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Afrika

Mali vor dem Waffenstillstand?

Eine wichtige Gruppe der islamistischen Rebellen will der Gewalt abschwören. Doch wie glaubwürdig ist dieser Schritt? In Bamako wird weiter an einer Militärmission gegen die Rebellen gearbeitet.

Ganz in Weiß, bekleidet mit dem traditionellen Übergewand und dem Gesichtsschleier der Tuareg, trat Mohamed Aharib in Ouagadougou vor die Presse. Mit ruhiger Stimme erklärte der Sprecher der islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine ("Verteidiger des Glaubens"), man werde die Kämpfe im Norden Malis einstellen. "Um ein Klima von Vertrauen und Sicherheit zu schaffen, verpflichtet sich die Delegation der Ansar Dine zu einem völligen Waffenstillstand. Zudem garantieren wir die freie Bewegung von Waren und Personen."

Das schließe auch humanitäre Helfer ein, so Aharib in seiner Erklärung am Dienstag (06.11.2012). Sie sollen Zugang zu den Gebieten erhalten, die unter Kontrolle der Ansar Dine stehen. Zuvor hatten Aharib und weitere Vertreter Ansar Dines den Präsidenten Burkina Fasos Blaise Compaoré zu Gesprächen getroffen. Er vermittelt in der Mali-Krise.

Die schwarze Flagge des Dschihad

Im April dieses Jahres hatten die Ansar Dine gemeinsam mit weiteren Rebellengruppen den Norden Malis unter ihre Gewalt gebracht. Dort herrschen die Kämpfer mittlerweile über ein Gebiet von der Größe Frankreichs, in dem sie ihre strikte Interpretation des islamischen Rechts, der Scharia, mit Gewalt durchsetzen. Sie verbieten weltliche Musik, steinigen mutmaßliche Ehebrecher und treiben Drogen- und Waffenhandel.

Eine islamistische Flagge auf einem Geländewagen im Norden Malis (Foto: REUTERS)

Ansar Dine, MUJAO und andere Gruppen wollen den Norden Malis in einen islamischen Staat verwandeln.

Alles unter dem Banner des Dschihad, der schwarzen Flagge, die auch schon über Al-Kaida-Stellungen in Afghanistan und auf den Pickup Trucks von Schabab-Milizen in Somalia flatterte. Umso mehr zeigen sich Beobachter erstaunt von der Friedensbotschaft des Ansar Dine-Mannes in Weiß, der vor den Mikrofonen in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou, Fundamentalismus, Terror und grenzüberschreitende Kriminalität scharf verurteilte.

"Ansar Dine und die anderen Gruppen im Norden sind eben Chamäleons, die sehr schnell die Farbe wechseln", erklärt der malische Politologe Séga Goundiam im Gespräch mit der Deutschen Welle. Sie hätten in den vergangenen Jahren mit dem Schmuggel von Drogen und Waffen im Norden Malis einen Haufen Geld verdient. Mit einem Friedensschluss könnten sie wenigstens ihre bisherige Beute retten, meint Goundiam. "Denn wenn es zu einer Militärintervention kommt, werden sie alles verlieren."

Vom Tuareg-Führer zum Islamisten

Anführer der Ansar Dine und mutmaßlich einer der Profiteure des Mali-Konflikts ist Iyad Ag Ghali. Er befehligte zuvor Tuareg-Rebellen, die im Norden Malis seit Jahrzehnten für einen eigenen Staat kämpfen. Als islamistische Gruppen im Norden Malis immer stärker die Vorherrschaft erringen konnten, wandelte er sich zum Glaubenskrieger. Ulrich Delius, Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, hält die Friedensbeteuerungen der Ansar Dine deshalb für wenig glaubwürdig.

"Ich kenne Ag Ghali, das ist ein wirklich geschickter Mann", so Delius im Gespräch mit der Deutschen Welle. Ag Ghali versuche derzeit, seine neu gewonnene Schlüsselposition auszunutzen und seinen Einfluss zu vergrößern. Denn Ansar Dine habe ein schwieriges Verhältnis zu den anderen Islamistengruppen in Nordmali, etwa zur MUJAO, der Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika. "So ist MUJAO bereits mehrfach in Regionen aktiv geworden, die eigentlich von Ansar Dine kontrolliert werden." Und dann ist da noch die Islamistengruppe AQMI, der Ableger von Al-Kaida im Maghreb. Sie gilt als gut vernetzt und hat bislang keine Bereitschaft zum Frieden erkennen lassen.

Militärexperten aus aller Welt posieren zum Gruppenfoto in Bamako. (Foto: REUTERS)

Militärexperten aus aller Welt beraten in Bamako über einen Einsatz im Norden Malis.

Der Einsatzplan steht

Die malische Armee möchte die verschiedenen Islamistengruppen mit Waffengewalt vertreiben, gleich ob Ansar Dine, MUJAO oder AQMI. Seit Wochen brütet sie mit Militärs der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS über möglichen Einsatzplänen - gemeinsam mit Vertretern der Vereinten Nationen, der Afrikanischen Union sowie der EU. Ziel ist es, den Norden des Landes mit einer internationalen Militärmission zu befreien. Nun habe man sich auf einen Einsatzplan geeinigt, erklärten die Armee-Chefs mehrerer afrikanischer Länder in Malis Hauptstadt Bamako - nur wenige Stunden nach dem Presseauftritt der Ansar Dine-Unterhändler im benachbarten Burkina Faso. Sie wollen 4000 Soldaten in den Norden Malis entsenden. Diesem Plan muss allerdings noch der UN-Sicherheitsrat zustimmen, der Ende November darüber beraten will. Erst Mitte Oktober hatte der Sicherheitsrat der UN angekündigt, einen solchen Einsatz prinzipiell zu unterstützen.

"Mittlerweile hat die internationale Staatengemeinschaft verstanden, dass es hier nicht nur um eine inner-malische Angelegenheit geht", so Kisma Gagou, Berater im Verteidigungsministerium Malis. Im Deutsche-Welle-Interview zeigt er sich zuversichtlich, dass auch die EU einen Militäreinsatz unterstützen wird. "Schließlich geht es hier auch um die Sicherheit Europas." Die EU fürchtet, dass Nord-Mali zu einem Stützpunkt des internationalen Terrorismus werden könnte. Sie hat bereits zugesichert, einen Einsatz logistisch und finanziell zu unterstützen. Zudem will sie die malische Armee mit einer Ausbildungsmission stärken.

Vertreter der Ansar Dine sitzen am Verhandlungstisch in Ouagadougou. (Foto: AFP/Getty Images)

Vertreter der Ansar Dine bei Friedensverhandlungen in Ouagadougou.

Doch warum steckt die ECOWAS viel Energie in Friedensverhandlungen mit den Islamisten, wenn doch gleichzeitig eine Militärmission fest geplant ist? "Warum nicht", entgegnet der malische Politologe Séga Goundiam. Für ihn macht auch dieser scheinbare Gegensatz Sinn. Die Verhandlungen seien ein reines Blendmänover, zum Scheitern verurteilt. Und anschließend könne ECOWAS mit dem Scheitern der Verhandlungen einen Krieg gegen die Islamisten im Norden Malis begründen.

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