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Kultur

"Macht nichts, wenn sie sich ärgern"

Seit einem DW-WORLD.DE-Interview erregt der Sinologe Wolfgang Kubin von der Uni Bonn mit seinen Theorien über chinesische Gegenwartsliteratur große Aufmerksamkeit in China. Nun wagt sich er an ein zweites Interview.

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Scharfer Kritiker: Wolfgang Kubin

DW-WORLD: Vor ungefähr drei Wochen haben Sie sich bei einem DW-Interview kritisch über chinesische Gegenwartsliteratur geäußert. Es hat eine hitzige Debatte in den chinesischen Medien ausgelöst. War das eine Überraschung für Sie?

Prof. Kubin: Ja. Was ich gesagt habe, war eigentlich nichts Neues. Im März 2006 Jahre habe ich schon einen Vortrag an der Volksuniversität Peking gegeben und das Publikum schien meine Ansichten geteilt zu haben. Niemand hat etwas in Frage gestellt. Die chinesische Zeitschrift "Du Shu" (Das Lesen) wollte meinen Vortrag auch veröffentlichen. Aus unklaren Gründen zögerten sie dies aber hinaus. Vielleicht, weil ein Teil des Inhalts doch empfindlich sein könnte.

Nach dem Ergebnis einer Internet-Umfrage sind 85 Prozent der chinesischen Internet-User mit Ihrer Fundamentalkritik der chinesischen Gegenwartsliteratur einverstanden. Was halten Sie davon?

Erschreckend. Max Weber hat gesagt, ein echter Wissenschaftler sollte sein Ego verlieren. Seine Theorie werde nur von der Minderheit verstanden. Ich müsste an mir zweifeln, wenn ich wirklich die Unterstützung der Masse hätte. Ich weiß, dass sich viele chinesische Schriftsteller über meine Wörter ärgern und diese kritisiert haben. Das macht aber nichts. Wir sollen mehr darüber diskutieren. Ich habe allerdings nur gesagt, die Werke von Mian Mian und Wei Hui und so weiter seien Müll. Von der chinesischen Gegenwartsliteratur allgemein dürfte ich das aber nicht behauptet haben.

Sie haben gesagt, die chinesischen Schriftsteller seien besonders feige. Was meinen Sie damit?

Ich erinnere mich noch daran, dass der Journalist nachgefragt hat, ob das mit der Politik zusammenhänge. Ich habe nicht geantwortet. Die Medien-Leute sind sehr daran interessiert, Literatur, Kunst und Politik zu vermischen. Meines Erachtens sollten sie aber getrennt werden. Deutsche Schriftsteller wie Heinrich Böll oder Günter Gras haben ihren Mut in den 1960-Jahren gezeigt. Ohne ihre Stimmen hätte sich Deutschland vielleicht davor drücken können, die Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten und sich gegenüber anderen Ländern zu entschuldigen. Ein Zitat von Lin Yutang (ein chinesischer Schriftsteller) aus den 1920er Jahren gilt aber immer noch für das heutige China: "So viele chinesischen Intellektuellen haben etwas zu sagen, so viele chinesische Autoren haben etwas zu sagen - sie wagen es aber nicht zu sagen."

Sie haben auch den chinesischen Bestseller "Wolf Totem" von Jiang Rong als "faschistisch" verurteilt. Warum?

Ich bin als Deutscher wegen der Nazi-Vergangenheit natürlich sehr empfindlich, wenn Wörter wie Blut und Erde benutzt werden. Der "Wolf Totem" Autor scheint ein großer Anhänger von Machtpolitik zu sein. Dies als faschistisch zu begreifen, ist vielleicht die typische deutsche Sicht.