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Asien

Maßlose Übertreibungen

Es ist verboten, manche Teile unserer Geschichte zu leugnen, aber nicht verboten, zu vergessen. Auch das ist Freiheit, findet Frank Sieren. Eine letzte Erwiderung auf die Thesen von Chang Ping.

Proteste in Jiangmen

Demonstration gegen ein Atom-Projekt in Jiangmen, Provinz Guangdong, im Juli 2013

Mit dem zweiten Text von Chang Ping ist das wie mit dem zweiten Aufschlag beim Tennis. Der erste wird hart geschlagen mit dem Ziel, ein Ass zu platzieren. Einen Schlag also, der so gut ist, dass der Gegner ihn nicht parieren kann. Gelingt das nicht, platzieren die klugen Spieler den zweiten Aufschlag auf Nummer sicher. Chang macht das erstaunlicherweise nicht - und spielt den Ball noch einmal ins Aus.

Klarer geht es kaum, und deshalb wiederhole ich das ungern noch einmal. Aber es ist offensichtlich nötig: "Ebenso wie man das Erinnern nicht verbieten kann, darf man auch das Vergessen nicht verbieten. Gegen das Vergessen argumentieren soll und darf man." Ich bin also dafür, dass man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, möchte aber niemanden dazu zwingen. Dass habe ich aus meiner Vergangenheit gelernt: Noch in den Achtziger Jahren wurde es in manchen deutschen Schulen mit der Vergangenheitsbewältigung übertrieben, bis die Lehrer feststellen mussten: Es hatte den gegenteiligen Effekt.

Erinnern kann heilen, aber auch bitter sein

Dass Chang "sehr überrascht" ist, wenn ein deutscher Autor sagt, viele wollten die Geschichte vergessen, zeugt davon, wie wenig er über die Deutschen weiß nach all den Gesprächen mit diesen für Deutschland sehr wichtigen Menschen, die er ausführlich erwähnt. Das sperrige Wort "Vergangenheitsbewältigung" ist überhaupt erst entstanden, weil zu viele Menschen, vor allem die Mitläufer, sich nicht mit ihrer beschäftigen wollten. Insofern ist Vergangenheitsbewältigung eben sowohl eine bittere Erfahrung, vor der sich Menschen scheuen, als auch eine heilende.

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Im Übrigen halte ich Changs Vergleiche des heutigen China mit der Sowjetunion und vor allem mit dem Nationalsozialismus für unanständig den damaligen Opfern gegenüber. Die chinesische Gesellschaft ist inzwischen so offen, dass ich nicht mehr von einer "totalitären" Gesellschaft sprechen würde, sondern von einer autoritären. Für den Stalinismus, Maos Kulturevolution oder Nordkorea auf der einen Seite und das heutige China auf anderen sollten wir unterschiedliche Begriffe verwenden. Und das bedeutet nicht, die Menschenrechtsverletzungen des heutigen China zu verniedlichen und schon gar nicht, wie mir als Behauptung unterstellt wird, "dass die Chinesen die Diktatur lieben".

Widerstand im heutigen China ist möglich und nützlich

Weil China sich in den vergangenen 35 Jahren auf dramatische Weise geöffnet hat, lassen sich sehr viele Beispiele dafür finden, dass in China nun auch Widerstand nützlich ist. "Dulden und Vergessen" ist in China schon lange nicht mehr der "einzige Ausweg" und deshalb ist die Unterstützung aus dem Exil nicht mehr so wichtig, auch, wenn mancher Exil-Chinese sich dies verständlicherweise für seine eigene Rolle anders wünschen mag.

Viele Veränderungen in China kommen inzwischen auf öffentlichen Druck im Land selbst zustande. In der chinesischen Presse können die Chinesen heute viel mehr kritische Berichterstattung lesen, als noch vor zehn Jahren. Auch wenn bestimmte Themen, wie zum Beispiel das Einparteiensystem oder das öffentliche Gedenken an den 4. Juni, leider noch tabu sind.

Auch wenn Chang es nicht wahrhaben will und dabei mal eben Freiheit und Recht verwechselt: Dass Menschen schlechte Zeiten vergessen wollen, war so, ist so und wird auch so bleiben - auch in China. Mich als "Mittäter" zu bezeichnen, weil ich dies konstatiere, obwohl ich - wie gesagt - gleichzeitig betone: "Gegen das Vergessen argumentieren soll und darf man", ist schon seltsam.

Übertreibungen sind kontraproduktiv

Für mich jedenfalls ist damit der Punkt erreicht, an dem ich meine Debatte mit Herrn Chang beenden möchte. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass er seine Meinung, wo auch immer, nicht weiter vertreten soll - auch wenn er den Bereich des Fair Play gezielt verlässt. Chang macht China schlimmer als es ist und wirft mit geschmacklosen Anschuldigungen um sich, weil er offensichtlich glaubt, damit mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich werde nicht verhindern, dass er sie bekommt. Aber verdient hat er sie unter diesen Umständen nicht. Indem er seine Meinungsfreiheit auf Kosten anderer überdehnt, schadet er am Ende einem wichtigen Anliegen, das mir sehr am Herzen liegt: mehr Meinungsfreiheit in China.

Wenn Chang Ping in einem größerem Rahmen wahrgenommen werden möchte, sollte er eines für seinen nächsten Aufschlag aus seiner Vergangenheit lernen: Nicht nur Lügen, sondern auch maßlose Übertreibungen haben kurze Beine.

Unser Korrespondent Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

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