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Afrika

Mali: Bundeswehreinsatz auf schwierigem Terrain

Islamistische Milizen versuchen, den Friedensprozess in Mali zu torpedieren. Zum Schutz der zivilen Bevölkerung will Deutschland bis zu 650 Soldaten in das Land schicken. Dort erwartet sie eine hochexplosive Gemengelage.

Die rote Düne von Koyma sei wohl die schönste Düne Westafrikas, schwärmt ein Urlauber auf einem Internetportal. Er empfiehlt eine Kanufahrt über den Niger und eine anschließende Wanderung über die Düne, das natürliche Wahrzeichen der Stadt Gao - am besten am Nachmittag, um auf dem Rückweg einen romantischer Sonnenuntergang genießen zu können.

Das war 2011. Inzwischen trauen sich keine Touristen mehr in die Wüstenstadt Gao im Norden Malis. "Fünfzehn Kilometer vor der Stadt kannst du dir sicher sein, dass du von Bewaffneten überfallen wirst", erzählt Ibrahim Maiga. Er arbeitet für das afrikanische Institut für Sicherheitsstudien (ISS) im Senegal. Vor zwei Wochen war er beruflich in Gao. "Die lokale Bevölkerung kann sich nicht mehr frei bewegen", berichtet er im DW-Gespräch.

Schulen seit drei Jahren geschlossen

Auch UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, schlägt Alarm: Mehr als 380.000 Kinder im Norden Malis könnten nicht zur Schule gehen - eine von sechs Schulen in dem Gebiet ist geschlossen, viele davon schon das dritte Jahr in Folge. In der Region Kidal, rund 300 Kilometer nördlich von Gao, sind fast 80 Prozent der Schulen dicht. Die Gebäude wurden bei Kämpfen zerstört, geplündert oder besetzt. Viele Lehrer sind aus dem Gebiet geflohen oder erscheinen aus Sorge um ihre Sicherheit nicht mehr zum Unterricht. Auch für die Kinder ist der Weg zur Schule gefährlich; aus Angst vor Landminen behalten viele Eltern ihren Nachwuchs zu Hause.

Eigentlich soll die UN-Mission MINUSMA den Schutz der lokalen Bevölkerung garantieren. Um sie bei dieser Aufgabe zu unterstützen, will die deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

mehrere hundert Bundeswehrsoldaten

nach Gao schicken. Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels hält den geplanten Einsatz für

genauso gefährlich wie den Kampfeinsatz in Afghanistan.

Mehr als 70 Blauhelmsoldaten sind in den vergangen drei Jahren in Nordmali getötet worden.

Islamisten erobern den Norden

Im Frühjahr 2012 hatten Tuareg-Rebellen und islamistische Milizen das Machtvakuum nach einem Militärputsch genutzt, um weite Gebiete im Norden unter ihre Kontrolle zu bringen. Schon seit Jahrzehnten fordern Vertreter der Tuareg mehr Autonomie für das Gebiet, das sie Azawad nennen. Die Islamistengruppen vertrieben im Anschluss an die Eroberung jedoch die Tuareg-Rebellen aus den meisten Städten. Als die Dschihadisten Anfang 2013 weiter nach Süden vordrangen, griff die französische Armee ein.

Ansar Dine Kämpfer in Mali

Kämpfer der Dschihadistengruppe Ansar Dine eroberten 2013 große Teile Nordmalis

Zur Entlastung Frankreichs wurden zwei internationale Einsätze aufgestellt. Ihr Ziel: Den Wüstenstaat stabilisieren. An einer EU-Ausbildungsmission im vergleichsweise ruhigen Süden Malis sind 200 Bundeswehrsoldaten beteiligt. Dagegen nehmen an der deutlich gefährlicheren MINUSMA-Mission zur Friedenssicherung im Norden bislang nur zehn deutsche Soldaten teil.

