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Kultur

Müll im Garten Eden

In seinem neuen Film begibt sich der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin in das Dorf seiner Großeltern - und sieht statt Schwarzmeeridylle nur noch Müll. Dokumentation eines Umweltskandals.

Eine Szene des Kinofilms Müll im Garten Eden. Auf dem Bild das Dorf Çamburnu (Foto: dpa)

Malerisch und verseucht zugleich: das Dorf Çamburnu an der Schwarzmeerküste der Türkei

Im malerischen Ort Çamburnu, gelegen an der türkischen Schwarzmeerküste, wurde Fatih Akin vor fünf Jahren Zeuge einer Umweltkatastrophe. Dort, wo einst grüne Teeplantagen wuchsen, ragte nun eine gigantische Müllhalde in die Landschaft. Und die stank nicht nur bestialisch, sie drohte auch den gesamten Boden der Region zu verseuchen. Denn die lokalen Behörden hatten nicht annähernd Sicherheitsstandards eingehalten, wie sie beispielsweise in der EU üblich wären. Lediglich eine Plastikplane hatten sie auf den Boden gelegt, auf die schon kurz danach jegliche Art von Abfall geschüttet wurde. Den Bewohnern blieb nur die Flucht aus ihrer Heimat oder der Kampf gegen die Politik.

Eine Szene des Kinofilms Müll im Garten Eden. Auf dem Bild Regisseur Fatih Akin vor der Mülldeponie (Foto: dpa)

Der Gestank lag über dem ganzen Dorf: Regisseur Fatih Akin vor der Mülldeponie

In seinem Dokumentarfilm lässt der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin in erster Linie die Dorfbewohner und ihren engagierten Bürgermeister zu Wort kommen. Es sind vor allem Frauen, die versuchen, sich bei den Lokalpolitikern zu beschweren. Doch all ihre Argumente, dass das Grundwasser verseucht und die Felder unfruchtbar werden, helfen nicht. Die Müllhalde wird gebaut. Als erstes entsteht eine riesige Grube. Ein dünner Plastikbelag soll den Boden schützen. In einer Szene läuft der Bürgermeister über diese Hilfskonstruktion und erklärt plastisch, dass allein die schweren Lastwagen den notdürftigen Schutzbelag schnell zerstören werden. Später im Film zeigt Akin schließlich, wie sich die Grube mit Müll füllt, die Abflussrohre platzen und nach starken Regenfällen eine stinkende Jauche entsteht. Sie verpestet nicht nur die Luft. Viele wilde Tiere, vor allem Krähen, wühlen in dem Müll und tragen ihn in die Felder.

Fünf Jahre Dreharbeiten

Und doch hat Fatih Akin nun, da der Film in den deutschen Kinos anläuft, kein Gefühl von Machtlosigkeit. "Ich kann den Film überall auf der Welt zeigen. Bewusstsein verändern", sagt er. Er setzt auf den "Film als Erinnerung, als Gedächtnis".  Auf einen belehrenden Off-Kommentar wie ihn der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore liebt, hat er bewusst verzichtet.

***Das Pressebild darf nur in Zusammenhang mit einer Berichterstattung über das Filmfestival Cannes 2012 verwendet werden*** MÜLL IM GARTEN EDEN by Fatih AKIN

Das Dorf wehrt sich gegen die Zerstörung ihrer Heimat wehren und an vorderster Front stehen die Frauen.

Über fünf Jahre lang hat Fatih Akin an diesem Film gearbeitet. Die Recherche begann, als der deutsch-türkische Regisseur gerade seinen Spielfilm "Auf der anderen Seite" drehte. Kultstatus besaß er zu diesem Zeitpunkt - zumindest in Deutschland - längst. Mit seinem vorigen Film "Gegen die Wand" hatte er das Leben türkischstämmiger Deutscher so unverblümt, gegen jedes Klischee und auch brutal gezeigt, wie dies noch kein Regisseur vor ihm gewagt hatte. Nun arbeitete er bereits an seinem fünften Film und beschloss spontan, den Protest der Einwohner von Çamburnu zu dokumentieren. Vielleicht auch, weil es nicht irgendein Dorf war, sondern die Heimat seiner türkischen Großeltern.

Fatih Akin war während des langen Zeitraums, in dem die Dokumentation entstanden, meist nicht selbst vor Ort. Der türkische Kameramann Bünyamin Seyrekbsan drehte einen Großteil der Interviews und Einstellungen. Von Fatih Akin bekam der gelernte Fotograf lediglich einen Crashkurs in Kameraführung und Bildeinstellungen. Anfangs wurde noch viel telefoniert und kommuniziert, aber irgendwann wusste Bünyamin, worauf es Fatih Akin ankam. 

Türkische Frauenpower

Der Film feiert  vor allem die Frauen von Çamburnu. In einer Szene sieht man, wie sie nach einem Wahlauftritt den smarten Lokalpolitiker nicht in seinen schicken Dienstwagen lassen. Sie versuchen, den Mann zur Rede stellen. Vor den Kameras flüchtet sich der Politiker gönnerhaft in leere Versprechungen. Halten wird er sie nicht. Auch wenn dieser Protest der Frauen eher spontan als organisiert ist, wirken sie engagierter, viel mehr mit der Natur verbunden, als die Männer. Die wiederum, so sagt eine der Frauen im Film, seien "einfach zu faul“. Für Fatih Akin ist das symptomatisch, schließlich sei auch unser Planet weiblich konnotiert, das zeige sich auch in dem Begriff "Mutter Erde".

Gelegentlich aber spürt man, dass der Filmemacher nicht immer selber vor Ort war, und so fehlt es diesem durchaus sehenswerten Werk manchmal an Kraft. Nach der Uraufführung beim Filmfestival in Cannes im Mai dieses Jahres gab es vor allem in deutschen Medien viel Kritik. Man warf Fatih Akin "alte Kamellen" vor. Sein Film bringe kaum neue Erkenntnisse, es mangele an verlässlichen Zahlen, harten Fakten und mehr Informationen über den tatsächlichen Stand der Umweltverschmutzung in Çamburnu.

Der Müll und die Gesellschaft

In türkischen Medien dagegen überwog das Lob über die Premiere von Cannes. Für Fatih Akin ist klar, woran diese unterschiedlichen Meinungen liegen: "Je geringer das Umweltbewusstsein in einem Land vorhanden ist, umso positiver war die Reaktion.“  In türkischen Kinos ist der Film allerdings noch nicht angelaufen. Vielleicht folgen dann erst die gesellschaftliche Diskussion über den Film und über Umweltkatastrophen in der Türkei. Während der Dreharbeiten hatten die Betreiber der Müllhalde eine Mauer errichtet und versucht, das Verlassen von LKWs mit ihrer giftigen Fracht vor den Blicken der Kamera zu verstecken. Wie in einem Verschwörungsthriller beschaffte sich die Filmcrew daraufhin, über "Spione" wie der Regisseur lachend erklärt, heimlich Informationen, bis sie schließlich filmen konnten, wie der Müll von den Lastern ins Meer gekippt wurde.

Fatih Akin hat den Bau und die Inbetriebnahme der Mülldeponie nicht verhindern können. Und doch ist er nicht frustriert, findet gar, das Dorf habe mit Würde verloren. Sein Fazit aber gibt zu denken, über Çamburnu und die Türkei hinaus: "Müll ist der globale Kot der Gesellschaft".

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