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Europa

Mafia und Politik: Gegner oder Verbündete?

In Italien herrscht ein nie da gewesenes Verwirrspiel zwischen Mafia-Bossen, Kronzeugen und der Politik. Reuige Mafiosi, sogenannte Pentiti, berichten von Absprachen mit führenden Politikern.

Italienische Polizisten stehen vor einem Lokal in Palermo (Foto: DW)

Polizeischutz für einen bedrohten Lokalbesitzer in Palermo

Die Vorwürfe des reuigen Mafioso Gaspare Spatuzza sorgten für helle Aufregung in der italienischen Politik. Nach seinen Aussagen sollen hohe Politiker, unter ihnen Ministerpräsident Silvio Berlusconi, schon vor Jahren mit den Bossen der Mafia unter einer Decke gesteckt haben.

Die Mafia stirbt nicht aus

Ein verbranntes Auto (Foto: DW)

Rache der Mafia gegen säumige Schutzgeldzahler

Der seit Jahren inhaftierte Clanchef Filippo Graviano dementiert die Aussagen von Spatuzza. Unbeantwortet bleibt vorläufig die Frage, ob die aktuelle politische Führung einen Pakt mit den Bossen von Palermo geschlossen hat, um wichtige Wählerstimmen zu bekommen. Dort, in der Heimat der Mafia, ist man verwirrt.

Francesco Vicari ist Keramikkünstler, er hat einen kleinen Laden auf dem Corso Vittorio. "Wir leben zurzeit in großer Verwirrung", sagt Francesco. "Es ist ein einziges Chaos: Berlusconi wettert einerseits ständig gegen die Justiz, auf der anderen Seite nehmen die Ermittler alle möglichen Bosse fest. Wie passt das nun zusammen? Was soll ich davon halten?"

Vorgetäuschter Aktionismus

In Palermo wurden in den letzten eineinhalb Jahren 16 hochkarätige Mafiosi festgenommen. Der Chefstaatsanwalt von Palermo, Francesco Missineo, sieht nun sogar das baldige Ende der Mafia nahen. Die jüngsten Festnahmen haben den Kollaps der gesamten Struktur der Mafia von Palermo eingeleitet. Doch die Bürger sind skeptisch. Auf dem sonntäglichen Flohmarkt an der Piazza Marina in der Altstadt herrscht Gedränge. Ein zahnloser Straßenverkäufer preist Sfincione, eine Art sizilianischer Pizza, an.

Ein paar arbeitslose Jugendliche stehen in einer Gruppe zusammen. Bei Fragen nach den festgenommenen Mafia-Bossen und den Vorwürfen gegen Berlusconi geben sie sich betont desinteressiert. Man zieht die Angelegenheit ins Lächerliche. "Das geht mich nichts an", sagt einer von ihnen. "Bei der Krise, in der wir stecken, haben wir ganz andere Sorgen. Wenn sie einen Boss schnappen, kommt schon der nächste." Und Berlusconi? Der sei ein "Cornuto", was alles andere als schmeichelhaft ist.

Die Mafia durchdringt alle Schichten

Blick auf einen Weinkeller in Italien (Foto: DW)

Ein beschlagnahmter Weinkeller der Mafia

Nur wenige Meter weiter ein Signore mittleren Alters in Jacke und Krawatte. Er stöbert in einem Stapel antiquarischer Bücher. Er sei Architekt und Dozent an der Uni und er nimmt kein Blatt vor den Mund: "Man sagt immer, schlimmer kann es nicht mehr werden, aber das stimmt nicht. Die Struktur der Mafia bricht zusammen, sagt man, aber die Mafia ist doch gar nicht das eigentliche Problem. Sie ist mutiert, denn früher bestand sie aus Bauern, heute aus Politikern. Die Lage ist deprimierend."

Einerseits existiert immer noch die Mafia, die Schutzgelder kassiert, unbehelligt Rauschgifthandel betreibt und bei fast allen Großprojekten und Unternehmungen mitmischt, in denen öffentliche Gelder verteilt werden. Andererseits wurden inzwischen sogar Chefärzte, Notare und Bankdirektoren als hochrangige Mafiosi entlarvt oder zumindest dringend verdächtigt.

Und dann sind da noch die Politiker, meint Signor Francesco, der alte Komikhefte verkauft, um seine magere Pension aufzubessern: "Die Politiker sind die eigentliche Verbrecherorganisation. Ob sie nun rechts stehen oder links, alle sind betroffen. Es gibt keine ehrliche Politik mehr. Oder glauben sie vielleicht, dass die meisten Politiker hier bei uns auf Sizilien ihre Posten ernsthaft verdient hätten?"

Autor: Karl Hoffmann
Redaktion: Nicole Scherschun

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