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Deutschland

"Man muss die Menschen lieben"

In Interview mit DW-RADIO spricht der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff über Wahlkampfstress und erklärt, wie man in der Politik mit Zurückhaltung punkten kann.

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DW-RADIO: Herr Wulff, was bringen solche Sommerreisen wie Ihre jetzt durch Niedersachsen? Warum tingeln Sie von Dorf zu Dorf?

Christian Wulff: In den schwierigen Zeiten, in denen wir leben, brauchen die Entscheidungsträger das Vertrauen derer, die sie regieren. Und Vertrauen entsteht mehr durch unmittelbare Begegnung als durch jeden Zeitungsartikel als durch jede Rundfunk- oder Fernsehsendung. Und durch diese Art von Begegnung, Bürgerfesten, 300 Leuten dort, 500 dort, erreicht man eben sehr, sehr viele Menschen. Die sprechen dann darüber und geben das weiter. Ich finde wichtig, Politiker müssen vermitteln, dass sie eben normale Mitglieder des Volkes sind und nicht irgendwo abgehoben, die da oben sind. Das war mir immer wichtig und das bleibt mir wichtig.

Das sind lange Tage, unglaublich viele Termine. Wie machen Sie das, dass Sie beim letzten Termin am Tag genauso frisch und genauso interessiert sind wie beim ersten? Irgendwann wird man doch auch müde..

Da gibt es nur ein Erfolgsrezept: Man muss Menschen lieben. Mich interessieren wirklich Begegnungen mit Menschen, deren Erfahrungen, deren Kritik und Anregungen und das merken diese Menschen wiederum und dadurch entstehen Dinge an zwischenmenschlichen Beziehungen, die mich motivieren und die mir einen enormen Motivationsschub für meine Arbeit geben. Und dann kann man auch 28 Termine am Tag machen und abends noch gut drauf sein. Und dann ist es halt nicht anstrengend.

Es sind nur noch wenige Wochen bis zu den Neuwahlen. Wie zuversichtlich sind Sie eigentlich für die Union - die Umfragen sagen ja zurzeit keine stabile eindeutige Mehrheit voraus?

Ich bin fest davon überzeugt, dass die CDU, die CSU und die FDP gemeinsam eine Mehrheit im Parlament an Sitzen bekommen und eine Regierung bilden werden. Dafür setze ich mich ein. Und wenn wir uns jetzt die nächsten vier Wochen darauf konzentrieren, zu sagen, dass wir es besser machen vom Stil her, dann könnte eine bessere Stimmung entstehen und durch die bessere Stimmung und den anderen Stil und andere Inhalte könnte es zu einer wirklichen Aufbruchsituation kommen.

Aber was sollten da Stoibers Schimpfereien gegen die Ostdeutschen? Dass man im Wahlkampf gegen den politischen Gegner wettert gut, aber doch nicht gegen die Wähler..

Bei Edmund Stoiber kommt vielleicht eine Sache, die man ganz menschlich sehen muss. Er ist bitter enttäuscht, dass er letztes Mal nicht gewählt wurde, vor allem in den neuen Ländern. Er ist der festen Überzeugung, das Land wäre besser regiert worden, wenn er regiert hätte. Beides kann ich gut nachvollziehen. Das ist doch einfach menschlich, dass er davon überzeugt ist, er hätte es besser gemacht, er hätte gewinnen müssen und traurig ist, dass er nicht gewonnen hat. Der problematische Punkt ist, dass das verbunden ist mit dem Blick zurück. Und das habe ich selber nie ansatzweise bei mir gespürt, zurückzuschauen. Ich habe 1994 die Wahl verloren gegen Gerhard Schröder, 1998 verloren und habe in beiden Fällen keine Sekunde darauf verschwendet, irgendeinem böse zu sein und kein Missfallen über die, die mich nicht gewählt haben, sondern die feste Überzeugung, die muss ich jetzt auch noch gewinnen.

Gut, Herr Wulff, Sie hatten ihre Niederlagen, jetzt aber der raketenhafte Aufstieg in der Beliebtheitsskala der Politiker, da stehen Sie momentan ganz oben und viele würden Sie sogar gerne als Kanzlerkandidaten sehen. Wie erklären Sie sich das?

Die Umfragen führe ich darauf zurück, dass mir die derzeitige Zeit sehr entgegenkommt. Es gibt einfach unterschiedliche Stimmungen und Zeiten. Mal will man denjenigen, der toll inszeniert, der eine große Schau abzieht, der also einen neuen Aufbruch vermittelt, nach 16 Jahren Helmut Kohl vielleicht auch, und mal will man einfach die, bei denen man vermutet, dass sie mit den Problemen, die es jetzt gibt, umgehen können und sich der Lösung der Probleme zuwenden, die also wirklich harte Arbeiter sind. Und im Moment ist die Stimmung mehr, dass meine Art mir entgegenkommt, die da lautet: Zurückhaltung und Entschlossenheit.

Ich war immer sehr zurückhaltend und hab erstmal geguckt und erstmal beobachtet. Ich gehe nie in der Mitte durch einen Saal und lasse mich da vorweg schon feiern. Das hat mir nie gelegen, sondern ich gehe immer am Rand in die Stadthallen und gucke erstmal, wer ist so da und wer sitzt wo und wenn dann am Ende die Leute überzeugt sind, dann ist mir das viel wichtiger. Leute, die zurückhaltend sind, werden oft unterschätzt. Die werden nicht wahrgenommen, die werden auch zum Teil diffamiert als Warmduscher oder Weicheier oder was auch immer. Aber wenn sie entschlossen sind, wenn sie wissen, was sie wollen, dann werden sie oft eben auch wegen der Unterschätzung dann nicht mehr gestoppt, wenn sie dann schon so weit sind, dass sie sich auch dann durchsetzen können.

Herr Wulff, wachsen einem eigentlich bei solchen Sympathieumfragewerten Flügel?

Zum Abheben oder zum Überschwang besteht überhaupt kein Anlass, weil ich natürlich vor dem Hintergrund meiner Niederlage weiß, dass meine Werte erst so geworden sind, als ich in der Regierungsverantwortung war. Ich weiß auch wie meine Werte waren, als ich Opposition gemacht habe und für mich ist der Unterschied von Regierung zu Opposition der, dass Sie in der Opposition in einem großen Schwimmbassin sind, in das kein Wasser eingelassen ist.

Das heißt, Sie sind ohne Mehrheit, ohne Macht und damit ohnmächtig in vielen Fragen. Sie können fordern und machen, was Sie wollen, es wird nie was draus, weil es eben ohne die Mehrheit ist und wenn Sie regieren, dann ist Wasser eingelassen, dann können Sie sich mit einem Mal ganz anders bewegen, können ans andere Ufer schwimmen und diese Erfahrung, dass man dann ganz andere Möglichkeiten hat und ganz anders wahrgenommen wird, die habe ich am eigenen Leib erlebt und deswegen sage ich halt im Umkehrschluss: Wenn Angela Merkel Regierungschefin ist, dann wird sie ganz andere Werte erzielen können und es viel leichter haben.

Judith Hartl

Das Gespräch führte

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