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Afrika

"Man muss Afrikas Unabhängigkeit feiern"

Seine Eltern stammen aus dem Tschad. Er wurde im Senegal geboren und ist in Frankreich aufgewachsen. Als Rapper ist MC Solaar international bekannt geworden. Ein Gespräch über Afrika und die Ex-Kolonialmacht Frankreich.

MC Solaar

Erfolg mit intelligenten Texten: MC Solaar

DW-WORLD.DE: Ihre Wurzeln liegen in Afrika. Aufgewachsen sind Sie in Frankreich - bei den ehemaligen Kolonialherren. Fühlen Sie sich als Afrikaner oder als Franzose?

MC Solaar: Ich habe Glück. Ich fühle mich seit meiner früher Kindheit kulturell als Afrikaner. Afrika war immer da. Durch meine Eltern, mit der Musik, mit dem Essen... Durch meine ganze Umgebung. Meine gesamte Kindheit war bestimmt von Afrika auf der einen Seite und dem französischen Schulsystem auf der anderen Seite. Glücklicherweise konnte ich mir ein bisschen von diesen afrikanischen Wurzeln bewahren. Heute fühle ich mich als Mann meiner Zeit. Das heißt, als jemand mit afrikanischen Wurzeln und einer französischen Nationalität. Ich fühle mich französisch aber ich habe mir viel Afrikanisches bewahrt. Und ich habe Afrika erst sehr spät kennengelernt. Ich bin einer der neuen Franzosen, der seine Wurzeln überall hat.

Ihre Eltern haben die Kolonialzeit noch kennengelernt. Was haben sie Ihnen von dieser Zeit erzählt?

Die Eindrücke unserer Eltern sind oft Momentaufnahmen. Das war ja keine kriegerische Kolonisierung. Und die, die in den Dörfern waren, haben dann oft die Ärzte gesehen. Die Mediziner sind gekommen und haben Tropenkrankheiten behandelt. Und die Leute haben die neuen Schulen gesehen. Für diese Menschen war das ein Glück – endlich ist etwas in ihre Dörfer gekommen. Für meine Eltern ist die Erinnerung an die Kolonialzeit eine Erinnerung an ein Land, das sie geliebt haben. Ein Land, dass sie auch geliebt haben, als die Ärzte und andere Franzosen gekommen sind. Es sind eher die Jungen, die die Sachen jetzt anderes sehen. Sie sehen die Kolonialzeit im wirtschaftlichen Zusammenhang. Unsere Eltern fanden die Kolonialzeit meistens weder gut noch schlecht. Sie haben die Schulen gesehen, die mit den Kolonialherren kamen.

In "Leve toi et Rap" singen Sie von Ihrer schwierigen Kindheit in Frankreich und in Ägypten. Mit was für Problemen hatten Sie konkret zu kämpfen?

Das waren Probleme, die wohl fast alle Migranten zu der Zeit hatten. Zu der Zeit war Frankreich ganz anders als heute. Damals fand man die Mischung von Kulturen nicht gut. Und die Perspektive der jungen Einwanderer war, später die gleichen Jobs wie ihre Eltern zu machen. Für die Mädchen bedeutete das damals Putzfrau und für die Jungs Straßenfeger oder Fließbandarbeiter. Die Migranten waren überhaupt nicht integriert. Es gab keinerlei Kontakte zu den Franzosen. Wir mussten bis zu den 80er Jahren warten. Ich habe keine Ahnung was da passiert ist, aber plötzlich wurde dieses Land ein bisschen normaler. Plötzlich gab es einen Austausch zwischen dem algerischen Arbeiter und dem Franzosen aus dem Berry, zwischen dem Afrikaner und dem Franzosen aus der Auvergne. Das war auch die Kraft der Weltmusik. Da gab es den Rai und die afrikanische Musik von Mory Kanté und anderen. Plötzlich gab es einen Austausch und viele Sachen haben sich geändert. Der Franzose aus Frankreich hatte vorher ein Bild von seinem Land, das nur weiß war. Heute hat sich das sehr viel weiterentwickelt.

Sie haben gesagt, dass Sie die Erinnerungen an die afrikanische Musik bewahrt haben. Wo schlägt sich das in Ihrer Musik nieder?

Meine Art, Geschichten zu erzählen, ist afrikanisch. Das sind zusammenhängende Geschichten, die an die Gesänge der Griots erinnern. Die Griots erinnern mit ihren Geschichten an die Vergangenheit. Das können Geschichten von Kriegen sein, aber auch oft Familiengeschichten. So geben sie die Geschichten von Generation zu Generation weiter. Diese Erzähltradition habe ich aus Afrika übernommen. Und manchmal mache ich Stücke, die eine enge Verbindung zu Afrika haben. Zum Beispiel "Hijo de Africa". Das hab ich vor kurzem in der Elfenbeinküste gehört. Um vier Uhr morgens. Der Rhythmus kommt aus Jamaika und der Song ist mit einer Kora und einem Balafon eingespielt. Instrumente, die aus Guinea und Mali kommen. Ich rappe dann da drauf. Und wenn man so etwas um vier Uhr morgens in Afrika hört, dann weiß man, dass die Musik dorthin passt. Das hat mich sehr gefreut.

Sie haben Afrika erst sehr spät kennengelernt, sagen Sie. Wann war das?

Ich habe Afrika zu zwei verschiedenen Zeiten kennengelernt: Mit 12 Jahren bin ein Jahr in Ägypten zur Schule gegangen und dann habe ich Afrika neu kennengelernt als ich 20 war - also nachdem ich angefangen hatte, Musik zu machen. Man hatte uns vorgeschlagen, in Afrika Konzerte zu geben und natürlich haben wir ja gesagt und so sind wir nach Afrika gefahren. Das war also erst sehr spät. Meine Familie war hier in Frankreich und wir hatten die Reise nach Afrika immer wieder aufgeschoben. Meine Mutter musste arbeiten und so haben wir immer gesagt, "ok, wir fahren nächstes Jahr" und dann wieder nächstes Jahr und so weiter. Und ich habe es einfach verpasst. Das erste Mal war ich dann im Senegal. Danach in Mali, Burkina, Guinea-Conakry, Guinea Bissau und in vielen anderen Ländern.

Was hat Sie während der ersten Reise am meisten beeindruckt?

Ich habe mich zuhause gefühlt. Man trifft viele kultivierte, offene Leute, die gut informiert sind. Man spürt, dass es dort viel Potenzial gibt. Man spürt, dass die Leute so viel Lebensfreude haben, trotz der ganzen Schwierigkeiten. Damals steckten die Leute in einem Informationsloch, sie mussten noch Geld auftreiben, um zu telefonieren. Die Nachrichten kamen langsam per Telefon oder eben durch die Zeitung, aber alles hat Geld gekostet. Heute gibt es das Internet und wer sich informieren will, findet einen Weg. Für mich ist das ein Phänomen: Wer sich wirklich für etwas interessiert, kennt das Thema in- und auswendig. Das digitale Zeitalter hat viel Gutes gebracht: Die Afrikaner sind auf dem Laufenden!

Fußballspieler am Strand

"Man spürt, dass die Leute viel Lebensfreude haben."

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