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Asien

Mail aus Tokio

Pachinko ist so etwas wie die japanische Variante des Flipperns und gehört in Japan zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. DW-Kolumnist Christoph Hendricks hat sich gefragt warum - und hat es ausprobiert.

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Es gehört zu den wenigen Geheimnissen Japans, die mir auch nach jahrelangem Aufenthalt noch völlig fremd geblieben sind und dass obschon es zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen im Land gehört, das Pachinkospielen. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Art von senkrecht stehender Flippermaschine, die man ständig mit kleinen Metallkugeln füttern muss, die dann unter ohrenbetäubendem Lärm durch das Gerät rasseln, um am Ende in einen der vielen Schlitze am Boden zu verschwinden. Wenn man Glück oder zur rechten Zeit ins Spiel eingegriffen hat und der Ball in einen Gewinnschlitz fällt, wird man mit einer Unmenge neuer Kugeln belohnt. So erkennt man die „Pachinkopuros“, Meister ihres Fachs, auch daran, dass sich Tausende von Kugeln in kleinen Plastikkörbchen neben ihrem Sitz auftürmen. Das Ganze geschieht in einer geradezu infernalischen Geräuschkulisse, da in dicht gedrängten Reihen zwischen einhundert und fünfhundert Maschinen dafür sorgen, dass die Kugeln in Bewegung bleiben. Hinzu kommt grelles Neonlicht, das zusammen mit dem Krach der Maschinen und der Musikbeschallung im Raum einen geradezu hypnotisierenden Effekt auf die Spieler auszuüben scheint.

Schwerer als es aussieht...

Japaner in einem Spielsalon in der japanischen Hauptstadt Tokio mit Pachinko-Automaten

Spielsalon in Tokio mit Pachinko-Automaten

Die Läden sind überall im Land zu finden, wobei sie meist durch riesige Neonreklame auffallen und als Kathedralen der Moderne in kleinen Städten auch eine wichtige Orientierungsfunktion übernehmen. Mein Pachinkoladen liegt kurz vor dem Bahnhof und hat trotz seiner mehr als auffälligen Leuchtreklame bisher nur eine mäßige Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Als ich es dann doch mal versucht habe, waren meine Kugeln ziemlich bald im Gerät verschwunden, was mich zusammen mit den sich langsam einstellenden Ohrenschmerzen relativ schnell zum Gehen bewegte, ohne zuvor in ein Trancegefühl gefallen zu sein.

Interessant ist, dass es sich beim Pachinko nicht eigentlich um ein Glücksspiel handelt. Denn die werden in Japan sehr streng reguliert. Gewinnen kann man nämlich nur mehr oder weniger kleine Sachpreise oder sogenannte Sonderpreise in Form spezieller Plastikkarten. Wer aber nicht unbedingt ein großer Freund von Feuerzeugen und Parfümflaschen ist, kann die Preise außerhalb der Spielhalle in einer Seitenstraße wieder zu Geld machen. Dort findet man nämlich einen kleinen Spalt in einer Wand, wo man seine Preise eintauschen kann, wobei immer nur die Hand des Händlers zu sehen ist. Durch den Tausch außerhalb der Pachinkohalle vermeidet deren Besitzer eine Bestrafung wegen illegalen Glücksspiels, wobei aber auch dieser Tausch nicht wirklich legal ist, aber doch von der Polizei großzügig toleriert wird. Wie üppig diese Toleranz ist, wird daran deutlich, dass pro Jahr umgerechnet mehr als 200 Milliarden Euro von den Spielern für die silbernen Bällchen ausgegeben werden.

Spielhallen meist in koreanischer Hand

Eine weitere Besonderheit dieses Zweigs der Unterhaltungsindustrie besteht darin, dass die Packinkoläden zum größten Teil von Koreanern betrieben werden. Hierunter befinden sich auch zahlreiche mit Nordkorea sympathisierende Spielhallenbesitzer, die einen Teil der üppigen Gewinne als Unterstützung an das marode System in Pjöngjang weiterleiten.

Pachinko zeitigt daneben noch eine andere unschöne Nebenerscheinung. Jedes Jahr wird nämlich über Babys und Kleinkinder berichtet, die im Sommer von ihren spielsüchtigen Eltern im Auto vergessen werden und dann an Hitzschlag sterben. Vor diesem Hintergrund sind einige Pachinkohallen inzwischen dazu über gegangen, eine Kinderbetreuung anzubieten. Dem ungetrübten Spielgenuss dienen darüber hinaus auch Kühlfächer in denen man den gerade getätigten Einkauf frisch halten kann. Überhaupt versucht die frühere Männerdomäne vermehrt auch Frauen anzusprechen, indem man nun beispielsweise Handtaschen als Preise anbietet oder laute Marschmusik gegen eine sanftere Beschallung austauscht. Vielleicht wird Pachinko damit ja zum Vorreiter der ansonsten doch eher zögerlich verlaufenden Gleichberechtigung im Land der aufgehenden Sonne.