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Kunst

Maia Urstad: "Die Sprachenvielfalt bei der DW fasziniert mich"

Die Klangkünstlerin Maia Urstad bewegt sich zwischen Tönen und visueller Kunst. In ihren Installationen verarbeitet sie Klänge und neueste Technik und kann sogar Lärm zu Ruhe machen. Wie das geht, hat sie der DW erzählt.

Maia Urstad ist Künstlerin, Musikerin und Performerin und seit Mitte der 1980er Jahre in der norwegischen und internationalen Kunstszene aktiv. Sie arbeitet im Grenzbereich zwischen akustischer und visueller Kunst. Ihre Werke wurden unter anderen in Berlin, Marrakesch, Buenos Aires, London, Johannesburg, Toronto, Malmö und in verschiedenen Städten in Norwegen ausgestellt.

Die Bonner Beethovenstiftung für Kunst und Kultur hat sie im Rahmen des Projekts "bonn hoeren" zur "stadtklangkünstlerin bonn 2017" erklärt. Während ihrer sogenannten "Projektresidenz" wohnt die Norwegerin in Bonn und beschäftigt sich mit den Klängen der Stadt. Was liegt da näher, als sich aus dem Schallarchiv der Deutschen Welle zu bedienen? Aus Radioklängen in 30 Sprachen wird Maia Urstad eine Klanginstallation am World Conference Center schaffen. Dort können Besucher des Global Media Forums die akustische Ausstellung Mitte Juni erleben. Sie kann danach auch beim Beethovenfest im September besichtigt - und gehört - werden.

Deutsche Welle: Sie sind jetzt seit ein paar Tagen bei der DW und recherchieren hier für Ihre Klanginstallation. Was sind Ihre ersten Eindrücke?

Maia Urstad: Ich durchforste gerade das Schallarchiv nach verwertbarem Material. Zwischendurch höre ich dann diese vielen Sprachen auf dem Gang oder in der Kantine. Es ist ein merkwürdiges Erlebnis - aber auch inspirierend.

Werden Sie vorhandene Aufnahmen für Ihre Klanginstallation verwenden oder auch Eigenaufnahmen machen?

Ich fokussiere mich auf Archivmaterial und Hörfunksendungen, auch historische. Ich untersuche, wie sich der Hörfunk über einen langen Zeitraum auch anhand technischer Entwicklungen verändert hat - und werde das Ganze in einer öffentlichen Installation mit vielen verschiedenen Klangquellen zusamenbinden. 

Maia Urstad «Meanwhile, in Shanghai…» (MaiaUrstad/Singuhr)

Auch die Berliner Ausstellung "Meanwhile, in Shanghai…" zeigt Urstads Faszination für Radioklänge

Ihre Arbeit erinnert mich an die des Komponisten John Cage. Er beschrieb es einmal so: "Ich mache das Fenster in meiner New Yorker Wohnung auf, lausche dem Straßenlärm und sage: Das ist nun meine Komposition." Er hat also ungeordnete Klänge gehört und sie dann in seinem Kopf geordnet. Wenn Sie Geräusche hören, hören Sie auch Musik darin?

Ja, absolut. Ich denke, das ist auch einer der Gründe, warum ich gerade viel über den Übergang vom analogen Radio aufs digitale Radio nachdenke. Für mich sind all diese zufälligen Klänge, die seit jeher zum Radiohören gehören - und das fängt mit dem Knistern auf Mittelwelle an - auch sehr musikalisch.

Karlheinz Stockhausen hat Kompositionen aus Radiogeräuschen gemacht …

Ja, und auch Cage hat die Geräusche vom Sendersuchen in eine Komposition gebannt. Ich habe das auch gemacht, bevor ich wusste, dass Cage mir zuvorgekommen war. Diese Geräusche gehören zu unserer Klangumgebung. Sie regen unsere Gefühle an - und unser Gedächtnis auch.

