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Welt

Mac is back - doch nun kommt die Realität

Nach dem Parteitag der Republikaner in St. Paul in Minnesota ist John McCains Ausgangslage nicht die schlechteste, meint Christina Bergmann.

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Christina Bergmann

Christina Bergmann

Noch vor einem Jahr schien der Wahlkampf von John McCain frühzeitig beendet zu sein. Geldnöte und Zwist im Team führten fast dazu, dass der 72jährige Senator aufgegeben hätte. Doch er biss sich durch und schaffte es, die Vorwahlen seiner Partei zu gewinnen – obwohl die konservative Basis der Partei skeptisch blieb. Jetzt aber jubeln selbst die Christlich-Evangelikalen. Der Grund: McCains Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin. Die 44jährige Gouverneurin von Alaska entwickelte sich zum umjubelten Star auf dem Parteitag in St. Paul.

Zunächst ist die Rechnung McCains also aufgegangen. Er suchte und fand ein unverbrauchtes Gesicht, mit dem er gemeinsam das Establishment in Washington aufmischen kann. Doch wie viele Stimmen sich mit Sarah Palin tatsächlich gewinnen lassen, muss sich noch zeigen. Die verprellten Wählerinnen von Hillary Clinton werden sich nicht einfach den Republikanern zuwenden, nur weil diese eine Frau ins Präsidentschaftsboot geholt haben. Palins strikte Anti-Abtreibungshaltung, ihre extreme Religiosität und ihre Ablehnung von Sexualaufklärung sind nur einige Bereiche, in denen sie das genaue Gegenteil der Demokratin Clinton verkörpert. An Format kann Sarah Palin der Senatorin und ehemaligen First Lady auch nicht das Wasser reichen.

Pittbull mit Lippenstift

Die Gouverneurin aus Alaska spielte die Rolle des Angreifers auf dem Parteitag allerdings nicht schlecht. Um aber tatsächlich als "Pitbull mit Lippenstift" aufzutreten, wie sie sich selbst bezeichnete, fehlt es ihr eben an jenem politischen Gewicht. Dennoch überraschte sie mit ihren aggressiven Attacken gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama viele Beobachter außerhalb des Parteitages. Dass John McCain einen fairen Wahlkampf versprochen hatte, ging in ihren persönlichen Angriffen gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten unter. Allerdings stammte die Rede nicht aus Palins eigener Feder, sondern wurde von einem engen Berater von Präsident George W. Bush geschrieben.

Respekt für den Anderen

McCain selbst stimmte in seiner Rede wesentlich versönlichere Töne an. Er sprach Obama Respekt und Anerkennung aus und erklärte, sie beide würde mehr vereinen als trennen. Diese Haltung steht McCain gut zu Gesicht. Die Republikaner im Saal allerdings zögerten mit ihrem Applaus – sie finden offensichtlich die aggressivere Wahlkampftaktik besser. Das ist bedauerlich. Die Delegierten waren auch sehr zurückhaltend mit Beifall, als McCain davon sprach, dass die Politik in Washington die Partei zum Negativen verändert habe. Doch damit ist er ein Problem frontal angegangen: Er muss sich von der alten Politik von George W. Bush distanzieren. Der ist so unbeliebt wie noch kein amtierender Präsident vor ihm. Schließlich waren es die Republikaner, die acht Jahre lang das Weiße Haus und zwölf von den letzten 14 Jahren den Kongress kontrolliert haben.

Wenn die Republikaner jetzt über das korrupte und aufgeblähte Washington schimpfen, dann müssen sie sich vor allem an die eigene Nase fassen. Die Delegierten in St. Paul scheinen dieser Wahrheit, anders als John McCain, nur ungern ins Gesicht blicken zu wollen.

Die Wählerinnen und Wähler im Land werden aber nicht bereit sein, dieser verqueren Logik zu folgen. Auch die Mär vom Land im Ausnahmezustand, das um jeden Preis gegen einen schrecklichen aber wenig greifbaren Gegner verteidigt werden muss, die auf dem Parteitag immer und immer wieder erzählt wurde, hat ihre Glaubwürdigkeit bei vielen Amerikanern verloren. John McCain hat in seiner eigenen Partei noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Ab jetzt Realität

Ab jetzt müssen sich John McCain und Sarah Palin der Realität stellen – den Fragen der Wählerinnen und Wählern, denen vor allem die schlechte Wirtschaftslage Sorgen bereitet. Dann wird sich sehr schnell zeigen, ob das Team McCain/Palin auch außerhalb der Käseglocke des Parteitags bestehen kann. Ihre Ausgangslage ist dabei allerdings, allen Wunschvorstellungen der Demokraten zum Trotz, nicht die schlechteste. In den Umfragen sind Barack Obama und John McCain zwei Monate vor der Wahl mehr oder weniger gleich auf.