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Filme

Magisches Spätwerk

Seinen letzten Seufzer sollte er erst sechs Jahre später ausstoßen. Noch bis ins hohe Alter war der spanische Filmregisseur Luis Bunuel aktiv. Als er "Dieses obskure Objekt der Begierde" drehte, war Bunuel 77 Jahre.

Mann und Frau in Umarmung auf Bett, der Mann liegt oben - Szene aus Dieses obskure Objekt der Begierde (Kinowelt)

Begierde pur....

Der Mann hatte Energie. Man muss sich das einmal vorstellen. Da dreht einer Filme zu Zeiten, als es noch keinen Ton gab und keine Farbe, als die Kunstrichtung des Surrealismus im alten Europa Triumphe feierte, geht dann ins Exil nach Mexiko, arbeitet in Hollywood, kehrt Jahrzehnte später wieder in seine spanische Heimat zurück und dreht dann in Frankreich noch im hohen Alter Filme, denen man nicht ansieht, dass hier ein fast 80jähriger auf dem Regiestuhl sitzt.

Subtiler Humor

Zwei dieser "späten" Filme kann man sich jetzt wieder auf DVD anschauen mit reichlich Zusatzmaterial: aufschlussreichen Interviews und sehenswerten Dokumentationen. Der mit dem Oscar ausgezeichnete Film "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" aus dem Jahre 1972 und Bunuels allerletzte Arbeit "Dieses obskure Objekt der Begierde" (1977) sind in schönen DVD-Editionen beim Anbieter Kinowelt/Arthaus erschienen. Die Filme wirken immer noch frisch und wenig gealtert, sind witzig und voller subtilem Humor.

Fernando Rey frisst Carole Bouquet aus der Hand - sie sitzt auf seinem Schoß, füttert ihn(Kinowelt/Arthaus)

Fernando Rey frisst Carole Bouquet aus der Hand

Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1972)

Bunuels Filme lassen sich nicht leicht auf eine Interpretation festlegen. Hier zeigt er eine Gruppe etablierter Bürger, denen es nicht gelingen will, zu einem Dinner zusammenzufinden. Immer wieder kommt etwas dazwischen. Man könnte Bunuels Blick auf die leicht dekadente Gesellschaft als Seitenhieb auf bourgeoises Verhalten der französischen Oberschicht interpretieren.

Die Abendgesellschaft zu Tisch - sechs Personen und eine Bedienstete um einen gedeckten Tisch (Kinowelt/Arthaus)

Dinner mit Hindernissen: Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Doch man lese dazu nur, was Bunuel in seiner phantastischen Autobiografie "Mein letzter Seufzer" geschrieben hat: "Während der Arbeit am Drehbuch hatten wir nie an die Bourgeoisie gedacht. Am letzten Abend nahmen wir uns vor, den Titel für den Film zu finden. Einer, der mir gekommen war, lautete ´Nieder mit Lenin oder Die Jungfrau in den Pferdestall´, ein anderer einfach ´Der Charme der Bourgeoisie´. (Drehbuchautor Jean-Claude) Carriere machte mich darauf aufmerksam, dass da ein Adjektiv fehlte, und unter Tausenden fiel die Wahl auf ´diskret´. Es erschien uns, als bekäme der Film mit diesem Titel eine neue Form oder sogar einen neuen Gehalt."

"Dieses obskure Objekt der Begierde" (1977)

Mit diesem Film kehrte der Spanier - zumindest in einer Hinsicht - noch einmal zu seinen Wurzeln zurück. "Lange nach ´L´Age d´or´ handelte dieser Film wieder davon, wie jemand vergeblich versucht, in den Besitz des Körpers einer Frau zu gelangen. Es ging mir darum im Verlauf des ganzen Films eine Atmosphäre des Terrors und der Unsicherheit entstehen zu lassen, wie wir sie alle kennen und in der Welt erlebt haben." (Bunuel in "Mein letzter Seufzer")

Spiegelbild von Angela Molina (Kinowelt/Arthaus)

Angela Molina blickt in den Spiegel

Der physische Terror in Form einer in Madrid explodierenden Bombe ist dabei nur ein Randthema. Der Terror und die Unsicherheit im Kopf seiner männlichen Hauptfigur füllen dagegen den ganzen Film aus. Wir sehen einen Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs. Beim Wiedersehen ist Fernando Rey als an der Nase herumgeführter Verliebter auch heute noch grandios. Bunuels Idee, die Frau mit zwei verschiedenen Darstellerinnen (Carole Bouquet und Angela Molina) zu besetzen, - zwei Schauspielerinnen, die sich nicht ähnlich sind -, verblüfft noch heute. Bunuel zeigte sich in hohem Alter ebenso frei und ungebunden von sämtlichen Konventionen wie als junger dem Surrealismus nahe stehender Mann.

Stummfilmperle

In den DVD-Boxen verbirgt sich darüber hinaus noch eine weitere Perle, ein Film, der in kaum einem Filmlexikon erwähnt wird. Es ist die erste (noch stumme) Verfilmung des Romans von Pierre Louys, die Bunuel dann später auch als Vorlage für seinen letzten Film nutze. Der heute fast vergessene schwarz-weiße "La femme et le pantin/Die Frau und der Hampelmann" von Regisseur Jacques de Baroncelli ist eine schöne Ergänzung zu Bunuels elegantem Abschied in Farbe. So schließt sich ein Kreis.

Die beiden Bunuel-Filme sind beim Anbieter "Kinowelt/Arthaus" erschienen.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Conny Paul

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