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Deutschlehrer-Info

Mama geht mit zur Schule

Buchstaben sammeln, Bilderbücher anschauen, Geschichten erzählen – das Projekt „Family Literacy“ wurde von der UNESCO ausgezeichnet. Es hilft Eltern, bei ihren Kindern Spaß an der Sprache zu wecken.

Eltern mit ihren Kindern im Klassenraum

Lernen mit den Eltern: Projekt Family Literacy

Bevor der Unterricht in der 2a der Hamburger Gesamtschule Osterbrook losgehen kann, müssen die Kinder erst einmal ihre Stühle zu einer U-Form umstellen. Schnell hat jeder seinen Platz gefunden. „Die Großen dürfen auch ein bisschen näher kommen“, sagt Ute Stather. Dabei blickt die Lehrerin auf die hintere Reihe im Klassenzimmer. Die Großen, das sind neun Mütter und ein Vater. Nach kurzem Zögern rücken auch sie ihre Stühle direkt hinter die Kinder. Dann liest Stather aus einem Kinderbuch vor. Die Jungen und Mädchen hören fasziniert zu.

Höchste Zeit für Deutschland“

Weltalphabetisierungstag Projekt Family Literacy

Deutsch lernen in kultureller und sprachlicher Vielfalt

„Die Eltern sollen angeregt werden, zu Hause mit den Kindern mehr zu lesen, sich mit Sprache zu beschäftigen“, sagt Dr. Gabriele Rabkin vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Sie leitet das Pilotprojekt "Family Literacy“, kurz FLY genannt, das von der UNESCO mit dem Alphabetisierungspreis ausgezeichnet wurde. Der positive Umgang mit sprachlicher und kultureller Vielfalt wurde von der Jury als wichtiger Grund für die Auszeichnung des Projekts am Weltalphabetisierungstag (8.9.2010) genannt.

Das Projekt FLY vermittelt Schreib- und Lesekompetenz an Kinder und ihre Eltern. Dazu besuchen die Eltern etwa alle zwei Wochen mit ihren Kindern zusammen den Unterricht. „In anderen Ländern gibt es so etwas schon lange, in Deutschland war es höchste Zeit“, sagt Rabkin. Seit 2004 gibt es das Projekt, bisher nur in Hamburg. Mittlerweile nehmen 44 Schulen daran teil. In erster Linie richtet es sich an Familien von Zuwanderern.

Lehrer in Doppelbesetzung

„Schule und Elternhaus leben nicht nebeneinander her“, beschreibt Lehrerin Stather den Nutzen des Projekts. Man versuche auch generationsübergreifend zu arbeiten. „Manchmal kommt auch die Oma oder die Tante mit, kleinere Geschwister sind sehr oft dabei“, sagt Stather. Für sie als Lehrerin war der gemeinsame Unterricht mit der Familie eine Umstellung. „Ich war über meinen eigenen Mut erstaunt“, sagt Stather.

Sie ist bereits seit Beginn bei FLY dabei. „Wir brauchten einige Pioniere, die mitmachen“, sagt Rabkin. Denn für die Lehrer bedeutet dies vor allem mehr Arbeit. „Daher soll der Unterricht in Doppel-Besetzung durchgeführt werden.“ Zudem würden die Lehrer in der Praxis begleitet. Sie könnten sich mit Fragen und Problemen an das Institut wenden, sich mit Kollegen austauschen. Denn in ihrer Ausbildung wurden die Lehrer auf diese Form des Unterrichts nicht vorbereitet. „Meist ergeben sich aus dem Zusammentreffen der verschiedenen Kulturen einige Fragen“, so Rabkin.

Kurzer Weg zu den Eltern

Weltalphabetisierungstag Projekt Family Literacy

Schule und Familie kommen sich näher

Stather sieht trotz der Mehrbelastung vor allem Vorteile in diesem Projekt. „Der Weg zu den Eltern ist eindeutig kürzer geworden“, sagt sie. Einer ihrer Schüler habe immer wieder Fehler gemacht, wenn er das Datum schrieb. Stather konnte die Mutter ohne einen extra Sprechtermin bitten, dies zu Hause zu üben.

Bereits in der nächsten Woche habe der Junge keinen Fehler mehr gemacht. „Die Eltern sehen, was wir hier machen und können dann auch besser verstehen, worin ihr Kind unterstützt werden muss“, sagt Stather. Und vor allem sei das Interesse an der Schule größer geworden.

Buchstaben auf der Straße sammeln

Dass viele Eltern den FLY-Unterricht auch als eigenen Deutschunterricht sehen, sei doch ein schöner Nebeneffekt, so Rabkin. Allerdings sei es nicht so wichtig, dass die Eltern zu Hause mit ihren Kindern deutsch sprechen und lesen. Viel wichtiger sei es, dass sie sich mit Sprache befassen. Dass sie ihre Kinder anhalten, in ganzen Sätzen zu sprechen, mit ihnen Bücher anschauen und darüber reden oder auf dem Weg zur Schule Buchstaben suchen. All das versucht das Projekt FLY anzuregen.

Daher wird auch im Unterricht immer wieder die Muttersprache der Eltern mit einbezogen. „Wenn sie in ihrer Muttersprache viel mit den Kindern lesen und reden, können diese auch leichter Deutsch lernen“, sagt Stather. Neben dem Unterricht in der Schule werden Elternnachmittage angeboten, bei denen mit den Kindern gespielt wird oder sich die Eltern über die Ziele der nächsten Aktivitäten informieren können. Zudem werden regelmäßig Ausflüge gemacht, etwa in die Bibliothek.

Eltern erobern die Schulen

Weltalphabetisierungstag Projekt Family Literacy

Die Eltern bringen sich ein

„Die Eltern sollen die Schulen für sich erobern“, sagt Rabkin. In einigen Einrichtungen sei dies bereits geglückt. Dort hätten Eltern einen eigenen Raum, den sie zum Teil auch selbst eingerichtet hätten. „An den Schulen muss sich eine Willkommenskultur entwickeln“, fordert Rabkin. Man müsse die Fähigkeiten der Eltern aus den verschiedensten Kulturen nutzen und stärken.

„Wir sehen Eltern nicht als Hilfslehrer, sondern als die ersten und wichtigsten Lehrer ihrer Kinder“, betont Rabkin. Elternabende allein reichten da nicht aus. Die Eltern müssten den Schulbetrieb selbst kennen lernen.

Bisher wird FLY für die Vorschule und 1. Klasse angeboten. „Doch das reicht nicht aus“, meint Stather. Daher führt sie den FLY-Unterricht auch in der 2. Klasse weiter. Vom Institut für Lehrerbildung und Schulentwicklung wird das begrüßt. Der Unterricht müsste nach oben und nach unten ausgedehnt werden, sagt auch Rabkin. Derzeit plant das Institut, das FLY-Projekt auch in Kindergärten einzuführen.

Autorin: Janine Albrecht
Redaktion: André Moeller

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