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Afrika

Malawische Straßenkinder in Gottes Obhut

Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. In der wirtschaftlichen Metropole Blantyre leben etwa 2000 Kinder auf der Straße. Ihnen hilft der Chisomo Children’s Club auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Gebäude Chisomo Children's Clup (Foto: Nina Haase)

Neue Heimat: Chisomo Children's Club

Aus der offenen Tür des hellen mehrstöckigen Gebäudes mit den blauen Fensterrahmen dringen fröhliche Kinderstimmen. Tief in Gespräche vertieft sitzen acht Kinder und Jugendliche im Licht durchfluteten Versammlungssaal mit den bunten Wandmalereien. Einige spielen draußen Fußball, andere machen in den oberen Büros ihre Hausaufgaben. Der Chisomo Children’s Club liegt etwas abseits der belebten Hauptverkehrsader von Blantyre, dem wirtschaftlichen Zentrum von Malawi.

Straßenkinder (Foto: Nina Haase)

Im Versammlungsraum des Chisomo Children's Club

Aus der Familie vertrieben

Alle Kinder hier wollen weg vom Leben auf der Straße. "Ich habe früher bei meiner Großmutter im Vorort der Stadt gelebt“, erzählt die 17-jährige Jane Banda, die mit 13 zu Chisomo kam. "Meine Großmutter hatte neu geheiratet. Ihr neuer Mann sagte mir und meiner älteren Schwester eines Tages, dass er sich von meiner Großmutter trennen würde, wenn wir uns nicht eine neue Bleibe suchen würden. Wir fragten bei Verwandten nach, ob wir bei ihnen unterkommen könnten, aber niemand wollte uns aufnehmen." Eine Freundin erzählte den Kindern dann irgendwann von Chisomo. Dort nehme man Kinder unter 14 Jahren auf. "Sie hatte dort auch mal gelebt. So zog ich hier ein."

Porträt Jane Benda (Foto: Nina Haase)

Jane Benda

Wie Jane sind etwa eine Million Kinder in Malawi AIDS-Waisen. In vielen Orten liegt die Infektionsrate bei 25 Prozent. Wenn die Eltern sterben, ziehen die Kinder zu ihren Großeltern oder anderen Verwandten. Oft sind sie dort aber nur geduldet und nicht geliebt. Viele Familien können aus Armut selbst ihre eigenen Kinder kaum ernähren. Manche Verwandte heiraten neu, und die Kinder landen dann oft auf der Straße, weil die neuen Partner sich weigern, die Kinder aufzunehmen. Andere Kinder zieht es auf die Straße, weil sie im Betteln eine lukrative Nebentätigkeit entdeckt haben. Die Sozialarbeiter vom Chisomo Children’s Club laden diese Straßenkinder dann gezielt zu Gesprächsrunden in den Club ein.

Unterricht statt betteln

Den heute 16-jährigen Samson Kanyimbo sprachen die Mitarbeiter von Chisomo vor acht Jahren an, als sie entdeckten, dass er sich auf der Straße in Blantyre herumtrieb, leere Flaschen sammelte, sie verkaufte und bettelte: "Sie fragten mich, warum ich nicht in der Schule sei. Als ich sagte, dass ich bettle, luden sie mich in den Club ein. Dort erklärten sie mir, wie wichtig Schule ist und wie gefährlich es ist, auf der Straße zu leben."

Schultafel (Foto: Nina Haase)

Mit Bildung weg von der Straße

Statt ihren Lebensunterhalt mit Betteln oder gar Prostitution verdienen zu müssen, erhalten die Straßenkinder im Clubhaus täglich warme Mahlzeiten und etwas anzuziehen. Und um ihr künftiges Leben besser in den Griff zu bekommen, gibt es im Chisomo Children’s Club zwei Mal in der Woche Unterricht. "Wir beraten sie in lebenswichtigen Fragen, bringen ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen bei", fasst Ken Mkwinda, der Projektleiter des Clubs, den Unterricht zusammen. "Außerdem informieren wir sie über gesundheitsrelevante Fragen, über ihre Rechte und Pflichten und darüber, wie sie sich vor Missbrauch schützen können."

Übergangsstation für die Rückkehr in die Familie

Der spendenfinanzierte Chisomo Children’s Club existiert seit 1998. Er hat eine Band und ein Fußballteam, es gibt Näh- und Malkurse. Die Kinder sollen in Chisomo kein neues Zuhause finden, sondern langfristig in ihre vertraute Umgebung zurückgeführt werden. Der Club versteht sich nicht als Kinderheim, sondern als Übergangsstation. Und die Sozialarbeiter sind hartnäckig. Samson Kanyimbo gaben sie nicht auf, selbst als er wieder auf die Straße zurückging. "Sie haben mir sehr geholfen. Sie holten mich zurück in den Club, gaben mir Unterricht und brachten mich schließlich wieder zu meinen Eltern."

Die Sozialarbeiter begleiten die Kinder in ihre Dorfgemeinschaften. Dort führen sie intensive Gespräche mit den Verwandten, bis sie jemanden finden, der die Kinder aufnimmt. "Mein Leben ist jetzt viel besser als früher", sagt Jane Banda, die jetzt bei ihrer Schwester und deren Mann wohnt. Den Kontakt zum Club hat sie nie abgebrochen: Sie kommt regelmäßig her, um ihre Freunde zu treffen. Außerdem erhält sie eine kleine finanzielle Unterstützung durch den Club – als eine Art Wiedereingliederungshilfe: "Ich muss nicht mehr drüber nachdenken, ob ich morgen etwas essen kann oder nicht oder ob ich weiterhin zur Schule gehen kann oder nicht. Ich bekomme ja Geld für Schulhefte und Kleidung vom Chisomo Children’s Club."

Chisomo bedeutet "von Gottes Gnaden" auf Chichewa, der Landessprache in Malawi. Die Kinder haben dem Club den Namen gegeben, erzählt Projektleiter Ken Mkwinda. Zum ersten Mal habe sich jemand um sie gekümmert und ihre Probleme ernst genommen. Ken Mkwinda ist sich bewusst, dass der Club nicht allen Straßenkindern in Malawi helfen kann. Aber ein klares Ziel hat er: "Sie sollen spüren, dass auch sie Menschen sind, die Respekt verdienen."

Autorin: Nina Haase

Redaktion: Peter Koppen