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Wirtschaft

Made in Germany - einst billig statt gut

Ein Blick in die europäische Industriegeschichte zeigt, dass die Chinesen nicht die ersten sind, die Produkte imitieren oder Urheberrechte verletzen. Im 19. Jahrhundert verfolgte Deutschland die gleiche Strategie.

Jemand schaut mit einem Fernglas durch eine Jalousie aus Lamellen (Foto: Fotolia)

Abgucken, was der andere kann - nicht nur China macht das

Deutsche Produkte, insbesondere technische, haben den Ruf, hervorragend konstruiert und qualitativ hochwertig zu sein. Das war nicht immer so. Im Gegenteil. Die lose verbundenen deutschen Kleinstaaten, die 1871 unter Wilhelm I. zum ersten deutschen Kaiserreich zusammengefasst wurden, waren reine Agrargebiete und hinkten den anderen westeuropäischen Staaten in punkto Industrialisierung hoffnungslos hinterher. Schuld daran waren unter anderem die regionalen und politischen Fragmentierungen jenes Kleinstaatenverbands, in dem weder eine einheitliche Währung, noch einheitliche Maße und Gewichte oder gar fiskalisch-ökonomische Rahmenbedingungen existierten.

England setzt Maßstäbe

Portraitbild von Olaf Plötner von der EMST

Gastautor Olaf Plötner von der ESMT

Erst der 1834 in Kraft tretende Deutsche Zollverein sorgte für die Anfänge einheitlicher und halbwegs stabiler handelspolitischer Verhältnisse, die sich nicht zuletzt in der verbesserten Infrastruktur niederschlugen und da hauptsächlich im Aufbau des Eisenbahnnetzes. Aber das, was wir heute als Industrialisierung bezeichnen, begann in Deutschland sehr langsam um das Jahr 1840, also etwa fünfzig Jahre nach Englands industrieller Revolution. Ein einheitliches Zoll- und Handelsgebiet wurde Deutschland erst mit der Reichsverfassung von 1871.

Doch da hatte England für die moderne gewerbliche Produktion längst die Maßstäbe gesetzt und der englischen Industrie gleichzeitig eine monopolartige Vormachtstellung verschafft, die durch Ausfuhrverbote für bestimmte Maschinen, unter anderem Spinnmaschinen, und Auswanderungsverbote für Maschinenbauer und Facharbeiter gestärkt wurde.

"Studienreisen" nach England

Die Deutschen, die sich der Industrialisierung so verspätet geöffnet hatten, verlegten sich auf Industriespionage, um ihren Einstieg in diese neuen technischen Entwicklungen und die damit verbundenen Geschäfte und Gewinne zu finden. Selbst namhafte Politiker wie Carl August von Hardenberg, Heinrich F. K. vom und zum Stein, Christian P.W. Beuth oder der Maler und Architekt Karl Friedrich Schinkel brachen zu sogenannten Studienreisen nach England auf, um sich die Industriestädte anzuschauen, sich in den Fabriken umzusehen, die Maschinenanlagen zu studieren und die Maschinen zu kopieren. Im gleichen Auftrag waren in England deutsche Studenten mit großzügigen Forschungsstipendien ausgestattet unterwegs. Natürlich ist es deutschen Fabrikanten auch gelungen, englische Maschinen offiziell zu kaufen, aber wenn nicht, wurden sie nachgemalt, geraubt oder mit Hilfe von Bestechungsgeldern erworben.

Ein Tagebucheintrag Schinkels veranschaulicht seinen und Beuths Besuch in England, mit der ganzen Mischung aus Bewunderung, Sehnsucht und Gier gegenüber dem Entdeckten, so perfekt, dass ich ihn in Länge wiedergeben möchte: "… Dann besuchten wir eine Bleiweißfabrik mit hohem Schrotturm, von dem man eine schöne Aussicht genießt. Die Walzen, um das Bleiweiß vom Blei zu schneiden, werden stets nur unter Wasserbesprengung in Bewegung gesetzt, damit der ungesunde Staub vermieden werde. (…) Beim Abschiede empfing der gefällige Mr. Strutt von uns eine große bronzene Medaille mit Blüchers Bildnis zum Andenken. Wir gingen noch alleine in die Werkstatt des Mr. Fox und sahen dessen schöne Drehbänke, die berühmte Hobelmaschine. (…) Ein anderer Fabrikant, welcher Bratöfen macht, wurde auch noch aufgesucht, dann das Magazin für Kunstwerke in Flußspat besichtigt und einige Kleinigkeiten daselbst gekauft. Der Besitzer zeigte uns seine Werkstatt, worin sich eine gute Einrichtung zum Schleifen und Sägen befand. Abends schrieben wir im Wirtshaus am Tagebuch …"