Wüstenregion ohne staatliche Kontrolle

Der Norden Malis liegt am Übergang der Sahelzone zur Sahara, ist in etwa so groß wie Frankreich und entzieht sich nahezu jeder staatlichen Kontrolle. Die Gegend um Gao und Kidal bildet ein Drehkreuz des Drogenschmuggels von Südamerika Richtung Europa - für viele bewaffnete Gruppen ist das eine lukrative Einnahmequelle. "Wir können dort einfach nicht alleine für Sicherheit sorgen. Wir brauchen eine internationale Koalition", sagte jüngst

Malis Vize-Parlamentspräsident Amadou Thiam

der DW.

Im Mai 2015 hatten die malische Regierung, internationale Vermittler und einige bewaffnete Gruppen nach zahlreichen gescheiterten Anläufen ein Friedensabkommen unterzeichnet. Gut einen Monat später schloss sich schließlich auch die Tuareg-Rebellengruppe "Koordinierung der Azawad-Bewegungen" (CMA) der Vereinbarung an. Das Papier sieht vor, dass alle Gruppen die Regierung in Bamako anerkennen, gibt dem Norden des Landes aber auch mehr Rechte. Auch die strikte Trennung von Staat und Religion war eine Bedingung für das Abkommen.

Islamisten wollen Friedensprozess torpedieren

Die verschiedenen islamistischen Milizen, die bis heute das Land unsicher machen, nahmen nicht an den Verhandlungen teil. Iyad Ag Ghaly, Anführer der islamistischen Terrorgruppe Ansar Dine, hatte schon in einem sehr frühen Stadium der Gespräche deutlich gemacht, dass er nicht verhandeln, sondern kämpfen wolle. "Es gibt sehr viele terroristische Gruppen, die versuchen, den Friedensprozess zu behindern", sagte der scheidende MINUSMA-Chef Mongi Hamdi Ende November

im DW-Interview.
Bundeswehr in Mali, EU-Ausbildungsmission

Im vergleichsweise ruhigen Süden Malis sind 200 Bundeswehrsoldaten an einer EU-Ausbildungsmission beteiligt

Wenige Tage zuvor hatte eine Geiselnahme in einem Hotel in der Hauptstadt für internationales Aufsehen gesorgt. Zu der Terrorattacke mit mindestens 20 Toten bekannten sich gleich zwei Dschihadistengruppen: Al-Kaida im Maghreb und al-Murabitun ("Die Wächter"). Den Ausnahmezustand, der seitdem in Mali gilt, hat das Parlament vor wenigen Tagen bis Ende März verlängert. "Die terroristische Bedrohung verschiebt sich aus dem Norden in den Süden", so ISS-Experte Maiga. "Kaum eine Region in Mali ist vor dieser Bedrohung gefeit."

Große Erwartungen an die deutschen Soldaten

Die Gewalt reißt nicht ab: Gut eine Woche nach der Geiselnahme in Bamako griffen Terroristen einen UN-Stützpunkt in Kidal an. Zwei Blauhelmsoldaten aus Guinea und ein Zivilist wurden getötet, mindestens 20 Menschen verletzt. In einem vierstündigen Gefecht in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember gelang es französischen Truppen, etwa zehn radikalislamische Kämpfer zu töten oder gefangen zu nehmen. Wenige Tage später töteten Kämpfer der Dschihadistengruppe Ansar Dine in der Region Kidal mindestens sechs Tuareg, die der ehemaligen Rebellenkoalition CMA angehörten. Es seien Verräter gewesen, die von Frankreich bezahlt würden, heißt es von Seiten der Islamisten.

Die UN-Mission in Mali hat kein robustes Mandat, das heißt, sie kann nicht aktiv gegen die Islamisten vorgehen. Die Erwartungen an die deutschen Soldaten, die diese Mission verstärken sollen, sind dennoch groß. "Die deutschen Streitkräfte sind selbstverständlich willkommen", so der scheidende MINUSMA-Chef Hamdi: "Vor allem, weil die deutsche Armee für ihre Expertise, ihre Technologie und ihre Zuverlässigkeit weltweit bekannt ist."

Mitarbeit: Carole Assignon, Eric Topona, Adrian Kriesch, Jan-Philipp Scholz

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