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Deutschland

Müller: "Die Religion stellt nur einen Vorwand dar"

24 deutsche Minderjährige kämpfen laut Verfassungsschutz für den IS. Der jüngste soll 13 Jahre alt sein. Was diese Jugendlichen antreibt, erklärt Islamwissenschaftler Jochen Müller.

Deutsche Welle: Wie hoch ist das Gefahrenpotenzial, das von dieser Gruppe ausgeht?

Jochen Müller: Das ist schwer einzuschätzen. Es gibt natürlich ein Gefährdungspotenzial, das ist nicht zu unterschätzen. Man kann davon ausgehen, dass einige in Syrien und im Irak eine Kampfausbildung erhalten und möglicherweise auch mit Aufträgen für Terroranschläge nach Deutschland reisen. Dort müssen die Sicherheitsbehörden aktiv werden.

Trotz des Sicherheitsrisikos sehe ich diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen aber nicht nur als potenzielle Gefährdung und waffentragende Terroristen, sondern auch als junge Menschen in Not. Meine Sorge ist, dass vernachlässigt wird, dass es Menschen sind, die auf der Suche nach Antworten und Orientierung sind. Viele werden frustriert und desillusioniert zurückkommen. Ihre Probleme werden nach ihrer Rückkehr weiter existieren. Es muss berücksichtigt werden, aus welchen Motiven sie nach Syrien oder in den Irak gegangen sind und dann, wie sie wieder in die deutsche Gesellschaft integriert werden können.

Die Propaganda-Videos des IS im Internet sind abschreckend. Warum sind Jugendliche für solche Bilder empfänglich?

Die Motive der Jugendlichen sind sehr vielfältig. Bei denen, die sich so radikalisiert haben, dass sie gewaltbereit sind und auch selbst in den Krieg ziehen würden, sehen wir, dass dort sehr häufig schwierige Familienverhältnisse bestehen. Oft fehlen ihnen Vaterfiguren. Zudem haben sie soziale oder schulische Probleme, sind arbeitslos oder bekommen kaum Anerkennung. Sie suchen eine Gemeinschaft, nach einer Orientierung, nach klaren Antworten.

Ich spreche auch von der 9/11-Generation. Das sind Jugendliche, die hier in Deutschland in einer Zeit aufwachsen, in der der Islam zunehmend in Frage gestellt wird. Sie müssen sich mit ihm auseinandersetzen - und nach 9/11 verstärkt mit dem Bezug auf Gewalt und Terrorismus. Es ist ihre Identitätssuche als Jugendliche mit Migrationshintergrund. Aber unter den Kämpfern ist auch ein großer Teil an Konvertiten.

Wo finden sie denn ihre Antworten?

Den Familien, den Vereinen oder den Moscheen und auch mir fehlt es an Möglichkeiten, an die Jugendlichen heranzukommen. Die landen sehr häufig im Internet, suchen dort weiter und landen dort bei den Antworten der Salafisten, die das Internet mit ihren Angeboten überfluten. Die Salafisten geben ihnen einfache und klare Antworten. Die Gesellschaft muss Räume schaffen, in denen sich die Jugendlichen mit ihrer Religion selbstverständlich auseinandersetzen können - zum Beispiel in der Schule. Der Islam ist ein Teil von Deutschland und die Jugendlichen, ob sie jetzt religiös sind oder nicht, die gehören ganz selbstverständlich dazu.

Der Verfassungsschutz beobachtet schon seit einigen Jahren die salafistische Szene in Deutschland. Die Szene reicht von völlig gewaltfrei bis zu terroristischen Zügen - gibt es denn einen Zusammenhang zwischen Salafisten und den Dschihadisten im Irak und Syrien?

Jochen Müller am Rande einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung über die salafistische Szene in Deutschland in Bonn. (Foto: DW/U. Hummel)

Müller: "Wir werden keine Antwort in der Religion finden"

In dem Moment, in dem wir von Radikalisierung sprechen, denken wir immer an diese 6000 Salafisten, die radikal sind. Ich würde sagen, ein Großteil der Salafisten ist ideologisiert und stellt eine Gefährdung der Demokratie, des demokratischen Selbstverständnisses, dar. Es sind nur ein paar hundert, die so radikalisiert sind, dass sie auch gewaltbereit sind. Hier muss die Gesellschaft eingreifen - in der Schule, in der Jungendeinrichtung, in der politischen Bildung - um auf diese Gefahren hinzuweisen und Jugendliche zu sensibilisieren.

Der jüngste Dschihadist soll erst 13 Jahre alt sein. Wie schnell findet denn so eine Radikalisierung statt?

Das ist erschreckend. Ich vergleiche das auch mit Amokläufern, die ihre Frustration, ihre Aggression, die sie aufgestaut haben, loswerden wollen. Auch spielt Abenteuerlust eine Rolle. Aber das sind Einzelfälle. In den Schulen habe ich auch mit 13-Jährigen zu tun, die kurz vor einer Radikalisierung stehen und sagen, sie wollen ihr Taschengeld sparen und in den Dschihad ziehen. Deren Radikalisierung verläuft sehr unterschiedlich. Bei einigen dauert das sehr lange. Sie werden irgendwo angesprochen und schließen sich einer Gemeinschaft an, in der sie sich radikalisieren. Dort bestätigen sie sich fortan immer mehr und es kommt zu immer extremeren Positionen. Irgendwann entsteht der Wunsch etwas zu unternehmen und nicht nur zu reden. An der sehr schnellen Radikalisierung einiger weniger Jugendlicher erkennt man auch, dass die religiöse Überzeugung keine Rolle spielt. Es sind eher familiäre, soziale, individuelle Geschichten, die den Ausschlag geben. Die Religion stellt nur noch den Vorwand dar und die Möglichkeit im Namen von irgendetwas losschlagen zu können.

Die Überwachung von Twitter, Facebook und anderen sozialen Diensten im Netz durch den Verfassungsschutz hat vor einigen Monaten für einen großen Aufschrei gesorgt. Aber die Radikalisierung findet in sozialen Netzwerken statt. Kann die Überwachung helfen, gefährdete Jugendliche im Vorfeld abzugreifen?

Erreichen kann man die Jugendlichen nur, wenn es Leute im Umfeld gibt, die sensibel für die Veränderungen sind, die sie vollziehen. Da müssen wir sensibel für solche Entwicklungen sein und dann muss man vor Ort und ganz individuell mit dem Jugendlichen in Kontakt treten und gucken, wer kann denn was tun - das kann die Schwester sein, das kann der Fußballtrainer oder der Imam sein.

Jochen Müller ist Islamwissenschaftler. Als Journalist verbrachte er viel Zeit in Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Er ist Mitbegründer des Vereins

ufuq.de

- Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft. Dort beschäftigt er sich mit dem Islam in Deutschland, muslimischer Jugendkultur sowie Fragen der politischen Bildung.

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