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Bildung

Mal "weltwärts" nach Kambodscha

Bizarr, lebendig, herzlich – so beschreibt der 20-jährige Sebastian Kambodscha. Das "weltwärts"-Freiwilligenprogramm brachte ihn nach Südostasien, wo der angehende Student als Englischlehrer unterwegs ist.

Eine kambodschanische Dorfschule (Foto: Sebastian Lotz)

Eine Dorfschule in Kambodscha

Kein Internet, kein Fließendwasser, keine Schlafmatratze, aber dafür Sonne, Sonne, Sonne. Obwohl die Uhr noch nicht mal Zehn anzeigt, ist die Hitze in dem kleinen kambodschanischen Dörfchen Prey Rumeat schon unerträglich. Die 30-Grad-Marke ist längst überschritten. Sebastian Lotz scheint das heiße Klima nicht mehr so viel auszumachen. Schließlich ist er schon seit August 2009 im Süden Kambodschas unterwegs. "Ich wollte einfach mal einen anderen Blickwinkel auf mein Leben in Deutschland bekommen", sagt Sebastian und ist nun ganz weit weg von zu Hause, in dem Land, das für seine Tempelanlagen in Angkor weltberühmt ist. Mit den Tempeln hat Sebastian jedoch nichts am Hut, er unterrichtet Englisch. Dort, wo einem so schnell kein Tourist über den Weg läuft, wo die Reisbauern jeden Tag vor dem Problem stehen, wie sie ihre Familie satt bekommen, wo Schulunterricht für viele Kinder ein Traum bleibt, da sie ihren Eltern beim Brotverdienen helfen müssen.

Einmal Offenburg – Kambodscha

Mal 'weltwärts' unterwegs - Sebastian Lotz (Foto: DW/Daniela Doutch)

Sebastian Lotz

Sebastian ist 20 Jahre alt und kommt aus Offenburg. Er gehört zur zweiten Generation des "weltwärts"-Freiwilligenprogrammes, das 2007 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen wurde. "Lernen, Helfen und Verantwortung übernehmen" – das gehört zum Slogan von "weltwärts". Etwa 6000 Freiwillige zwischen 18 und 23 Jahren sind in 19 Entwicklungsländern unterwegs, arbeiten in den Bereichen Bildung, Umwelt und Gesundheit. Über den Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der ein Partner von "weltwärts" ist, kam Sebastian auf die Idee nach dem Abitur für ein Jahr nach Kambodscha zu gehen. "Mir hat das Programm für Kambodscha einfach am besten gefallen", meint er rückblickend, "und deshalb bin ich hier."

Untergebracht ist Sebastian bei der kambodschanischen Gastorganisation "Mlup Baitong", einer NGO, die mit dem DED zusammenarbeitet und sich besonders für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen des Landes einsetzt. Das ist auch nötig, denn leider gehört das illegale Abholzen immer noch zu den lukrativsten Geschäften in Kambodscha. Das zweistöckige Bürohaus der Organisation in Prey Rumeat ist etwa zwei Autostunden von der Millionenstadt Phnom Penh entfernt. Ein kleiner Volleyballplatz und ein Holzverschlag mit Küche flankieren das Bürohaus. Man ist hier mitten auf dem Land und ohne Motorroller aufgeschmissen. "Um ins Nachbardorf Chambok zu kommen, brauche ich knapp eine Stunde. Also muss ich am Tag zwei Stunden Fahrtzeit einrechnen."

Blick ins Dorf Prey Rumeat (Foto: DW/Daniela Doutch)

Blick ins Dorf Prey Rumeat

"What is your name?"

Neben Chambok unterrichtet Sebastian noch in zwei weiteren Dörfern, vier Mal die Woche. Die Schüler in seinen drei Klassen sind zwischen 8 und 16 Jahre alt. Somit gestaltet sich die Unterrichtsplanung nicht immer einfach. "Während manche schon richtig gut sind, können andere noch nicht einmal das ABC." Hinzu kommt, dass die Schüler nicht zu jedem Unterricht kommen. Sebastian muss flexibel bleiben und darf nicht zu enttäuscht sein, wenn trotz vieler Übungen die Frage "What is your name?" den Kindern immer noch nicht so richtig über die Lippen kommt. Henrice aus Hannover, die mit Sebastian zusammen für Mlup Baitong arbeitet und auch in Dörfern der Umgebung unterrichtet, hat die gleichen Erfahrungen gemacht: "Die Kinder sind nicht dumm, aber da sie für den elterlichen Betrieb arbeiten müssen, kommen sie eben oft unregelmäßig."

Machtlos gegen Korruption

Die große Armut der kambodschanischen Bevölkerung bekommen die "weltwärts"-Freiwilligen immer wieder zu spüren. Nicht nur im eigenen Unterricht, sondern auch, wenn es mit der Umweltorganisation mal in den Dschungel geht. "Einmal sind wir auf illegale Holzfäller gestoßen, die mit riesigen Kettensägen ausgestattet waren", schüttelt Sebastian den Kopf, "auch noch deutsches Fabrikat." Niemand wurde festgenommen, nur die Namen wurden aufgeschrieben. Trotz der Anwesenheit eines Polizisten und obwohl illegales Abholzen unter Strafe steht. "Der Polizist hatte Angst. Die Hintermänner sind meistens hohe Tiere aus Politik und Militär. Er hat sich um seinen Job gesorgt." Die Machtlosigkeit gegen die Korruption gehört zu den traurigen Erfahrungen, die Sebastian und die anderen Freiwilligen machen müssen.

Leben unterhalb der Armutsgrenze

Dschungelschwund durch illegale Holzfäller (Foto: Sebastian Lotz)

Dschungelschwund durch illegale Holzfäller

Leider gehört Kambodscha mit seiner wunderschönen Landschaft, den Tempeln von Angkor und den großen Nationalparks immer noch zu den ärmsten Ländern weltweit. Etwa fünf Millionen Menschen (35 Prozent) leben unterhalb der Armutsgrenze, das heißt, sie leben von einem US-Dollar pro Tag. Rund 40 Fachkräfte wurden vom DED nach Kambodscha geschickt, um zu helfen. Das Entwicklungshilfeprojekt stellt eines der größten Programme des DED dar. Durch das "weltwärts"-Freiwilligenprogramm, das im Februar 2008 die ersten Freiwilligen nach Kambodscha sandte, hat das Team nun noch zusätzliche Unterstützung.

Einfach gelassener sein

Wenn Sebastian zurück nach Deutschland kommt, wird er ein BWL-Studium beginnen. Ob er später im Bereich der Entwicklungshilfe arbeiten will, weiß er noch nicht genau. Seine Entscheidung nach Kambodscha zu gehen bereut er auf jeden Fall nicht. "Ich kann nur jedem raten, so etwas einmal zu machen. Man lernt unglaublich viel von den Menschen hier. Ganz andere Dinge als in Deutschland. Zum Beispiel Gelassenheit." Und man lernt noch etwas: das eigene Leben in Deutschland zu schätzen.


Autorin: Daniela Doutch
Redaktion: Gaby Reucher

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