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Amerika

Mal eben eine Waffe kaufen

Wie nach jeder Massenschießerei kaufen die Amerikaner auch nach dem Massaker von Newtown mehr Waffen. Sie fürchten verschärfte Gesetze. Doch wie einfach ist es, eine Pistole zu kaufen? Christina Bergmann hat es versucht.

"Nehmen Sie doch eine Glock, neun Millimeter", sagt der blonde junge Mann neben mir freundlich, "die schießt durch Wände und Türen und so ziemlich alles." Hilfsbereit fährt er fort: "Es kommt ein bisschen auf Ihre Handgröße an" - wir schauen beide auf meine ausgespreizte Hand - "aber mit einer Glock können Sie eigentlich nichts falsch machen."

Der junge Mann, ich schätze ihn auf Anfang 20, steht wie ich in einer Schlange von potentiellen Käufern in einem Waffengeschäft in Virginia. Er will eine ganz bestimmte Pistole kaufen und war deswegen schon am vergangenen Wochenende hier, erzählt er mir. "Aber da waren die nahezu komplett ausverkauft."

Der Laden südlich der Hauptstadt Washington DC hat vor 20 Minuten aufgemacht, aber die drei Verkäufer können den Andrang kaum bewältigen. Statistisch gesehen besitzen neun von zehn US-Bürgern eine Waffe, und sie kaufen immer mehr. Wie viele Waffen tatsächlich den Besitzer wechseln ist unbekannt - denn in vielen Fällen sind keinerlei Formalitäten notwendig.

Wie einfach ist es tatsächlich, eine Waffe zu kaufen? Die einfachste Möglichkeit: eine Waffenshow. Hier gibt es keine Backgroundchecks und keine Fragen. Händler wie Privatpersonen können Pistolen und Gewehre zum Verkauf bieten.

In Virginia herrschen andere Gesetze

Eine weitere Möglichkeit: das Internet. Aber das ist mir als Erstkäuferin suspekt. Wer will schon seine persönlichen Informationen einer anonymen Webseite anvertrauen. Um überhaupt ein bisschen vertrauter mit dem Thema Waffen zu werden, treffe ich mich mit einem Bekannten in Virginia. John - seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht veröffentlicht sehen - ist in einem kleinen Ort des Bundesstaates groß geworden. Waffen, erzählt er, gehörten dort zum Alltag. "Ich war ungefähr neun Jahre alt, als ich zum ersten Mal geschossen habe."

Mit 18 hat John sich das erste eigene Gewehr gekauft: eine Winchester. Inzwischen besitzt er mehrere Waffen, legt aber bei Kauf oder Verkauf Wert auf die Formalitäten. Das ist in Virginia nicht zwingend vorgeschrieben. Wer hier wohnt, kann einem anderen Bürger des Bundesstaates eine Waffe verkaufen wie ein Fahrrad, ohne Backgroundcheck, ohne Papiere. John ist diese Regel suspekt: "Wenn ich die Waffe nicht mehr besitze, dann soll das auch dokumentiert sein, damit ich nicht mehr verantwortlich dafür bin", sagt er, denn wer wisse schon, was der Käufer in zehn Jahren damit macht.

Auf nach Maryland

Ein Waffenkäufer inspiziert in einem Laden ein halbautomatisches Gewehr Foto: Mike Maple (dpa)

Zwei bis drei Stunden vom Aussuchen bis zum Kauf der Waffe

Wenn er in Virginia in einem Laden eine Waffe kauft, erzählt John, dann gehe der Backgroundcheck schnell, schon nach zwei oder drei Stunden könne der Käufer, wenn es keine Einwände gibt, die Waffe mitnehmen, jedenfalls eine Pistole oder eine halbautomatische Waffe. Ich beschließe, ein paar Tage später direkt in einen Waffenladen zu gehen. Allerdings in Maryland, denn dort bin ich gemeldet.

Bereits im ersten Waffenladen, den ich an diesem Morgen ansteuere, herrscht reger Betrieb. Das Geschäft reiht sich ein in eine der typischen Ladenzeilen, zwischen einem taiwanesischen Restaurant und einer Tierhandlung. Einziger Unterschied zu den Nachbargeschäften: die Fenster sind vergittert und nicht einsehbar. Ich bin an der Reihe - und gebe mich als Journalistin zu erkennen, die gerne herausfinden möchte, ob und wie sie eine Waffe kaufen kann. "Hm, lassen Sie mich kurz checken, ob ich mit Ihnen reden darf", sagt der Verkäufer und verschwindet in einem Nebenraum. Der Manager informiert mich kurz darauf, dass ich mich an den Pressesprecher wenden muss. Der ist in einer anderen Filiale und hat leider keine Zeit, mit mir zu reden.

