiten festzustellen. Das kann man nicht via Fernsehen, auch nicht via Zeitung. Dazu muss man wirklich miteinander reden und sich ins Gesicht schauen.

Im Dialog mit der arabisch-islamischen Welt tritt der Westen oft als Lehrer auf. Wie kann Deutschland eine andere Rolle übernehmen als diese?

Ich bin nicht sicher, ob der Westen als Lehrer auftritt. Es gibt ja andererseits auch Vorwürfe aus der arabisch-islamischen Welt gegen den Westen, Anklagen heftigster Art. Von einem Teil des Islams auch eine Art von missionarischem Sendungsbewusstsein, den Westen bekehren zu wollen zu einem Leben in Gottesfurcht. Umgekehrt sagt der Westen, friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religion setzt die Bereitschaft und Fähigkeit zu Toleranz voraus , das Ja zu religiösem Pluralismus. In den meisten islamisch geprägten Ländern gibt es Religionsfreiheit jedoch nicht wirklich . Sie ist aber eine Voraussetzung für Frieden. Das ist die europäische Erfahrung, die wir nicht unterdrücken können. Die Erfahrung eines Kontinents, der Jahrhunderte lang Kriege geführt hat, auch Religionskriege. Das wurde erst mit dem Prinzip der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat überwunden. Das war ein langer und mühseliger Prozess, der aber zu einem positiven Ergebnis geführt hat. In Europa leben Menschen unterschiedlicher christlicher Konfession und unterschiedlicher Religion einigermaßen friedlich zusammen. Und nun hat ein Teil der Europäer die Sorge, dass islamische Bürger diesen Frieden der Religion stören könnten. Dass sie sich darum sorgen, um des Friedens willen, dafür bitte ich sehr um Verständnis.

Viele Menschen in der arabisch-islamischen Welt zeigen kaum Interesse am Dialog mit den Westen. Wie kann man sie trotzdem einbinden?

Indem man ihnen die Möglichkeit verschafft, Menschen aus einem anderen Kulturkreis selbst kennen zu lernen. Das setzt die Öffnung des eigenen Landes voraus. Denn natürlich entfalte ich nur Interesse für andere, wenn ich die Chance habe, sie kennen zu lernen, oder wenn ich durch kennen lernen herausgefordert werde, mehr über sie wissen zu wollen. Wenn ich das nur vom Hörensagen kenne, möglicherweise von oberflächlichen oder einseitigen Fernsehberichten, wird das Interesse nicht sehr stimuliert. Dass wir in Deutschland allmählich ein größeres Interesse für den Islam entwickeln, hat damit zu tun, dass in Deutschland mehrere Millionen Bürger islamischen Glaubens leben. Ich habe in der Nachbarschaft Menschen, die anders glauben als ich und das erzeugt doch Neugier, ganz normale freundliche menschliche Neugier. Wieso sind die anders? Worin besteht ihr Anderssein? Sind sie ganz anders oder sind sie zugleich wiederum ähnlich wie ich? Das hat damit zutun, dass ich persönlich Berührung habe. Wenn Menschen in Ägypten oder im Irak, in Syrien oder Algerien Gelegenheit haben, mit Europäern in Kontakt zu treten, wird das vielleicht auch ihre Neugier erregen, um zu fragen, warum sind sie anders, und wie kann ich mich mit ihnen verständigen?

Reicht es aus, wenn es Kontakte auf offizieller Ebene gibt?

Dialog sollte nie nur auf der offiziellen Ebene stattfinden. Es wäre schön, wenn Europäer die Chance hätten, in arabische Länder zu reisen, damit es zivilgesellschaftliche Kontakte gibt. Wichtig ist, dass es die nicht nur in Europa gibt, sondern auch in den arabischen Ländern. Wichtig ist, dass die arabische Welt sich viel mehr als bisher öffnet und ihre eigene Angst überwindet, indem sie sich öffnet. Das ist Vorraussetzung für eine Öffnung: weniger Angst. Aber in dem Moment, in dem ich mich öffne und Kontakt pflege, wird die Angst geringer. Ich sehe jedoch nicht, dass das massenhaft geschieht. Es gibt eine Menge arabischer Länder, die sich ausdrücklich nicht öffnen. Die den Kontakt nach außen eher abwehren, und das ist kein wirkliches Zukunftsprojekt.

Lesen Sie bitte das Interview weiter auf Seite 2.

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