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Asien

"Man muss seine Religion erklären"

Shah Rukh Khan ist der populärste Schauspieler Indiens. Mit seinem neuen Film "My name is Khan" hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Er thematisiert die Anfeindungen gegen Muslime nach den Anschlägen vom 11. September.

Bollywood-Star Shah Rukh Khan (Foto: AP)

Für religiöse Toleranz, Verständigung und Dialog: Bollywood-Star Shah Rukh Khan

Ihr Film auf der Berlinale heißt "My name is Khan" und handelt von den Folgen des 11. Septembers, der Anschläge auf das World Trade Center. Erinnern Sie sich, wo Sie waren, als die Anschläge stattfanden?


Shah Rukh Khan: Ich war in New York, mit der Mutter meines Regisseurs, meiner Frau und meinem kleinen Sohn. Wir sollten ein Interview zur Premiere des Films "Ashoka" geben und der Rest der Crew eigentlich vier Stunden vor uns nach Toronto fliegen. Ich wurde von der Mutter meines Freundes Karan geweckt. Sie zeigte auf den Fernseher, und ich dachte, es sei das Flugzeug, in dem unsere Crew säße. Im Stockwerk unter mir wartete die Presse auf ihre Interviews. Ich fragte dort, was passiert sei und erst dann verstand ich, was los war. Ich saß drei, vier Tage mit meiner Familie fest, bis wir rauskamen nach Toronto und von dort zurück nach Hause fliegen konnten. Alle Flüge waren ja gestrichen worden.

Filmplakat 'My name is Khan' (Foto: Dharma Productions)

In "My name is Khan" spielt Khan einen indischen Muslim, der unter Autismus leidet


Wie haben Sie reagiert, als herauskam, dass die Anschläge von islamistischen Extremisten verübt worden waren? Sie selbst sind Muslim, wie hat Sie das beeinflusst?

Ich habe nie über Extremisten nachgedacht, indem ich sie mit einem zusätzlichen Etikett versehen hätte – ein jüdischer Extremist, ein englischer Extremist, ein amerikanischer Extremist, ein Hindu-Extremist oder ein muslimischer Extremist. Ein Extremist ist ein Extremist. Sobald wir ihm ein Etikett geben, beschwören den Ärger in den Herzen und Köpfen der Welt herauf. Ein anderes Beispiel: Ich denke an zwei Dinge, wenn ich "deutsche Fußballmannschaft" oder "deutscher Tennisspieler" höre. Ich denke: Oh, die Deutschen sind gute Sportler – das ist, was mir in den Sinn kommt.

Das ist eine gute Assoziation.

Ja, das ist eine gute Assoziation. Aber man ruft schlechte Assoziationen hervor, wenn Sie zum Beispiel sagen: "der deutsche Mörder" oder "der indische Vergewaltiger".


Dann bezeichnet es eine ganze Nation.

Es gibt einem Land, einer Gruppe oder einer ganzen Nation ein Etikett. Und das ist falsch. Als ich die Anschläge sah, sah ich sie genau wie jeder andere, als einen Akt des Terrorismus. Viele Menschen kamen dabei um, so viele Leben wurden zerstört. Ich hätte selbst eines der Opfer sein können, mein Sohn oder meine Frau hätten unter ihnen sein können. Meine Frau ist eine Hindu, unser Sohn wächst mit dem Hinduismus und dem Islam auf und ich bin ein Muslim. Vor allem Unbeteiligte werden bei solchen Terroranschlägen verletzt. Das Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an solche Anschläge oder jede Art von Aggression dieser Art denke, die irgendwo auf der Welt von jeder Art von Extremisten verübt werden, ist: Sinnlosigkeit, einfach nur Sinnlosigkeit.

"Rache ist eine menschliche Reaktion"


Was war gut an der Art, wie die Welt reagierte, was war nicht gut? Es gab ja anschließend Vergeltungsmaßnahmen.

Ich will gar nicht weiter auf die Politik eingehen. Natürlich ist die normale menschliche Reaktion: Du schlägst mich, dann schlage ich zurück. Bei diesem Prozess sterben sehr viele unschuldige Menschen. Der Tod Unschuldiger, den wir auch im Film sehen, ist aus Gründen der Menschlichkeit nicht vertretbar. Der Tod aus natürlichen Gründen ist der Weg Gottes, aber der grundlose Tod Unschuldiger vor ihrer Zeit ist aus Sicht der Menschlichkeit nicht erlaubt. Natürlich fühlt man sich sehr schlecht, wenn so etwas als Reaktion erfolgt, egal von welcher Seite aus das geschieht. Beide Seiten müssen dafür verurteilt werden.

Terrorakte, Vergeltungsaktionen, das passiert jetzt auch in großen Teilen Indiens. Ihr Film hat dort gerade Premiere. Radikale hinduistische Gruppen haben zum Boykott des Films aufgerufen. Sie sind wütend über einige Äußerungen von Ihnen.

