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Kultur

Machtkampf im Dreieck

Marcel Reich-Ranicki hat den Suhrkamp Verlag aufgefordert, den auf ihn gemünzten Roman "Tod eines Kritikers" von Martin Walser nicht zu veröffentlichen.

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Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki

Reich-Ranicki sagte dem Nachrichtenmagazin Focus: "Der Verlag Benjamins, Adornos, Blochs, Celans darf ein solches Buch nicht verlegen. Ich hoffe sehr, dass er in diesem Sinn entscheidet."

Walser betonte unterdessen, sein Buch sei eine Komödie über Machtausübung im Kulturbetrieb, Hass und Antisemitismus seien ihm fremd. Dagegen bekräftigte Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seinen Vorwurf, Walser spiele mit dem Repertoire antisemitischer Klischees und sei voll Hass, "über den er die Kontrolle verloren hat". Auf die Frage, ob das Werk am besten überhaupt nicht erscheinen solle, antwortete der FAZ-Herausgeber im Spiegel-Interview: "Ich meine, das Buch soll veröffentlicht werden, wenn es jemand veröffentlichen will - wo auch immer."

FAZ-Herausgeber Schirrmacher in der Kritik

Schirrmacher verteidigte jetzt erstmals sein Vorgehen gegen Walsers unveröffentlichten Roman. Ihm sei keine andere Wahl geblieben, sagte er dem Spiegel. Der FAZ-Herausgeber hatte in einem Offenen Brief an Walser dessen Buch als "Dokument des Hasses" und als "Mordphantasie" bezeichnet. Falls die FAZ nur auf den Abdruck des Buches verzichtet hätte, hätte Walser diese Ablehnung auf den Einfluss von Reich-Ranicki zurückgeführt. "Ich musste also da etwas öffentlich unternehmen - um Reich-Ranicki zu schützen und einer Legende vorzubeugen."

Den Vorwurf, mit der Vorabkritik eines noch nicht veröffentlichten Buches Anstandsregeln der Presse verletzt zu haben, wies Schirrmacher zurück. "Elementare Anstandsregeln sind durch das Buch verletzt worden, auch durch den naiven Versuch, ausgerechnet die FAZ zum Komplizen einer solchen Hinrichtung ihres eigenen Mitarbeiters zu machen", sagte Schirrmacher. Zudem sei das der FAZ vorliegende Manuskript vom Verlag schon autorisiert gewesen.

Schirrmacher betonte, er habe den Roman nicht schlechthin als ein antisemitisches Machwerk bezeichnet. "Ich sprach vom Spiel mit dem Repertoire antisemitischer Klischees." Die Mordfantasie des Schriftstellers im Roman richte sich primär "auf den Juden und nicht auf den Kritiker als solchen. So etwas ausgerechnet bei uns zudrucken, hielt ich für unverantwortlich." Sein persönliches Empfinden gab Schirrmacher mit den Worten wieder: "Ich war so angewidert von diesem Buch, dass ich nach der Lektüre nicht einmal mit dem Autor telefonieren konnte."

Martin Walsers Argumentation in eigener Sache

Walser bringe "die schlimmsten und gängigsten Klischees des Antisemitismus oft in Nebensätzen unter". In der Bild am Sonntag wurde der Literaturkritiker sogar mit den Worten zitiert: "Walser will mich ermorden!" Der Schriftsteller reagierte in der Zeitung fassungslos: "Dazu fällt mir nichts mehr ein ... Reich-Ranicki versteht mich nicht, hat mich niemals verstanden."

Er habe eine Komödie im Sinn gehabt, einen Seelenkrimi und könne sich vorstellen, dass Regisseur Helmut Dietl ("Rossini") daraus einen Film machen könnte. Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg nannte den Antisemitismus-Vorwurf gegen Walsers Buch im Focus "absurd". Der Autor selbst erklärte: "Niemals, wirklich niemals hätte ich gedacht, dass es auf diese Weise abgelehnt wird, mit dem Vorwurf des Antisemtismus. Wenn ich auch nur einen Satz in dieser Richtung hätte wittern können, dann hätte ich ihn rausgestrichen", versicherte Walser im Spiegel. (dpa)

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