1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wahlen

Madagaskar: Favoriten gehen in die Stichwahl

Zwei Wochen nach der Präsidentschaftswahl auf Madagaskar liegt das offizielle Wahlergebnis vor. Die beiden Kandidaten für die Stichwahl sind international weitgehend unbekannt. Sie haben aber mächtige Unterstützer.

Am Ende war der Sieg doch nicht so überragend wie angenommen: Mit 21,10 Prozent hat Jean Louis Robinson die erste Runde der Präsidentschaftswahlen auf Madagaskar gewonnen. Ihm folgt mit 15,93 Prozent sein ärgster Rivale Hery Rajaonarimampianina. Alle 31 weiteren Kandidaten um das höchste Amt im madagassischen Inselstaat sind weit abgeschlagen. Robinson und Rajaonarimampianina werden am 20. Dezember in einer Stichwahl gegeneinander antreten. Beide Kandidaten verdanken die Stimmen zwei einflussreichen Männern, die seit Jahren in der madagassischen Politik die Fäden ziehen.

Jean Louis Robinson
Foto: EPA/KABIR DHANJI

Jean Louis Robinson hat den ersten Wahlgang für sich entschieden

Jean Louis Robinson war Sport- und Gesundheitsminister unter dem vor vier Jahren gestürzten Präsidenten Marc Ravalomanana. Seit seiner Entmachtung lebt Ravalomanana im südafrikanischen Exil. Er durfte bei der Wahl selbst nicht antreten und setzt deshalb auf Robinson. Auch dem Putschisten und aktuellen Übergangspräsidenten, Andry Rajoelina, wurde eine Kandidatur verboten. Er unterstützt öffentlich seinen ehemaligen Finanzminister Rajaonarimampianina.

Die Wahl in Madagaskar wird also nicht, wie von der internationalen Gemeinschaft erhofft, den Weg frei machen für eine neue Persönlichkeit an der Spitze des Landes. Die Stichwahl ist ein Duell von Stellvertretern. In einem Land, in dem mehr als 90 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, sei es bei der Wahl nicht um Inhalte gegangen, sagt die Juristin und Bürgerrechtlerin Sahondra Rabenarivo. "Die ganze Debatte wird komplett von dem Duell dieser beiden Seiten überlagert", fasst sie die Stimmung in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo zusammen.

Angst vor Racheakten und einem erneuten Putsch

Was würde ein Sieg von Jean Louis Robinson im Dezember bedeuten? Marcus Schneider von der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung hat vor der Wahl eine Veranstaltung des Kandidaten besucht. "Er hat verkündet, dass es seine erste Amtshandlung sein würde, die Frau des gestürzten Präsidenten Ravalomanana zur Premierministerin zu machen", erinnert er sich. "Als zweite Amtshandlung wollte er Marc Ravalomanana selbst aus dem Exil zurück nach Madagaskar holen".

Ein Wahlplakat mit dem Bild des gestürzten Präsidenten Ravalomanana Foto: AP Photo/Schalk van Zuydam

Die Wahlkämpfer von Jean Louis Robinson werben mit dem Bild des gestürzten Präsidenten Ravalomanana

Genau davor fürchten sich viele Bewohner des Inselstaates. Ravalomanana hat den Ruf, rachsüchtig zu sein. "Viele von uns blicken mit großer Nervosität auf eine mögliche Rückkehr. Wir haben Angst. Vor seiner Entmachtung besaß er eine milliardenschwere Lebensmittelfabrik. Die wurde nach dem Putsch komplett geplündert und zerstört. Das erste, was er tun wird, ist sie zurückzufordern", sagt die Juristin Sahondra Rabenarivo.

