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Kultur

Malen statt Zahlen

Es ist ein auf der Welt einmaliges Steuersystem: Statt in Peso zahlen mexikanische Künstler ihre Steuern mit Bildern. Doch es ist gar nicht so einfach, den Fiskus zufriedenzustellen.

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Volkskunst für die Amtsstuben - und das Amtsmuseum

"Pago en Especie" - also "Zahlung in Naturalien" - heißt das Programm, mit dem Kunstschaffende ihre Steuerschuld "abmalen" können. Über die Jahrzehnte hat der mexikanische Fiskus mehrere tausend Kunstwerke gesammelt. Die wertvollsten, rund 3600 Stück, werden seit acht Jahren in einem eigenen Museum im ehemaligen Erzbischöflichen Palast in der Altstadt von Mexiko-Stadt aufbewahrt.

"Es ist die umfassendste Sammlung zeitgenössischer mexikanischer Kunst", sagt Juana Inés Abreu, Generaldirektorin für Kulturförderung im mexikanischen Finanzministerium. Werke von Rufino Tamayo, Antonio Ruíz, Adolfo Best Maugard und dem bekanntesten mexikanischen Wandmaler, Diego Rivera, sind im Steuer-Museum ausgestellt. Insgesamt beteiligen sich heute 300 Künstler an "Pago en Especie". Jeder Dritte von ihnen ist Ausländer.

Kunstliebender Finanzbeamter

Die Idee zu dem ungewöhnlichen Programm hatte Riveras Kollege David Alfaro Siqueiros im Jahre 1957. Gemeinsam mit einem kunstbegeisterten Abteilungsleiter im Finanzministerium suchte der Muralist nach einer Lösung für einen Kollegen, der keine Steuern zahlen wollte, weil er mit seiner Arbeit kaum was verdiente. Der Finanzbeamte akzeptierte schließlich statt Peso ein Bild als Steuerleistung - und schon war die Idee für "Pago en Especie" geboren. Anders als Rivera beteiligte sich Siqueiros allerdings nie an dem Programm.

Der Sinn der Aktion ist ein doppelter. Zum einen solle den Künstlern so das Zahlen der Abgaben vereinfacht werden, betont Abreu. "Denn in Mexiko ist es sehr unpopulär, Steuern zu zahlen." Und da seien die Kunstschaffenden keine Ausnahme. Auf der anderen Seite wollte der Staat so eine Kunstsammlung von Wert zusammentragen.

1974 regelte die mexikanische Regierung in einer Verordnung die Abgabepflicht bis ins Detail. Je mehr Gemälde, Skulpturen oder Radierungen ein Künstler verkauft, desto mehr muss er auch dem Finanzministerium abliefern. Wer 21 oder mehr Werke pro Jahr verkauft, muss sechs weitere Arbeiten als Steuer entrichten. Diejenigen, die nur ein Kunststück veräußern können, müssen ein zusätzliches an den Staat geben. Wer lediglich ein Bild los wird, muss entsprechend noch eins für das Finanzamt malen. Foto-, Video- oder Installationsarbeiten werden nicht akzeptiert.

Fiskus als Kunstkenner

"Manchmal geben die Künstler die Stücke ab, die unverkäuflich sind", sagt die Zeichnerin Carla Rippey, die selbst seit Jahren ihre Steuern in Naturalien zahlt. Deshalb begutachtet ein Sachverständigengremium jedes Werk. Werden die eingereichten Arbeiten drei Mal abgelehnt, muss der Künstler seine Steuern ganz normal in Peso entrichten. Und wer die festgesetzten Abgabetermine überzieht, muss ein weiteres Werk pro Quartal als Säumnisgebühr abgeben.

Ist ein Kunstwerk einmal angenommen, wird es aber noch nicht unbedingt ausgestellt. Nur wenn dem Stück "Museumsqualität" bescheinigt wird, kann es in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Die Stücke, die als Steuerbetrag akzeptiert, aber nicht als ausstellungstauglich eingestuft werden, landen in den Amtsstuben des Finanzministeriums - und erfreuen da ab und zu zumindest einen Beamten.

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