Technische Entwicklungen haben mich schon immer fasziniert. Als der tragbare Kassettenrekorder auf den Markt kam, gingen wir in eine Scheune, nahmen die Schweine auf und benutzten diesen Klang auf einer LP zusammen mit der Musik einer New Wave-Gruppe, in der ich spielte. Später nahm ich Geräusche mit einem kleinen Walkman auf. Danach kam das Vierspur-Aufnahmegerät; damit konnte man dann mit den Aufnahmen experimentieren. Ich habe auch mit Musikinstrumenten gearbeitet, aber diese ganz konkreten Klänge finde ich halt sehr interessant.

Wird das bei Ihnen auch philosophisch untermauert: Also etwa, dass alles in der Welt eine Bedeutung hat, sogar zufällige Geräusche?

Darüber müsste ich mal nachdenken!

Wir ertrinken heutzutage in Klängen. Im Licht übrigens auch - die Städte sind so hell, dass man weit aufs Land hinausfahren muss, um einen Sternenhimmel oder die Milchstraße zu sehen. Genauso verhält es sich mit den Geräuschen. Wenn Sie aufs Land fahren, was hören Sie dort?

Da ist es nie still! Es gibt immer Geräusche und Klänge in verschiedene Schichten.

Benutzen Sie auch Naturklänge bei Ihrer Arbeit? 

Ich habe meine Wind- und Regenzeit hinter mir. Was mich heute packt, sind Veränderungen durch technische Fortschritte. So beschäftige ich mich derzeit mit Zivilisationsklängen - im Moment sind es vor allem Radioklänge. Es ist sehr spannend und hat kein Ende: Es ist, als mache man eine Pandora-Büchse auf.

Maia Urstad «The Return of the Prime Meridiann» (MaiaUrstad/KORO)

"The Return of the Prime Meridian" (Der Rückkehr des Nullmeridians)

Bei so vielen Klängen im Alltag: Was machen Sie, um die Menschen auf ihre akustische Kunst aufmerksam zu machen?

Ich weiß nicht warum, aber: Viele meiner Werke sind ziemlich meditativ oder regen zum Nachdenken an. Ich nehme den Krach und mache eine Ruhezone daraus. Ich habe gesehen, wie die Leute manchmal tief bewegt oder ganz entspannt aus meinen Installationen herauskommen. So war es auch mit einer Arbeit neulich in Bergen. Es ging um das Stimmen einer Gitarre. Wir haben da mit Faseroptik und Klängen gearbeitet. Die Leute legten sich hin oder liefen ganz langsam durch den Raum. Sie waren begeistert.

Machen Sie Kunst um der Kunst willen? Oder steckt eine Absicht dahinter: Wollen Sie die Leute bewegen oder entspannen, oder sie vielleicht informieren oder erziehen?

Ganz spontan sage ich: Das ist Kunst um der Kunst willen. Ich kann die Wirkung nicht vorher austarieren sondern nur nachher die Reaktion beobachten. Für mich gibt es heutzutage zu viele instrumentalisierte Sachen, und ich fühle mich nicht wohl damit. Ich denke, wenn ich korrekt arbeite, wird jemand damit erreicht. Als ich in den 80er Jahren in einer Band spielte, hatten wir auch kein Rezept dafür, wie man einen Hit kreiert. Entweder wurde ein Song ein Hit, oder eben nicht.

Eins meiner neueren Projekte ist in einer Festung nördlich von Oslo untergebracht. Da es ein Auftragswerk war, musste ich die Einzelheiten vereinbaren und darüber verhandeln. Es war in einem ehemaligen militärischen Speergebiet.

Welche Klänge haben Sie dort eingesetzt?

Alles: Klänge aus der ganzen Welt, aber auch ursprüngliche Klänge aus der Umgebung. Sie reichten von Fragmenten aus Nordkorea bis hin zu einer Uhr aus der Ortschaft. Einst verlief nämlich der norwegische Nullmeridian durch diese Festung, sie galt damit als geographisches Zentrum. So brachten wir auch Klänge von verschiedenen Kulturen oder sogar Religionen dorthin.

Und das führt uns zur Deutschen Welle zurück: Mit ihrem Mix aus Ländern und Sprachen hat sie auch mit Klängen der Welt zu tun.

Genau - und deshalb recherchiere ich gerade in den historischen DW-Archiven.

Da sind wir sehr gespannt, was Sie daraus machen. Maia Urstad, vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Rick Fulker.

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