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Kultur

"Macht die Pussy Riots nicht zu Märtyrerinnen"

Pussy Riot sind schuldig gesprochen worden. Maria Klassen vom Lew-Kopelew-Forum erklärt, welche Tradition Protestmusik in Russland hat, wie sie die Aktion der Band hier einordnet und warum das Strafmaß so hart ausfällt.

Am 21. Februar 2012 haben die drei Musikerinnen der Punkband Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkirche ein Punk-Gebet gegen Ministerpräsident Wladimir Putin gesungen. Darin heißt es: "Mutter Gottes, vertreibe Putin". Mit ihrem Auftritt erzielte die Band Pussy Riot weltweit Aufsehen. Inzwischen hat ein Moskauer Gericht die Musikerinnen des religiös motovierten Rowdytums schuldig gesprochen. Das Strafmaß lautet: zwei Jahre Haft.

DW: Frau Klassen, die offizielle Anklage lautet: Rowdytum aus religiösem Hass. Aber es drängt sich der Eindruck auf, dass es um mehr geht, nämlich darum, dass eine Musikband protestiert.

Maria Klassen: Nur bedingt. Denn es gibt ja auch andere Musik- oder Punk- oder Heavy Metal-Bands in Russland. Es steht noch etwas ganz anderes im Raum. Der Fall von Pussy Riot sorgt deshalb für soviel Aufregung, weil es sich um eine Punkband handelt, die in einer Kirche für Unruhe gesorgt hat. Da ist die Band zu weit gegangen.

Ist der Fall deshalb zu einem Politikum geworden?

Erlöser-Kathedrale in Moskau (Foto: ddp)

Erlöser-Kathedrale in Moskau

Tatsächlich war es die Kirche, die aus der Sache ein Politikum gemacht hat. Weil sich die jungen Frauen eine russisch-orthodoxe Kirche ausgesucht haben, und zwar ausgerechnet die symbolträchtige Erlöser-Kathedrale, haben sie viel Ungnade auf sich gezogen. Deshalb hat sich die Kirche nicht wie eine barmherzige Kirche verhalten, die den wilden und suchenden Mädels eine Rüge erteilt und es dabei belässt. In den russischsprachigen Internetblogs melden sich einzelne Geistliche zu Wort, die diese harte Linie ihrer Kirche kritisieren. Aber das sind nur wenige Einzelmeinungen. Das ist nicht der Standpunkt der Kirche insgesamt.

Hat also vor allem die Kirche Druck beim Strafmaß gemacht?

Die Sache ist vielschichtig. Es wäre zu einfach zu sagen, dass die Regierung Putins ein Exempel statuieren wollte, um der Opposition ein Signal zu senden. Das wäre zu kurz gegriffen. Denn es gibt vor allem in der breiten, einfachen Bevölkerung eine Empörungswelle. Viele gläubige Russen sind auch ohne Beeinflussung durch die Kirche der Meinung, dass diese Aktion hart bestraft gehört. Man darf nie vergessen: Wir sind in Russland und nicht in West-Europa. So ein Zwischenfall nimmt in Russland ganz andere Wendungen. Da kann es sich dann sogar ein Putin leisten, in London anzukommen, den Gnädigen zu spielen und zu fordern‚ man solle mit "Pussy Riot" milde verfahren. Vielleicht meint er das auch so. Russland ist immer noch ein anderes Land, denn für diese Gesellschaft ist die Toleranz nach westlichem Verständnis immer noch befremdlich.

Protestaktion gegen Pussy Riot Prozess in Bonn am Russischen Generalkonsulat, 15.08.2012 (Foto: DW)

Solidarität mit Pussy Riot vor dem russischen Konsulat in Bonn

Knüpft Pussy Riot mit ihren rebellischen Texten an die Tradition staatsfeindlicher Liedermacher in Russland an?

Ihre Musik kann man nicht mit der der Barden oder Liedermacher der Sowjetzeit vergleichen. Ein lyrischer Bulat Okudshava oder ein rebellischer Wladimir Wyssozkij hätten niemals ihren Protest auf so eine überfallartige Weise anderen aufgedrängt. Das waren zu dieser Zeit überwiegend Intellektuelle, die ihre Kritik an der Diktatur mit Inhalten und fundierten Argumenten in äsopscher Sprache vortrugen, leicht und nebenbei, auf amüsante Art und Weise. Dabei riskierten sie aber eine ganze Menge.

