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Afrika

Machtkampf auf Madagaskar

Der Machtkampf auf Madagaskar hat sich weiter verschärft: Armee-Einheiten zogen am Montag (4.3.2002) vor mehreren Ministerien auf, um den Ministern des selbst ernannten Präsidenten Ravalomanana den Zutritt zu verwehren.

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Madagaskar: Wer in Antananarivo regiert, ist unklar

Seit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen am 16. Dezember 2001 wird der Inselstaat Madagaskar im Indischen Ozean vor der Küste Mosambiks von Streiks und Massendemonstrationen erschüttert. Am 1. März verhängte der amtierende Präsident, Didier Ratsiraka, das Kriegsrecht, nachdem der Oppositionsführer und Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo, Marc Ravalomanana, sich zum Präsidenten der Republik erklärt hatte. Mittlerweile übernahm Ravalomanana auch das Amt des Oberkommandierenden der Streitkräfte.

Im ersten Wahlgang hatte Ravalomanana 46 Prozent, sein Gegner Ratsiraka nur 40 Prozent der Stimmen erzielt. Das Gesetz schreibt in diesem Fall einen zweiten Wahlgang vor. Dies jedoch lehnt Ravalomanana ab und wirft der Regierung Wahlbetrug vor. Nach seiner eigenen Rechnung sei er mit der absoluten Mehrheit von 52 Prozent der Wählerstimmen eindeutig der Wahlsieger. Eine Pattsituation herrscht also auf der Insel. Die Verhängung des Kriegsrechtes, das Straßendemonstrationen untersagt, wird von Marc Ravalomanana einfach ignoriert. Er hat eine 16-köpfige Regierungsmannschaft mit dem Premierminister Jacques Sylla vorgestellt und das Rathaus zum Präsidentenpalast umfunktionniert. Er ernannte den General Mamizara in Anwesenheit mehrerer hoher Offiziere zum Verteidigungsminister. Getreu seinem Wahlmotto "Schluss mit Ratsiraka und seiner korrupten Regierung" will der 50-jährige Bürgermeister die Macht allein für sich.

Im Kampf gegen den fast 70-jährigen Staatspräsidenten Ratsiraka weiß er die Mehrheit der 15 Millionen Madegassen hinter sich. Sie wollen endlich einen Generationswechsel in Politik und Wirtschaft, mit glaubwürdigen und kompetenten Ministern. Marc Ravalomanana ist deshalb der Mann der Stunde. Der Bauernsohn ist ein Selfmademan, seine Geschichte eine Erfolgsstory. "Marc ist so gut aussehend wie er reich ist", singen seine Anhänger in den Armenvierteln der Hauptstadt. Der smarte Bürgermeister hat es in der Tat zum reichsten Mann der Insel gebracht. Mit seiner Firmengruppe Tiko S.A. kontrolliert er die Agrarwirtschaft auf Madagaskar und beschäftigt etwa 100.000 Menschen. Während seiner dreijährigen Amtszeit als Bürgermeister hat er die Hauptstadt modernisiert, Straßen und Schulen gebaut, Slums saniert. Die Firma Tiko soll jetzt zum Erfolgsrezept für ganz Madagaskar werden, damit die Insel, die zu den zehn ärmsten Ländern der Welt gehört, wirtschaftlich durchstarten kann.

Solche Trümpfe hat Staatschef Ratsiraka nicht zu bieten. Der ehemalige Fregattenkapitän, Absolvent der Elite-Militärakademie Saint-Cyr in Frankreich, regiert Madagaskar seit seiner Machtübernahme 1975 wie ein sturer Soldat. Im Geist der damaligen Zeit setzte er zuerst auf den Marxismus als Staatsdoktrin. Das Land erlitt wie viele andere afrikanische Staaten daraufhin einen wirtschaftlichen Schiffbruch. 15 Jahre später, im Jahre 1991, widersetzte sich der "rote Admiral" dem demokratischen Prozess und ließ seine Soldaten auf Demonstranten schießen. 130 Tote Menschen starben seinerzeit, Ratsiraka musste zurücktreten. 1997, am Ende der Amtszeit des glücklosen Staatspräsidenten Albert Zafy, stellte er sich erneut den Wählern und gewann. Seine Aussichten auf eine erneute Wiederwahl nach insgesamt 20 Jahren Herrschaft sind heute allerdings gering. Da hilft es dem langjährigen Staatschef auch nicht, dass er auf der internationalen Bühne Punkte sammeln konnte. Sowohl die frühere Kolonialmacht Frankreich, der immer noch wichtigste Partner Madagaskars, als auch die UNO, die Europäische Union und die Organisation für Afrikanische Einheit, haben sich vom Alleingang Ravalomananas distanziert und einen zweiten Wahlgang empfohlen. Die USA, die ganz offen den erfolgreichen Manager bevorzugen, raten ihrerseits zu einem Referendum, um die Präsidentenfrage zu klären.

Die Zeit arbeitet für den praktizierenden Protestanten Marc Ravalomanana, der auf Unterstützung der wichtigsten innenpolitischen Macht in Madagaskar zählen kann: auf den Vereinigten Rat der christlichen Kirchen. Ohne deren Hilfe kann kein Kandidat Präsident werden. Dies erklärt auch , warum am Montag (4.3.2002) vier Minister der Parallelregierung offiziell von Premier Sylla in ihre Ministerien eingeführt werden konnten. Das schwer bewaffnete Militär ließ die Minister friedlich passieren, unter dem tosenden Beifall der Demonstranten. In politischen und diplomatischen Kreisen sinniert man jetzt über die Erklärung des mächtigen Erzbischofs von Antananarivo, Kardinal Armand Razafindratandra, nach dem ersten Wahlgang: "Marc ist unser Zögling und wird gewinnen. Allerdings weiß ich nicht, ob Präsident Ratsiraka aufgibt. Ich kenne ihn gut, er war mein Schüler. Und sogar beim Kartenspiel Belotte war er immer ein schlechter Verlierer."