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Musik

Magier und Tyrann am Dirigentenpult

Er war schnell gekränkt, beleidigt und unter Musikern gefürchtet. Doch wenn der exzentrische Rumäne Sergiu Celibidache dirigierte, zog er das Publikum in seinen Bann. Am 11. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden.

Sergiu Celibidache war zweifellos ein Star am Dirigentenpult - allerdings nicht unumstritten: Während seine Fans seine völlig neuen und transzendenten Interpretationen begeistert feierten, schüttelten manche Kritiker nur verständnislos den Kopf. Viele Ansichten Celibidaches über Musik unterschieden sich drastisch von denen seiner Kollegen; so lehnte er Schallplattenproduktionen zur Vermarktung kategorisch ab und stand damit im krassen Gegensatz zu beispielsweise Herbert von Karajan. Viele Konzertmitschnitte wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Eigensinn und Wissbegierde

Eigensinn bewies Celibidache, der am 11. Juli 1912 in Roman in Rumänien als Sohn eines Kavallerieoffiziers geboren wurde, schon in jungen Jahren: Als sein Vater die Finanzierung seines Musikstudiums in Bukarest verweigerte und auf eine politische Karriere bestand, brach er kurzerhand alle familiären Bindungen ab. 1936 kam Celibidache nach Berlin; hier studierte er sowohl an der Musikhochschule Komposition und Dirigieren als auch an der Universität Musikwissenschaft und Philosophie.

Daneben beschäftigte sich der Student intensiv mit dem Zen-Buddhismus. Großen Eindruck auf den jungen Mann machte auch Wilhelm Furtwängler, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker; er wurde für Celibidache später zum wichtigsten Lehrmeister - und das ganz ohne Unterricht. Furtwängler höre schöpferisch, sagte er einmal über sein Idol.

Berliner Shootingstar

Sergiu Celibidache dirigiert 1945 die Berliner Philharmoniker (Foto: AP Photo/Jim Pringle)

1945 übernahm Sergiu Celibidache als völlig unbekannter Dirigent die Leitung der Berliner Philharmoniker

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges debütierte Celibidache ohne jegliche vorherige Orchestererfahrung bei den Berliner Philharmonikern - und wurde sofort als vorläufiger Chefdirigent verpflichtet. 1954 kam es zum Bruch mit dem Orchester, als es nach Furtwänglers Tod nicht ihn, sondern Herbert von Karajan als Nachfolger wählte.

Wütend, gekränkt und verbittert zog Celibidache sich zunächst nach Italien zurück; von dort aus begann er ein unruhiges Wanderleben, das ihn durch ganz Europa und zu vielen international bedeutenden Orchestern führte. In dieser Zeit festigte er seinen Ruf als exzentrischer und schwieriger Dirigent. Über seine Kollegen sagte Celibidache einmal: "Wenn man großzügig zählen würde, gibt es heute vielleicht fünf Dirigenten, die sich mit dem Orchester klanglich beschäftigen. 90 Prozent achten doch nur auf das Grobflächige und sind mit einem schnellen Tempo fertig."

"Entschleunigtes" Dirigieren

Sergiu Celibidache im Alter von 83 Jahren (Foto: picture-alliance/dpa)

1993 war Celibidache schon von drei Schlaganfällen gezeichnet

1979 wurden die Münchner Philharmoniker auf der Suche nach einem Chefdirigenten bei Celibidache vorstellig, und der Maestro sagte zu. In München bewies er einmal mehr seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Orchestererzieher und machte in kurzer Zeit aus den Philharmonikern einen Klangkörper von Weltrang.

Allerdings lieferte er sich hier auch heftige Auseinandersetzungen mit Musikkritikern, die vor allem seine langsamen Tempi bemängelten: "Die meisten Ignoranten meinen, ich nehme ein breites Tempo, weil ich das so will, oder ich nehme ein schnelles, weil ich das so will", ereiferte er sich. "Das Tempo ist die Bedingung, die die ganze Vielfalt, die physikalisch da ist, reduziert und vereinigt. Das ist das Tempo."

Einsatz für Bruckner

Mit den Münchner Philharmonikern feierte Sergiu Celibidache weltweit Triumphe. Vor allem einen Komponisten setzte er immer wieder auf die Konzertprogramme: Anton Bruckner. Seinen Einsatz für ihn erklärte der Dirigent 1992 folgendermaßen: "Bruckner ist noch ein unbekannter Mann. Er ist der größte Symphoniker der Musikgeschichte, aber das weiß die Welt nicht. Die Art, wie er das Orchester packt: Das kann doch keiner!"

Dirigent Sergiu Celibidache probt im Regenmantel am 30.05.1990 in Dresden mit den Münchner Philharmonikern für ein Konzert. (Foto: picture-alliance/dpa)

Der Dirigent bei Proben

Sein Wissen um die Zusammenhänge von Klang und Geschwindigkeit in den Werken Bruckners und anderer Komponisten gab Celibidache in verschiedenen Meisterkursen an junge Studenten weiter. Am 4. Juni 1996 verabschiedete der charismatische Taktstockmagier sich von seinem Publikum; nur zwei Monate später starb er an einem Herzinfarkt. Für Sergiu Celibidache standen immer das Werk und seine lebendige Wiedergabe im Mittelpunkt; Starrummel um seine Person war ihm dagegen verhasst. Auf seinen prominenten Status angesprochen, erwiderte er gerne ganz bescheiden: "Ein bedeutender Dirigent ist zuerst ein Mensch."

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