Ein Zeitungsstand - Moskauer Neuigkeiten steht auf der Werbe-Inschrift - aufgenommen in der Innenstadt von Moskau am 15.11.2005. Foto: Jens Kalaene +++(c) dpa - Report+++ pixel

Nachrichten-Gefälle zwischen Stadt und Land

Wie früher, so ist auch heute noch das Stadt-Land-Gefälle sehr groß. Es kann sein, dass solche Musik schon zweihundert Kilometer außerhalb von Moskau nicht bekannt oder populär ist. Moskau ist nicht Russland. Die Metropole, in der sich die Wirtschaft des gesamten Landes konzentriert und alle ausländischen Vertretungen angesiedelt sind, vermittelt den trügerischen Eindruck einer westlichen Groß- und Hauptstadt. Doch die Leute, die bereits 200 bis 300 Kilometer entfernt in der Provinz wohnen, leben zum Teil noch unter sowjetischen Bedingungen. In Moskau kann Pussy Riot wild sein, weil sich die Band mit dem Westen misst - der Rest des Landes tut das nicht. Die Musik von Pussy Riot spiegelt nicht einen allgemeinen Trend wider. In kleineren Städten haben die Menschen von Pussy Riot erst durch deren Aktion in der Kirche erfahren.

Sie erwähnen die Liedermacher der Sowjetzeiten. Welchen Einfluss hatten sie auf dem Land - und auch in den großen Städten?

Solche Barden waren damals nicht nur unter Intellektuellen bekannt, sondern auch in der einfachen Bevölkerung. Sie wurden sehr geschätzt für ihre einfühlsame Sprache und die Fähigkeit, jeden ansprechen zu können. So wurden sie zum Sprachrohr vieler.

Gibt es diese Art von Protestmusik heute noch?

In der heutigen Zeit, in der die Globalisierung in Russland angekommen ist, hat die Quantität vielerorts die Qualität verdrängt. In der Diktatur wurden die zwei, drei mutigen Stimmen im ganzen Land trotz offizieller Missachtung gehört.

Gibt es Solidarität russischer Künstler und Intellektuellen mit Pussy Riot?

Anhänger von Pussy Riot vor dem Gerichtsgebäude in Moskau (Foto:

Anhänger von Pussy Riot vor dem Gerichtsgebäude in Moskau

Die gibt es! Aber vor allem bei den Intellektuellen in den Städten und bei Jugendlichen, die sowieso per Internet den Anschluss an die restliche Welt – und damit ist die west-europäische Welt gemeint – suchen. Die einfachen Menschen wissen mit dieser Art von Protest nichts anzufangen, auch wenn sie keine Putin-Sympathisanten sind.

Weltweit gibt es Solidaritätsbewegungen für die Pussy Riots. Könnte das etwas bewirken auch in Russland?

In juristischer und offizieller Hinsicht wäre das zu hoffen. Aber manchmal kann so etwas zu einer unerwünschten Gegenreaktion führen. Je mehr Druck der Westen macht, desto mehr entzieht sich Russland in den letzten Jahren und erwehrt sich der "Einmischung von Außen". Wie es weitergeht, ist schwer vorauszusagen.

Wirkt sich die internationale Solidarität positiv oder negativ auf Oppositionelle oder kritische Geister in Russland aus?

Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina von Pussy Riot (Foto: Reuters)

Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina von Pussy Riot

Ich glaube nicht, dass diese Mädchen zu Beginn ihrer Aktion dermaßen politisch gedacht haben. Sie wollten rebellieren und ihre kritische Haltung gegenüber der russischen Regierung äußern. Aber nicht so, wie wir es von ehemaligen Dissidenten und Intellektuellen gewohnt sind, die ihre politische Position mit gründlich durchdachten und sachbezogenen Argumenten formulierten. Mittlerweile werden die Mädchen zu Märtyrerinnen stilisiert. Damit wird der Bogen überspannt. Je mehr die Verteidiger aus den jungen Frauen Märtyrerinnen machen, desto mehr werden deren Gegner sie dämonisieren, was dazu führt, dass sich die Lager nur radikalisieren, womit niemandem geholfen wäre. Das Problem ist ein gesamtgesellschaftliches. Vieles aus der sowjetischen Ära ist noch nicht verarbeitet worden.

Hätte Pussy Riot die Reaktionen vorhersehen müssen?

Sie haben sicher nicht damit gerechnet, dass die Wellen so hoch schlagen. Sie haben vielleicht mit einer Geldstrafe gerechnet, aber nicht damit, dass sie für zwei Jahre in Haft müssen.

Das Gespräch führte Sabine Oelze

Maria Klassen ist Übersetzerin und Redakteurin. Die Russlanddeutsche lebt seit 1976 in Deutschland und ist Beiratsmitglied des Kölner Lew Kopelew-Forums, das Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern aus Osteuropa, die sich für eine deutsch-russische bzw. europäische Verständigung engagieren, ein Forum gibt.

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