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Wissen & Umwelt

Mainstreaming für die Biodiversität

Land-, Forstwirtschaft, Fischerei und Tourismus sollen zu umweltschonendem Handeln animiert werden. Dazu verpflichteten sich die Umweltminister zum Auftakt der internationalen UN-Biodiversitäts-Konferenz in Cancún.

Die Verhandlungspartner, Minister und Vertreter von Nichtregierungs-Organisationen ringen nach Worten, denn ein passendes deutsches Wort gibt es einfach nicht. So muss eine Umschreibung als Übersetzung herhalten: Beim Mainstreaming der Biodiversität geht es um umweltschonende, umfassende Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Tourismus - und zwar weltweit. Biodiversität soll integriert werden in alle Lebensbereiche öffentlichen Lebens. Das ist das Ziel der Umweltminister der Weltgemeinschaft.

Mit einer gemeinsamen Erklärung haben die Delegationen zu Beginn der 13. Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen im mexikanischen Badeort Cancún ein Bekenntnis abgelegt, alles Erdenkliche zu tun, das Tierarten- und Pflanzensterben zu stoppen.

Die 'Cancún-Deklaration' ist sechs Seiten lang. Sie könnte in die Geschichtsbücher eingehen wie das Kyoto-Protokoll und das Abkommen von Paris für den Klimaschutz, denn die Arten- und Pflanzenvielfalt schwindet, Ökosysteme sind durch den Klimawandel ernsthaft bedroht - wie das Bienensterben zeigt.

Ohne Bienen keine Obsternte

Honigbienen sind die kleinsten Nutz- und Haustiere der Welt. Sie bestäuben mehr als 80 Prozent unserer Pflanzen, der Rest wird durch den Wind verteilt. Die Insekten übertragen den Blütenstaub mit den darin enthaltenen Spermienzellen auf das weibliche Blütenorgan. Über die Blüten entwickelt sich Obst, ein Grundnahrungsmittel der Menschen. 

Zum Überleben brauchen Bienen allerdings bestimmte Bedingungen wie Waldränder, Hecken, Totholz, Blumen, Obstwiesen oder Naturgärten mit Wildkräutern. Fehlen diese Nistplätze und Nahrungsmittel, sterben die Bienen. In Europa hat auch der gestiegene Anbau von Biosprit-Pflanzen wie Mais, Zuckerrüben und Raps zum Einbruch der Honigbienen-Population geführt.

Honigbiene (picture alliance/WILDLIFE)

Honigbiene, von Varoamilbe attakiert. Der eingeschleppte Parasit verursacht Bienensterben

Verschiebt sich durch veränderte klimatische Bedingungen die Blütezeit, geraten die Bienen unter Stress. Aber auch Parasiten, die durch die Erderwärmung in ursprünglich fremden Regionen heimisch waren sowie Trockenperioden und starke Niederschläge, setzen den Bienen zu.

Klimawandel, Fischerei und Tourismus bedroht Meeresschildkröten

Auch Meeresschildkröten sind im Bestand gefährdet. Sie werden zum ungewollten Beifang der Fischereiindustrie. Der Bau neuer Hotels am Strand zerstört ihre Nistplätze. Zudem werden immer mehr weibliche Tiere geboren. Das Geschlecht wird unmittelbar nach der Eiablage durch die Nisttemperatur im Sand bestimmt. Ist die Erde wärmer, schlüpfen auch mehr Weibchen. Und da sich die Erde langfristig durch den Klimawandel erwärmt, gibt es immer mehr Weibchen. Ein Ungleichgewicht der Geschlechter entsteht, das das Überleben der Art gefährdet. Und nicht zuletzt verenden immer wieder Meeresschildkröten, weil sie im Meer treibenden Plastikmüll gefressen haben, den sie für Quallen hielten.

"Wir müssen zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um die wirksame Umsetzung der Übereinkommen zur biologischen Vielfalt zu erreichen", heißt es in der Erklärung. "Ohne grundlegende Änderungen in der Landwirtschaft oder der Fischerei können wir die biologische Vielfalt auf unserem Planeten nicht erhalten", sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks
(SPD) und fordert ihre Ressortkollegen bei der Umsetzung der Cancún-Erklärung zur Mitwirkung auf.

10. Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik Barbara Hendricks (picture-alliance/dpa/J.Stratenschulte)

Umweltministerin Hendricks will Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Tourismus mit ins Umweltboot holen, um die Biodiversität zu schützen

"Besonders wichtig ist mir das Bekenntnis zum Abbau naturschädlicher Subventionen, für das wir uns stark eingesetzt haben", gab Hendricks zu verstehen. Landwirte, die umweltverträglich arbeiten, sollen künftig mit Prämien belohnt werden. 

