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Kultur

Magische Beziehung: Film & Licht

Die Geschichte des Kinos ist auch eine Geschichte des Lichts. Die beiden sind untrennbar miteinander verbunden. Das betrifft nicht nur die technische Seite beim Drehen eines Films, sondern auch die Filmästhetik.

Szene aus dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie (Foto: AP)

Licht im Kino: "Die fabelhafte Welt der Amélie"

Kann man das überhaupt, eine Geschichte des Kinos erzählen, ohne dabei die Geschichte des Lichts zu behandeln? Wohl kaum. Das Licht ist die Essenz des Kinos. Ohne Licht kein Kino, ohne Licht keine Vorführung, keine Projektion, keine erleuchtete Leinwand im dunklen Kinosaal. Filme können notfalls ohne Schauspieler auskommen, ohne Musik und Ton, aber - niemals ohne Licht. Das Licht ist "die Urform, aus dem die Kinoträume geformt sind", so drückte es ein Kritiker einmal aus.

Buchcover Film & Licht (Foto Alexander Verlag)

"Film & Licht" von Richard Blank

Und trotzdem ist dieser für die Filmgeschichte so ungemein wichtige Aspekt immer nur sehr stiefmütterlich behandelt worden in der Literatur über das Kino. Der Regisseur und Filmpublizist Richard Blank bildet da eine Ausnahme. Er hat in seinem Band "Film & Licht. Die Geschichte des Filmlichts ist die Geschichte des Films" genau diesen Einzelaspekt untersucht: "Die Filmliteratur ist voll von Büchern über Regisseure, Schauspieler, Studios und deren Filme, von denen mit Vorliebe über Inhalte und die diversen Genres berichtet wird, nicht selten mit dem Hinweis auf Weltanschauung oder Grundhaltung pessimistischer und optimistischer Art. Über die Entwicklung des Filmlichts im Wesentlichen gibt es nur zwei kurze Aufsätze."

Hollywood statt New York

Blank beginnt seine Geschichte des (Kino-)Lichts im frühen Hollywood. Zunächst arbeitete man mit Tageslicht, dann kamen natürliche Lichtquellen hinzu, später künstliche Beleuchtung. Die amerikanische Filmindustrie wechselte unter anderem auch deshalb ihren Standort von New York nach Los Angeles, weil an der Westküste beständiges, klares und helles Sonnenlicht vorherrschte. Doch erst der berühmte Regisseur David Wark Griffith habe gewagt, Licht auch künstlerisch einzusetzen, sagt Richard Blank. Griffiths Kollege Cecil B. DeMille sei es dann gewesen, der die Licht-Regeln Hollywoods für die kommenden Jahrzehnte festgezurrt habe.

Szene aus D.W. Griffiths Die Geburt einer Nation (Foto: picture alliance akg image)

"Die Geburt einer Nation" von David W. Griffith war auch die Geburt ästhetischer Lichtsetzung

"DeMille revolutionierte das Hollywood-Kino, indem er Storys entwickelte, wie sie noch heute erzählt werden, nämlich mit Held, Feind und Happy End" schreibt Blank. Dazu habe DeMille ein völlig neues Licht erfunden. Das sei dann in den 1920er Jahren, als die großen Studios an die Börse gingen, zum Standard geworden. Man habe damals ein verbindliches Regelwerk entwickelt. Das Kino wurde zum knallharten Geschäft. Man durfte das Publikum nicht irritieren. Filme mussten Kasse machen. Experimente waren zu risikoreich und wurden "verboten".

Alles ist erleuchtet...

Das klassische Hollywood-Licht war geboren - mit der Sonne oder einem künstlichen Licht, das alles gleichmäßig ausleuchtete. "Diese natürlichen Lichtquellen warfen Schatten nur in eine Richtung. Figuren wurden von vorne aufgehellt", meint Blank. Und da Hollywood sich zum mächtigsten Player im internationalen Kinobetrieb aufgeschwungen habe, so Blank, wurde diese Lichtsetzung fortan für den Weltmarkt entscheidend. Das lässt sich heute noch nachvollziehen. Nicht nur im Kino in den großen Hollywood-Filmen, auch die derzeit wieder so populäre amerikanische Fernseh-Serienware ist fast immer in gleichmäßiges Licht getaucht.

Hollywood-Schriftzug (Foto: dpa)

Klares Licht von der US-Westküste für den Weltmarkt

Doch wo es Regeln gibt, da gibt es auch Regelverstöße. Die kamen vor allem aus Europa. Dort wurden schon früh andere Lichtsetzungen ausprobiert. Mit Licht wurde vor allem in den Studios experimentiert. In Deutschland waren Kameramänner und Regisseure besessen von der Idee, eine eigene Realität auf der Leinwand zu schaffen. Der deutsche expressionistische Film setzte damals Maßstäbe. Auch in Hollywood waren es dann vor allem die Einwanderer aus Europa auf dem Regiestuhl, die innerhalb des Systems für Regelverstöße sorgten. Da habe es ganz unterschiedliche Charaktere gegeben, sagt Richard Blank. So habe sich Fritz Lang beispielsweise direkt mit seinem ersten Hollywood-Film "Fury" den Regeln unterworfen.

Wenige Ausnahmen

Eine seltene Ausnahme war der deutsch-französische Regisseur Max Ophüls. Der wartete so lange ab, bis er innerhalb des Studiosystems "sein" Licht durchsetzen konnte. In seinem Film "The Exile" von 1947 kann man das heute noch nachvollziehen. Im Laufe der Filmgeschichte in Europa gab es dann immer wieder Phasen, die vom starren und scheinbar realistischen Filmlicht abwichen. Nach dem Krieg war es der Neorealismus in Italien, der neue Akzente setzte. Die waren zum Teil auch aus der Not geboren. Weil nach dem Krieg Filmtechnik und Equipement nicht ausreichend vorhanden waren, musste man improvisieren und experimentieren. Es war aber auch gewollt: Die Geschichten, die erzählt wurden, stellten sich der bitteren Nachkriegsrealität. Da war kein Platz für fein ausgeleuchtete Settings am Drehort.

Porträt Max Ophüls (Foto: dpa)

Regelverletzter Max Ophüls

Später waren es französische Regisseure wie Jean-Luc Godard und Francois Truffaut, die während der Nouvelle Vague mit natürlichem Licht experimentierten. Heute hingegen werde in Sachen Filmlicht wenig gewagt und riskiert, meint Richard Blank. Regisseure wie Lars von Trier aus Dänemark oder der Hongkong-Chinese Wong Kar-Wai seien Ausnahmen. "Wir können dagegen halten, was und wen wir wollten“, schreibt Richard Blank in seinem Buch, und mit "Wir" meint er die Filmwelt außerhalb Hollywoods, "an der absurden Fixierung des Realismusbegriffes durch den Hollywoodfilm ändern die Regisseure aber wenig."

Richard Blanks Buch "Film & Licht: Die Geschichte des Filmlichts ist die Geschichte des Films" ist im Alexander Verlag erschienen, als überarbeitete und aktualisierte Ausgabe 2011; 245 Seiten, ISBN-13: 978-3895812460.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Gudrun Stegen

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