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Europa

Mafia in Marbella

Die Bürgermeisterin von Marbella und 20 Beamte sind verhaftet worden. Überraschend kommt das nicht. An der Ferienküste Costa del Sol blüht seit Jahren die Korruption und das organisierte Verbrechen.

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Razzia im Rathaus von Marbella

Die Operation "Malaya" begann zur besten Frühstückszeit. Um 9 Uhr bezogen die Polizisten Position vor dem Rathaus in Marbella. "Bitte legen Sie ihre Telefone auf, lassen Sie die Mäuse ihrer Computer liegen und verlassen Sie das Gebäude", so die Anweisung per Megafon an die 180 Mitarbeiter. Daraufhin durchsuchten die Beamten die Amtsstuben, schoben mit Schubkarren Dokumente aus dem Rathaus. Insgesamt wurden am Mittwoch (29.3.2006) 21 Personen verhaftet, darunter die Bürgermeisterin Marisol Yagüe. Sie wurde von der Polizei in ihrer Villa abgeholt, wo sich die 54-Jährige gerade von einer Schönheitsoperation erholte.

Korruption in Marbella Bürgermeister Maria Teresa Yague

Bürgermeisterin Marisol Yagüe

Der Vorwurf an die Festgenommenen: Unterschlagung, Bestechung und illegale Einflussnahme. Die blondierte Bürgermeisterin ist bekannt für ihren ausschweifenden Lebensstil und ihre Vorliebe für protzige Autos. Gegen sie und gegen 20 der 32 Mitglieder des Stadtrats laufen Dutzende von Gerichtsverfahren. "Marbella ist ein Hort der Korruption", sagt Inma Gálvez, Anwältin an der Costa del Sol. Für sie kam die Festnahme nicht überraschend, seit Jahren kämpft sie gegen die ungezähmte Bauwut an Spaniens Ferienküste Nummer Eins. Mehr als ein Drittel der 80.000 Wohnungen in Marbella wurden ohne ordentliche Baugenehmigung ausgestellt. Die Stadträte sollen dabei kräftig abkassiert haben. "Selbst die Villa, die Antonio Banderas gekauft hat, war illegal errichtet worden", sagt Gálvez zu DW-WORLD.DE.

Erinnerungen an Gil

Nach wie vor herrschten in Marbella Zustände wie zu Zeiten des legendären Bürgermeisters Jesus Gil y Gil. Der Ex-Präsident des Fußballvereins Atlético Madrid war Anfang der 1990er Jahre Bürgermeister geworden. "Der schreckte nicht einmal davor zurück, ein 14-stöckiges Gebäude in einem öffentlichen Park zu bauen", sagt Gálvez. Marbella wurde zur Dauerbaustelle, unzählige Verfahren liefen gegen Gil, der 2004 starb. Yagüe trat mit dem Wahlversprechen an, gegen die lokale Korruption vorzugehen. Leere Worte wie sich nun herausgestellt.

Strandpromenade von Torremolinos an der Costa del Sol

Reinste Bauwut: Strandpromenade von Torremolinos an der Costa del Sol

Inzwischen sind viele der 125.000 Einwohner Marbellas davon genervt, dass ihre Stadt so in Verruf geraten ist. Das Image von Marbella als Ort der Schönen und Reichen tritt immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen ist von der Mafiahochburg Marbella die Rede. Schon vor einem Jahr war Marbella Schauplatz einer spektakulären Razzia: die Operation Ballena Blanca (Weißer Wal). Bis jetzt wurden 56 Personen festgenommen, Konten im Wert von 62 Millionen Euro gesperrt, 251 Luxusvillen und 42 Limousinen, eine Yacht und zwei Kleinflugzeuge konfisziert. Insgesamt sollen 250 Millionen Euro Schwarzgeld aus Drogen- und Waffenhandel, Prostitution und Betrugsgeschäften über ein Anwaltsbüro in Marbella reingewaschen worden sein. Es gibt Hinweise, dass auch lokale Politiker verwickelt sind, wie der Bürgermeister des Ortes Manilva in der Nähe Marbellas. In seiner Wohnung fand die Polizei 800.000 Euro in Plastiktüten und mehr als 20 Rolex Uhren.

Das ganze Bandbreite des organisierten Verbrechens

"Wir sind noch lange nicht am Ende", sagt Anti-Mafia-Staatsanwalt Juan Carlos Lopez Caballero in Malaga. Weitere Details zu den Ermittlungen könne er deshalb nicht nennen. Doch er muss einräumen, dass sich internationale Verbrecherbanden an der Ferienküste offensichtlich wohlfühlen. "Wir haben die ganze Bandbreite: Drogenhandel, Prostitution, Menschenhandel, organisierte Raubüberfälle und Betrug im großen Stil."

Das Geld aus den Verbrechen fließt oft in Immobiliengeschäfte. Wer genug Geld auf den Tisch legt, der bekommt auch die Baugenehmigung. Die Gemeinden lassen hemmungslos bauen und füllen so ihre Kassen. Schon heute ist die Costa del Sol von Malaga über Marbella bis nach Algeciras ein einziger Bandwurm aus Beton und Asphalt. Die "intensive Bautätigkeit könne man nur erklären, wenn davon ausgegangen wird, dass Schwarzgeld mit im Spiel ist, das entweder nicht versteuert wurde oder aus illegalen Aktivitäten stammt", mahnte das Kriminologische Institut in Malaga bereits vor drei Jahren. "Wir wurden damals angefeindet, von allen Seiten“, sagt die Kriminologen Alejandra Gómez-Cespedes, Mitautorin der Studie. Die örtlichen Politiker wollten das Problem einfach nicht wahrhaben, sind sie doch oft selbst Teil des Problems.

Mafiagruppen aus der ganzen Welt

Inzwischen operieren nach Schätzungen der Polizei von Malaga an der Ferienküste rund 120 Verbrecherbanden. Das organisierte Verbrechen ist dabei längst globalisiert: Russen, Chinesen, Peruaner, Bolivianer, Kolumbianer, Kosovo-Albaner, Nigerianer, Bulgaren, Türken, Rumänen und natürlich auch Deutsche, Franzose, Briten oder Italiener mischen mit. Immer wieder kommt es zu Schießereien und Morden zwischen rivalisierenden Banden. "Wir haben zwischen 20 und 30 Morde pro Jahr", erzählt Fernando Vivas seit 34 Jahren im Polizeidienst. Bis vor einem Jahr war er noch Chef der Spezialeinheit Udyco (Unidad de Drogas y Crimen Organizado) in Malaga, zuständig für den Kampf gegen Drogenhandel und organisiertes Verbrechen.

Zu schaffen macht den Behörden vor allem der Drogenhandel. Die Costa del Sol ist eines der wichtigsten Einfallstore für Haschisch und Kokain in Europa. Früher kamen die Drogenhändler nur vorübergehend an die Costa del Sol, um ihre Geschäfte abzuwickeln. Immer mehr von ihnen scheinen sich aber so wohl zu fühlen, dass sie sich längerfristig niederlassen. Anonymität sei ihnen an der Costa del Sol, die im Sommer von ausländischen Touristen überquillt, garantiert, sagt die Kriminologin Gomez.

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