"Erstkäufer? Kein Problem!"

Ich fahre zu einem andern Waffengeschäft in Maryland, etwas weiter östlich. Auch hier herrscht kurz nach Ladenöffnung schon reger Betrieb. Diesmal bin ich einfach nur Kundin. "Was kann ich für Sie tun?", fragt die Verkäuferin freundlich. "Ich habe vor allen Dingen eine Menge Fragen", entgegne ich. "Erstkäufer?", fragt sie, und als ich nicke, fährt sie fort: "Kein Problem, mein Kollege kann Ihnen helfen, wir haben hier viele Leute, Männer und Frauen, die zum ersten Mal eine Waffe kaufen."

Ihr Kollege, der gerade noch eine Dame mittleren Alters bedient hat, weist mich auf ein Schild hin: "Also, erst mal müssen Sie hier auf diese Webseite gehen, und den Kurs machen, da bekommen Sie am Ende ein Zertifikat, das bringen Sie mit, und dann kann ich Ihnen eine Waffe verkaufen." Ich will wissen: "Ich wohne zwar in Maryland, bin aber keine Amerikanerin, kann ich trotzdem eine Pistole kaufen?" "Haben Sie eine Green Card?", fragt er zurück. Ich nicke, ich besitze diese offizielle Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. "Dann ist das kein Problem", lautet die Antwort.

Hände, die eine Pistole abfeuern Foto: Klaus-Dietmar Gabbert (dpa)

Auch für Erstkäufer und für die, die ahnungslos sind im Umgang, ist es kein Problem eine Waffe zu bekommen

Eine Waffe zum persönlichen Schutz

Niemand hat hier ein Problem damit, mir eine Waffe zu verkaufen, obwohl offensichtlich ist, dass ich keine Ahnung habe, wie man damit umgeht. Wieviel Geld ich denn anlegen müsse, frage ich noch. "300 bis 600 Dollar", lautet die Antwort.

Ich fahre nach Hause und setzte mich an meinen Computer. Auf der Webseite der Polizei von Maryland erfahre ich, dass der "Feuerwaffen Sicherheitskurs" ungefähr 30 Minuten dauern wird. Ich gebe meinen Namen, Geburtsdatum und Führerscheinnummer ein und klicke mich durch die Seiten. Ich erfahre etwas über die verschiedenen Revolvertypen, werde ermahnt Waffe und Munition getrennt voneinander und die Waffe möglichst in einem Safe aufzubewahren. Ich frage mich, wie ich sie dann schnell bereit haben soll, wenn nachts der Gangster mit der Skimaske kommt, vor dem mich Webseiten der Waffenläden warnen.

"Waffen-Kurs" in 30 Minuten

US-Vizepräsident Joe Biden Foto: Susan Walsh (AP)

Vize-Präsident Biden: Vorschläge für schärfere Waffengesetze

Nach einer halben Stunde bin ich tatsächlich fertig und kann mir als Beweis ein Zertifikat ausdrucken. Einen Abschnitt davon muss ich an die Polizei zurückschicken - und dann steht einem Waffenkauf nichts mehr im Wege. Der Händler würde noch einen Backgroundcheck durchführen, also meine persönlichen Daten zur Polizei schicken. "Normaler Weise dauert das sieben Tage", hatte er mich informiert, "aber die sind so im Rückstand, dass Sie mit zwei oder drei Wochen rechnen müssen."

Am Ende des Tages fahre ich dann doch noch in jenes Waffengeschäft in Virginia, in dem ich fast eine dreiviertel Stunde warte, bis ich an der Reihe bin. Ich will wissen, ob ich hier, wo alles einfacher ist und schneller geht, auch eine Pistole kaufen kann. Der Händler erklärt: "Sie könnten hier eine kaufen, aber wir müssen die Waffe an einen Händler in Maryland schicken, damit Sie sie dort abholen und die Formalitäten erledigen. Wir haben hier so viel zu tun, dass wir das derzeit gar nicht machen, tut mir leid."

Ich bedanke mich und verlasse den Laden. Ich könnte jetzt zu dem Händler nach Maryland zurückfahren, mir eine Pistole aussuchen, und sie in zwei bis drei Wochen ganz einfach mit nach Hause nehmen. Besonders wohl fühle ich mich bei diesem Gedanken nicht.

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