"Intensive Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft sind neben Bergbau, Verkehr und Infrastruktur die größten Treiber des weltweiten Artensterbens und des Verlusts natürlicher Lebensräume", fügte Hubert Weiger hinzu, der für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Cancún vertreten ist. Korallenriffe, Regenwälder und Orchideenwiesen könnten nur durch den Schutz der Biodiversität erhalten werden.

Neue Sicht- und Handlungsweisen gefordert 

Es sei daher eine Grundvoraussetzung, menschliche Entwicklungsmuster, Verhaltensweisen und Aktivitäten zu ändern: Dazu gehört, in Harmonie mit der Natur zu leben und das Wohlergehen aller Leben im Blick zu behalten. 

Ökosysteme sollen als Grundlage für sauberes Wasser, Hygiene und Ernährungssicherheit verstanden werden. Dazu gehören die Vorbeugung von Naturkatastrophen, Verringerung des globalen ökologischen Fußabdrucks, Bekämpfung der Landdegradation und der Wüstenbildung und Förderung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums. Auch bessere Ernährung, weniger Armut und menschenwürdige Arbeit sind zentrale Anliegen der Umweltminister. 

Pflanzen - Indisches Springkraut (picture-alliance/dpa/W. Tilgner)

Kampfansage an invasive Arten wie das Indische Springkraut

Die illegale Ernte und der Handel von Arten, die Einführung von invasiven fremden Arten sollen künftig geahndet werden. Auch der Verschmutzung von Luft und Boden, Gewässern und Ozeanen haben die Unterzeichner den Kampf angesagt. Die Überfischung der Meere soll beendet, die nachhaltige Fischerei gefördert werden, mit dem Ziel, Ernährungssicherheit herzustellen.

Die Umweltvertreter wollen dabei immer das Interesse aller beteiligten Gesellschaftsgruppen berücksichtigt wissen. Die Sicherung der Lebensgrundlagen, des Einkommens und die Beschäftigung von Fischereigemeinschaften sind wichtig für die Nachhaltigkeit. Strategien gegen illegalen Fischerei, ein Verhaltenskodex für eine verantwortungsvolle Fischerei sollen ausgearbeitet werden.

Kutter mit Möwen (picture-alliance/ZB/J. Büttner)

Fischer sollen zu nachhaltigem Fischfang animiert werden

Tourismus und Artenschutz 

Der Tourismussektor wird als einer der großen Sektoren der Weltwirtschaft angesehen. Künftig wollen die Verhandlungspartner allerdings einen naturbasierten Tourismus fördern. Touristen sollen sich wegen der Biodiversität und der Vielfalt an Ökosystemen dort aufhalten. Gastgeber und Bevölkerung sollen sensibilisiert werden, die Artenvielfalt zu fördern und zu erhalten. Der Fremdenverkehr wird dabei als Quelle für qualitativ hochwertige Arbeitsplätze, Investitionen, Ausbildung und Entwicklung gesehen. Für Tourismusbetreiber sollen Bildungsprogramme finanziert werden, damit diese die Bedeutung der Biodiversität besser verstehen und bei ihren Kunden für nachhaltiges Reisen werben. So sollen das Wissen über Artenvielfalt und Maßnahmen zum notwendigen Schutz weitergegeben werden.

Die Konvention ist sehr detailliert verfasst, denn die Umweltpolitiker sind sich bewusst, dass sie ihr Vorhaben, die Biodiversität zu schützen und zu fördern nur durch die Mitwirkung aller gesellschaftlichen Schichten und politischen Entscheidungsträger durchsetzen können. Und wer soll das bezahlen? Die Volkswirtschaften. Damit soll die Natur erstmals monetarisiert, mit einem Geldwert bemessen, werden.

Die UN-Konferenz zu Biodiversität in der mexikanischen Stadt dauert bis zum 17. Dezember. Sie findet alle zwei Jahre an einem anderen Ort und auf Grundlage der Artenschutzkonvention (Convention on Biological Diversity/CBD) statt. Erstmals hatten die Mitgliedsstaaten 2010 konkrete Artenschutz-Ziele bis 2020 beschlossen. Dennoch ist es bisher nicht gelungen, den Verlust von Tier- und Pflanzenarten zu stoppen. Durch Mainstreaming soll die Wende nun gelingen.

 

 

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