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Spurensuche

Macht Glaube glücklich?

Eine zärtliche Geste, der Traumurlaub, vielleicht ein stilles Gebet: seit jeher streben Menschen nach Glücksmomenten. Ein Interview von Dr. Ute Stenert von der katholischen Kirche mit Glücksforscherin Maike van den Boom.

Maike van den Boom
Maike van den Boom
(Wolf Gatow)

Die Glücksforscherin Maike van den Boom.    Foto: Wolf Gatow

Seit jeher streben die Menschen nach einem glücklichen, erfüllten Leben. Welche Rolle spielen dabei Glaube und Spiritualität? Ein Gespräch von Dr. Ute Stenert mit Glücksforscherin Maike van den Boom, bekannt durch ihren Bestseller „Wo geht’s denn hier zum Glück?“1

Dr. Stenert: Frau van den Boom, Sie sind einmal um die ganze Welt gereist. Nach welchen Kriterien haben sie die Länder ausgewählt, die Sie besucht haben?
Van den Boom: Ich bin in die 13 glücklichsten Länder nach dem ‚World Database of Happiness, gereist: Mexiko, Panama, Kolumbien, Costa Rica, Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark und Island, Schweiz, Luxemburg, Australien und Kanada.

Dr. Stenert: Höchst unterschiedliche Länder. Arme und reiche. Verschiedene Kulturen und Bräuche. Was verbindet die Menschen dennoch?
Van den Boom: Werte wie Vertrauen, persönliche Freiheit, Respekt, Verantwortung übernehmen für sich und die Gemeinschaft. Hinzu kommt, wo allem in den südamerikanischen Ländern, Gottvertrauen.

Dr. Stenert: Welche Botschaft wollen Sie den Menschen hierzulande mitgeben?
Van den Boom: Glück ist mehr als ein flüchtiger Moment. Es ist eine Lebenshaltung. Das Ergebnis, wie wir unser Leben als Ganzes angehen. Jeden Tag und jeden Moment.

Dr. Stenert: Wer hat Sie bei Ihren Reisen nachhaltig beeindruckt?
Van den Boom: Ein Papiersammler in Bogota. Unter all den schick gekleideten Leuten hat er mit Hingabe das weggeschmissene Papier aufgesammelt. Was für ein mieser Job, dachte ich. Der Mann war aber so beseelt, von dem was er tat. Das hat mich wirklich berührt. Es hat ihn glücklich gemacht, zu helfen, dass das Papier recycelt wird. Das ist es, was Menschen antreibt: Jeder will etwas Sinnvolles beitragen, auch für andere.

Dr. Stenert: Der Sinn des Lebens besteht also auch darin, sich als Teil eines Ganzen zu verstehen?
Van den Boom: Ja, genau. Wir müssen in dem, was wir tun, wie wir leben, einen Sinn erkennen. Sonst wird es schwierig mit dem Glücklichsein. Letztendlich ist Sinn die persönliche Antwort auf die Fragen: Warum bin ich hier? Was treibt mich an? Worauf will ich zurückschauen, wenn ich sterbe?

Dr. Stenert: Dazu gehört auch: Wem vertraue ich mich an – vielleicht auch in der Hoffnung, über den Tod hinaus? Wie steht es um die Kraft, die gläubige und spirituelle Menschen erfahren?
Van den Boom: Diese Kraft kann Menschen einen besonderen Halt geben. Sie in ihrem Streben nach Glück bestärken. Wir alle haben das Bedürfnis, zu wissen, wie unsere Bestimmung lautet. Lange Zeit mussten wir uns diese Frage nicht stellen. Der Glaube, fest verankert in das gesellschaftliche Leben, hat diese Frage für uns beantwortet.

Dr. Stenert: Der Glaube gilt heute längst nicht mehr für alle Menschen…
Van den Boom: Stimmt, viele glauben jetzt an ‚etwas‘, an den großen Plan. Nennen es Leben oder Schicksal. Das ist wohl eine ähnliche spirituelle Ebene wie der Glaube an Gott. Es geht um das Bedürfnis, sich in einem großen Ganzen aufgehoben zu wissen.

Dr. Stenert: Sind gläubige und spirituelle Menschen glücklicher als andere?
Van den Boom: Zumindest unterstützt der Glaube die Gabe, sich selbst zu schützen. Bei Menschen, die sehr religiös sind, bestärkt der Glaube das subjektive Wohlbefinden. Der Glaube hilft, Lebenskrisen zu meistern: die Trauer um einen geliebten Menschen oder eine schwere Erkrankung. Glaube macht widerstandsfähiger.

Dr. Stenert: Glaube ist eng verbunden mit der Hoffnung und dem Vertrauen auf eine Erlösung, die weit über das irdische Leben hinausweist. Wer sich aufgehoben weiß, in einem höheren Zusammenhang, der kann das Leben auch gelassen angehen?
Van den Boom: Ja, und dazu gehört auch, wie wir mit dem Tod umgehen. Das hat mich so in Mexiko fasziniert: Die Verschmelzung christlicher Tradition mit dem Erbe der Azteken und Maya. Am Tag der Toten sind überall auf Altären Fotos der Verstorbenen aufgestellt. Kerzen werden für sie angezündet und das Lieblingsessen für sie gekocht. Der unverkrampfte Umgang mit dem Tod ist somit auch ein Baustein für ein glückliches Leben.

1 Maike van den Boom, „Wo geht’s denn hier zum Glück?“, Frankfurt am Main 2015.

 

Dr. Ute Stenert, Jahrgang 1971, ist Rundfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Seit über 20 Jahren ist sie freie Autorin für unterschiedliche Medien tätig.