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Digitales Leben

Mainstream der Minderheiten

Es ist Dezember. Es ist dunkel. Und es ist kalt. Und damit ist es endlich Zeit für eine schöne, moderne Portion Kulturpessimismus.

Beim Gang durch ein schwankendes Abteil in einem Regionalexpress vor kurzem war ich das einzige Lebewesen, das nicht in ein elektronisches Gerät hineinstarrte. Selbst Hunde, Stubenfliegen und eine Raupe hatten es sich mit Smartphones und klitzekleinen E-Readern in der Hutablage bequem gemacht. Als Akt der Rebellion faltete ich, zurück am Platz, meine kiloschwere Papierzeitung extra laut zusammen, um dann die Kanten extra akkurat mit den Fingern glatt zu ziehen. Es fühlte sich an wie das Schärfen eines Messers.

Heiliger Peer Steinbrück

Das Unheil muss zurückgeschlagen werden. Der Angriff der Gegenwart hat begonnen. Ein Indiz sind die jüngst begonnen Twitteraktivitäten der Herren Heiliger Vater und Peer Steinbrück. Und Twitter selbst? Richtet beim letzten CDU-Parteitag eigens eine Extraseite ein. Twitter ist damit - um die grausige aber hier doch sehr passende Formulierung mal zu benutzen - in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und was passiert jetzt?

S/W Aufnahme eines Amphibienfahrrads, 1932, Nationalarchiv Cyclomer Paris, Fotograf unbekannt

Amphibienfahrrad National Archiv Cyclomer Paris 1932 Digitalitäten

Ich las vor Jahren mal irgendwo, dass man bei Neuerungen jeglicher Art entweder direkt zu den Allerallerersten gehören solle oder sich dem Trend komplett verweigern müsse. Alles andere sei sehr gewöhnlich, sehr normal, langweilig und führe letztlich zu nichts. Und jetzt? Werden mir gerade alle neuen Spielzeuge weggenommen. Es gilt nicht nur als völlig normal, zahllose elektronische Endgeräte mit dabei zu haben und sie konstant zu benutzen. Es ist nichts besonderes mehr. Gar nichts.

Der Rücken spannt

In der Elektro-Fachabteilung eines großen Kaufhauses sehe ich einen etwa hundertjährigen Mann, der unter dem gütigen Blick eines blaubehemdeten Verkäufers auf einem Tablet-PC herumfuhrwerkt. "Der Rest ist einfach unbegrenzte Möglichkeiten", sagt der Verkäufer, sein muskulöser Rücken spannt sich, das Hemd spannt sich mit. Und ich muss schnell weiter. Der Akku meines vorsintflutlichen Tablets der ersten Generation muss dringend aufgeladen werden.

Gerne würde ich innehalten und den beiden von damals erzählen. 2010. Von warmen Blicken der Bewunderung, kalten Blicken des Neids und überhaupt einfach von Reaktionen auf das lässige Herumtragen des ersten iPads. Jetzt liegt es hier rum wie ein altes Lieblingskleidungsstück: alt eben, abgelegt und ohne einen konkreten Nutzen. Manchmal nehme ich es noch mit in die Badewanne und schaue amerikanische Fernsehserien darauf.

Heimatmuseum

Vielleicht werde ich es dem örtlichen Heimatverein überlassen. Eine Bronzetafel wird mich als Spender führen. Schulkinder des 21. Jahrhunderts werden gelangweilt daran vorbeitapern und sich - wie zuvor, jetzt und auch in Zukunft - um ihren eigenen Kram kümmern. Was kümmert es mich?

Ab jetzt werde ich Propheten des Forschritts müde belächeln. Werde abgrundtief in ihre leuchtenden Augen blicken und ihnen ein miesepetriges "In Amerika gibt es das schon“ entgegenschmettern. Ich werde genau das tun, was ich in den letzten Jahren so gehasst habe. Nur mal so. Und bis maximal Mitte Februar.

Marcus Bösch, Selbstbildnis

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es hier jede Woche neu.

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