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Kultur

Müll auf dem Designersofa

In den Slums von Afrika und Indien ist Müll schon seit langem ein begehrtes Gut. Inzwischen stehen alte Fischdosen, Flaschenkronen und Plastiktüten in schicken Wohnungen und Museen.

Gießkanne, die aus alten Dosen in Senegal und Indien produziert wurde (Foto: o.k.-Versand)

Aus der Not heraus kreativ: Gießkannen aus alten Dosen

Martina Zenker wühlt gerne in "ihrem" Müll. Da scheppern Blechdosen, rascheln Plastiktüten und klimpern die Flaschenkronen. Was sich in dem Lager ihres Düsseldorfer Vertriebs "Mamaafrika" in den Regalen stapelt, gammelte vor ein paar Wochen noch am Straßenrand der Townships um Kapstadt und Johannesburg, auf Müllhalden im senegalesischen Dakar oder in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Was Martina Zenker dann in die Hände nimmt, ist aber weder dreckig noch stinkt es: Aus dem Müll sind Kunstwerke geworden. Dosenengel aus Kakerlakenspray, bunte Hühner und Schweine aus Plastiktüten, Armbänder aus Telefonkabel. Und die Sachen verkaufen sich gut.

37.000 Tonnen Müll pro Jahr

Martina Zenker, Inhaberin von Mamaafrika (Foto:DW)

Martina Zenker ist es wichtig mit den Produzenten in Afrika fairen Handel zu treiben

Die Recyclingkunst der Dritten Welt passt in das ökologische Umdenken der Industrienationen. Inspiriert von dem, was eigentlich aus der Not heraus entstand, nämlich Dinge, die andere weggeworfen haben, wiederzuverwerten, wird eine neue Form der Kunst, ein neues Design. "Für uns ist es eigentlich unfassbar, was man aus dem, was wir täglich wegschmeißen alles produzieren kann", sagt Martina Zenker. Sie kennt die immer wieder gleichen Reaktionen ihrer Kunden. Über eine halbe Tonne Müll produziert jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Insgesamt macht das mehr als 37 Millionen Tonnen Müll, die in Deutschland innerhalb eines Jahres von der Müllabfuhr abtransportiert werden. Dann ist der Müll weg. Verschwunden in Verbrennungsanlagen.

Spielzeug aus Schrott

Vor neun Jahren gründete Martina Zenker den zunächst kleinen Onlinevertrieb afrikanischer Produkte, vor allem auch, um einen fairen Handel mit kleinen afrikanischen Workshops und Familienunternehmen zu garantieren. Ein Traum, den sie hatte, seit sie 1994 zwei Jahre mit ihrem Mann durch Afrika reiste und von dem Kunsthandwerk dort begeistert war. Schon damals sah sie Recyclingprodukte. Vor allem Kinder hätten sich Spielzeug aus Schrott gebastelt, erinnert sie sich. Kleine Blechautos, ähnlich wie jene, die sie jetzt bei sich verkauft. Und wie sie mittlerweile auch in anderen Geschäften stehen.

Ein Arbeiterin bindet Stoffpuppen an einen Stuhl für das Studio Campana. (Foto: Estudio Campana)

Die Stoffpuppen, die eine Arbeiterin im Auftrag des Estudio Campana an einen Stuhl bindet, sind aus Stoffresten gefertigt und typisch brasilianisch

Beim Kölner "o.k.-Versand" finden sich Gießkannen aus ehemaligen Tomatendosen, Vasen aus Pappmaché und Taschen aus Tetrapaks. Auch der Inhaber Lukas Plum fing mit einem Online-Vertrieb an. Inzwischen besitzt er einen Laden in Köln und einen in Berlin. Im Gegensatz zu "Mamaafrika" stehen hier neben Recycling-Objekten aus Afrika aber auch solche aus Lateinamerika, Asien und Osteuropa. Lukas Plum mag alles, was im Alltag brauchbar ist. Und so gefällt ihm an Recycling Produkten vor allem wie einfach die Idee ist. Wenn man eine Gießkanne brauche und kein Geld dafür habe, dann nehme man eben eine alte Dose, schraube oder löte einen Zylinder aus Schrott daran und schon sei die Gießkanne fertig. "Die Form", sagt er, "entsteht nicht aus einem Hirngespinst, sondern aus dem, was als Form schon da ist und was man daraus machen kann." Die Bezeichnung "Design" findet Plum für die Recycling-Produkte daher auch nicht passend, selbst wenn der Begriff sich so etabliert hat.

Müll im MOMA

Seit mittlerweile vier Jahren wird im nordrhein-westfälischen Herford ein internationaler Recycling Design-Preis vergeben. Die Jury besteht aus renommierten Designern, eingereicht werden dürfen sämtliche Produkte, die aus Altpapier, Sperrmüll oder allem bestehen, was Abfalltonnen so hergeben. Auch das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich dieser neuen Stilrichtung. Die aktuelle Ausstellung "Antikörper" zeigt die Arbeiten der zwei wohl bekanntesten Recycling-Designer: die brasilianischen Brüder Fernando und Humberto Campana. Ihre Möbelentwürfe stehen im Museum of Modern Art New York, der italienische Hersteller Edra nahm Einzelstücke der Brüder in seine Kollektion auf. Sie produzieren nicht nur aus Abfallmaterialien, sie spielen auch mit der Herkunft ihrer Produkte aus dem Elend. "Favela" heißt einer ihrer Stühle - benannt nach den Elendsvierteln brasilianischer Städte.

Lukas Plum in seinem Kölner o.k.-Versand Laden (Foto:DW)

Vor über 10 Jahren gründete Lukas Plum den o.k.-Versand

Lukas Plum ist sich sicher, dass die Faszination bei Recycling-Produkten aus fernen Ländern größer ist. Das merke er auch den kleinen Gegenständen, die er verkauft. Die Faszination einer Tasche aus alten Getränkekartons, meint er, mache doch gerade die Aufschrift in einer anderen Sprache oder Schrift aus. "Eine deutsche Milchtüte ist eben nicht so reizvoll wie beispielsweise der Coca-Cola Schriftzug auf Kyrillisch oder Arabisch." Da sehe man sofort: Das komme von weit her und aus einem anderen Kontext, sagt Plum.

Aus neu mach alt

Recyclingprodukte haben ein Leben, gerade weil sie schon einmal anders benutzt wurden. Mittlerweile aber sind einige Produkte so gefragt, dass sie bereits nachproduziert werden. So weiß Martina Zenker, dass die Frauen in ihren Workshops, die Plastikschweinchen noch aus gebrauchten und gewaschenen Plastiktüten herstellen. Bei den Tierchen im "o.k.-Versand" glaubt Lukas Plum hingegen, handele es sich mittlerweile um neue Tüten. Eigens produziert fürs Recycling-Design. Frisch und ungebraucht.

Autorin: Sarah Judith Hofmann

Redaktion: Conny Paul