Der Sturz Ravalomananas sei von zwei Drittel der politischen Klasse und einem Großteil des Militärs organisiert worden. Auch die fürchteten im Falle eines Sieges von Jean Louis Robinson Rache - und den Verlust ihrer wirtschaftlichen und politischen Privilegien, sagt Marcus Schneider. Seine Befürchtung: "Wenn Robinson die Wahl gewinnt, dann besteht die Gefahr, dass es zu einem erneuten Putsch kommt." Dass diese Gefahr durchaus ernst zu nehmen ist, zeigt die Geschichte Madagaskars: Schon mehrfach ist das Land nach Wahlen in eine Krise gestürzt. So herrschten beispielsweise nach der Präsidentschaftswahl 2002 monatelang bürgerkriegsähnliche Zustände.

Und trotzdem richten viele Madagassen ihre Hoffnung auf Jean Louis Robinson - und damit auf Marc Ravalomanana. Der fuhr in seiner Zeit als Präsident einen klassisch neoliberalen Kurs, war als pro-amerikanisch und pro-chinesisch bekannt, befolgte die Auflagen von Internationalem Währungsfonds und Weltbank. "Wenn Jean Louis Robinson an die Macht kommt, dann werden wir die Gunst der Geber wieder auf unserer Seite haben", hofft Juristin Rabenarivo. Ob Robinson im Falle eines Wahlsiegs an diesen Kurs anschließen wird, kann momentan aber noch niemand sagen.

"Russisches Szenario"

Hery Rajaonarimampianina Foto: RIJASOLO/AFP/Getty Images

Hery Rajaonarimampianina steht für den Fortbestand des alten Systems

Und was würde ein Sieg von Hery Rajaonarimampianina bedeuten? Die bestehende Ordnung würde bestätigt werden, denn Rajaonarimampianina steht für die Politik des amtierenden Interimspräsidenten Andry Rajoelina. Rajaonarimampianina hat bereits angekündigt, dass er diesen zu seinem Premierminister ernennen würde. Die madagassische Presse spricht vom "russischen Szenario": Die Konstellation erinnert stark an die politische Situation in Moskau im Jahr 2008 - damals hatte Wladimir Putin Dmitri Medwedew im Rennen um das Präsidentenamt unterstützt, um seinen eigenen Einfluss zu wahren und schließlich selbst wieder Präsident zu werden.

In der Wirtschaft strebt Rajaonarimampianina eine starke Rolle des Staates an: Die Regierung solle Schulen bauen, Krankenhäuser errichten und in den Straßenbau investieren. Woher er das Geld dafür nehmen will, hat er bislang nicht gesagt.

Andry Rajoelina
Foto: XINHUA /LANDOV

Der aktuelle Präsident Andry Rajoelina wird als zukünftiger Premierminister gehandelt

Auch wenn Rajaonarimampianina aus dem ersten Wahlgang vom 25. Oktober nur als Zweitplatzierter hervorgegangen ist, hat er gute Chancen, die Stichwahl für sich zu entscheiden: Von den 31 Kandidaten aus dem ersten Wahlgang, die es nicht in die Stichwahl geschafft haben, stehen viele für die Politik von Noch-Präsident Rajoelina. Wer im ersten Wahlgang für einen von diesen Kandidaten gestimmt hat, könnte sich deshalb in der Stichwahl für Rajaonarimampianina entscheiden. "Insgeheim hoffen wir alle, dass es ein eindeutiges Ergebnis geben wird", sagt die Bürgerrechtlerin Sahondra Rabenarivo. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit höher, dass der unterlegene Kandidat seine Niederlage akzeptieren würde.

"Egal wer die Wahl gewinnt, Madagaskar hat in jedem Fall gewonnen", glaubt Marcus Schneider von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Denn dann habe das Land eine Regierung, die international anerkannt wäre. In Folge des Putsches 2009 hatte die internationale Gemeinschaft weitreichende Sanktionen gegen das Land verhängt. Die würden dann aufgehoben, so Schneider. Die erste Wahlrunde sei frei und fair verlaufen, hatte die Europäische Union gelobt. Schneider ist optimistisch: "Wenn die Politik es jetzt nicht völlig vermasselt, dann steht der ökonomische Aufschwung ins Haus."

Die Redaktion empfiehlt