Ja, aber das war ein Missverständnis. Ich kann dieses Missverständnis aufklären. Ich frage mich nur, weshalb dieser Streit mit mir auf den Film übertragen wird. Der Film ist eine ganz andere Sache. Hier sollte ich doch darüber sprechen, dass wir einen indischen Film gemacht haben und ihn nun auf der Berlinale zeigen. Ich arbeite für die Masse. Es ist mein Beruf, mit den Menschen zu kommunizieren. Meine Absicht ist also, die Leute durch meine Filme zu erreichen und dass sie sich über das, was ich sage, eine Meinung bilden: Ich mag den Film, ich mag diesen Film nicht. Diese ganze Sache hat mich sehr traurig gemacht. Aber ich werde niemals zulassen, dass mein Ego oder eine falsche Form von Selbstrespekt einer Diskussion im Wege steht: Sie mögen nicht, was ich gesagt habe? Tatsächlich? Okay, kein Problem. Alles andere aber ist doch sinnlos.

"Verpflichtet, zu reden"


Genau darum geht es im Film "My name is Khan", nämlich Menschen nicht abzustempeln, egal welche Überzeugung oder Nationalität sie haben. Eine Aussage des Filmes ist: Lasst uns in Frieden, tolerant und verständnisvoll miteinander leben und einander vergeben.

Ich denke, eine Hauptbotschaft des Films ist: Wenn sie und ich aus ideologischen oder religiösen Gründen ein Problem miteinander haben, lassen Sie mich ihnen meine Religion erklären, bevor wir aufeinander losgehen. Und ich glaube in 99 Prozent der Fälle werden sie sagen: Oh, das bedeutet es also. Dann habe ich damit kein Problem oder: Jetzt verstehe ich ihr Problem. Wir sind also dazu verpflichtet, ...

... miteinander zu reden.

Genau! Es ist die Verpflichtung jedes Menschen, seine Religion oder Region zu erklären, wenn sie in Zweifel gezogen wird. Sei also nicht defensiv und sage: Nein - wir sind die Guten, sondern erkläre sie bitte. Ich denke, es ist meine Pflicht als Muslim und als Person, wenn Sie mich etwas über den Islam fragen, Ihnen alles, was ich darüber weiß, zu erzählen, um Ihnen zu zeigen, wie tolerant und schön diese Religion ist.

Es gibt ein anderes Bollywood

Filmplakat 'My name is Khan' in Mumbai (Foto: AP)

Der Film ist radikalen Kräften ein Dorn im Auge


All das, was Sie gerade erzählt haben, ist Teil Ihres Films. Es ist immer noch ein indischer Film, ein Bollywood-Film. Viele Zuschauer hier im Westen werden überrascht sein, einen solchen Film zu sehen. Der Film lief ja im offiziellen Berlinale-Programm. Welche Reaktionen haben Sie bisher erhalten und welche erwarten Sie noch?

Da sehen Sie, was wir hier schon wieder tun: Wir packen Dinge sehr schnell in Schubladen: Es ist ein Bollywood-Film, also ist es eine bestimmte Art von Film. Der Vorteil in Deutschland ist, dass die meisten Leute bereits Bollywood-Filme gesehen haben. Der Nachteil ist, dass es noch weitere 895 ganz andere indische Filme gibt, die aber keiner kennt. In Indien sieht man aus Hollywood nur die großen Blockbuster - die anderen kleinen, interessanten und vielleicht ernsthafteren Filme bekommen wir gar nicht zu sehen - außer man ist im Filmgeschäft. Es ist mein Job, diese Filme zu sehen, aber die normalen Leute bekommen sie nie zu Gesicht.

Es gibt eine Menge Geschichten über Bollywood. In diesem Fall ist es so, dass Karan Johar, der größte kommerzielle Regisseur und die beiden erfolgreichsten Schauspieler zusammen einen Film machen. Also erwartet jeder, dass der Film so und so wird. Wir stehen einfach an einem bestimmten Punkt in unserem Leben. Der erste Film, den wir zusammen gemacht haben, spielte an einem College, er handelte von Collegefreundschaften. Wir selbst waren damals nicht am College, aber wir fühlten uns so. Jetzt machen wir einen Film über die Schule der Welt, und es ist immer noch das Gleiche: Nur das College ist größer und größer geworden. Es ist jetzt ein globales College. Und es sind immer noch zwei Kids, die sich treffen, denn wir sind im Verhältnis zur Welt immer noch klein. Wir wollen die Dinge in der Welt zeigen, die wir immer noch lernen müssen.

Aber was wir im College im ersten Film gelernt haben, ist, dass Liebe alle Widerstände überwindet. Und bis heute lernen wir immer noch, dass die Liebe stets siegt, was typisch für Bollywood und für Indien ist.

Interview: Monika Jones

Redaktion: Qantara.de

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