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Fokus Südosteuropa

Macho-Kultur in Südosteuropa

Muskelbepackt, neureich und hypermaskulin: das ist das balkanische Männlichkeitsideal. Eine neue Studie untersucht, was dahinter steckt.

Muskelbepackt soll er sein (Copyright: dundanim - Fotolia.com #11473886)

Muskelbepackt soll er sein

Das Goldkettchen und der Mercedes-Autoschlüssel funkeln stolz um die Wette. Zwei teure Smartphones, gerne auch mehr, liegen demonstrativ auf dem Tisch. Der Dame soll gezeigt werden, mit wem sie es zu tun hat - am besten noch, bevor ein Gespräch beginnt: So sieht für viele Männer in Südosteuropa das ideale Paarungsverhalten aus.

Prof. Gabriella Schubert von der Universität Jena, Expertin für Slawistik Eingereicht von Dana Alexandra Scherle mit Genehmigung von Frau Gabriella Schubert am 28.3.2012

Die Autorin der Studie: Gabriella Schubert

Deutsche Frauen philosophieren in den Feuilletons der Zeitungen gerade darüber, ob die einheimischen Männer heutzutage zu schüchtern, zu unentschlossen und zu verweichlicht sind. Bezogen auf den "Homo balcanicus", den die Wissenschaftlerin Gabriella Schubert in ihrer Studie "Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit in Südosteuropa" beschreibt, stellen sich diese Fragen nicht. Sein Markenzeichen sind Macho-Attitüden, davon ist die aus Ungarn stammende Professorin für Slawistik an der Universität Jena überzeugt: "Meiner Meinung nach ist der Homo balcanicus ein Typus Mann, der aus der Wende hervorgegangen ist, der aus sehr unterschiedlichen Kreisen kommt und teilweise aus sehr zweifelhaften Verhältnissen stammt." Es seien Männer, die die Unsicherheit und die chaotischen Verhältnisse der Wende nutzten, um an viel Geld zu kommen - und zwar nicht immer auf legalem Wege.

Hochkonjunktur für Gangster und Bodyguards

Viele Männer dieser neuen Elite seien aus dem Umfeld von Gangstern, Bodyguards und Kampfsport-Liebhabern emporgestiegen. "Einerseits bedienen sie sich der modernsten Technik, andererseits pflegen sie ein Machoverhalten und bevorzugen Frauen, die ihrem sexistischen Geschmack entsprechen", erklärt die Autorin der Studie.

Das seien vor allem Frauen, die sich als Sexbomben inszenieren und zur Freude des „Homo balcanicus" ihre üppige Oberweite durch möglichst knappe Kleidungsstücke betonen. Diese Art des Auftretens ist in westlichen Ländern auch nicht unbekannt, aber in Südosteuropa scheinen die Frauen häufiger dazu bereit zu sein, sich den Erwartungen der Männer anzupassen – ganz gleich, ob es den Kleidungsstil oder die Küchenarbeit betrifft. Ihre Mütter und Großmütter haben die Frauen oft unbewusst dazu erzogen.

Hausarbeit bleibt Frauenarbeit

südländischer junger Mann mit nacktem Oberkörper hält Hantel hoch

Hält nicht viel von Hausarbeit: Der "Homo balcanicus"

Hinter den Geschlechterrollen in Südosteuropa steckt eine tief verwurzelte Tradition: Das alte Patriarchat auf dem Balkan. Gabriella Schubert beschreibt es als eine sehr streng strukturierte Sozialordnung. Familien schlossen sich zusammen, um in schwierigen Zeiten wirtschaftlich überleben zu können. Auch heute gibt es beispielsweise in Albanien und dem Kosovo noch Formen der Großfamilie, die nach den alten Mustern funktionieren. "Daher definieren Familie und Gesellschaft eine Frau oft immer noch durch ihre Rolle als Mutter - im Idealfall als Mutter von Jungen", kritisiert Gabriella Schubert. "Wenn ein Familienvater keinen Sohn hat, dann ist das ein Manko. Die männliche Linie muss schließlich fortgesetzt werden."

An der klassischen Rolle der Frauen habe sich in Südosteuropa auch durch den Sozialismus nichts Wesentliches geändert, erklärt die Forscherin aus Jena. Trotz Vollzeit-Arbeit erledigten sie nach Feierabend allein die gesamte Hausarbeit. Das sei selbst heute noch so. Auch Kindererziehung gelte immer noch als reine Frauenarbeit - der männliche "Homo balcanicus" fühlt sich schließlich zu Höherem berufen. Und dazu zählt es, sein Bier vor dem Fernseher zu genießen, während sich seine Liebste um den lästigen Abwasch kümmert.

Perfekt und erotisch

Von der Frau werde heute erwartet, dass sie Geld verdient, die perfekte Hausfrau und Mutter ist - und gleichzeitig erotisch aussieht. Doch Gabriella Schubert beobachtet, dass sich die tradierten Rollenbilder langsam verändern. Junge Frauen aus Südosteuropa reisen immer öfter ins Ausland und erleben, dass es auch andere Muster gibt: Frauen verwirklichen sich selbst nach ihren individuellen Vorstellungen. Vielleicht wird es in Zukunft für den "Homo balcanicus" dann immer schwieriger, eine Partnerin zu finden.