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Deutschland

Müde im Cockpit

Wenn Piloten bei der Arbeit einschlafen, kann es für Besatzung und Fluggäste gefährlich werden. Doch Müdigkeit im Cockpit ist gar nicht selten.

"Da geht ein Pilot auf die Flugzeugtoilette…" Was anfängt wie ein mehr oder weniger lustiger Pilotenwitz ist eine sehr ernste Angelegenheit - und sie ist wirklich passiert, sagt Philip von Schöppenthau, Generalsekretär der European Cockpit Association (ECA). Der Chef des Europäischen Pilotenverbandes erzählt im Gespräch mit der DW, dass einer von zwei Piloten aus dem skandinavischen Raum während eines Fluges auf die Toilette ging. Als er zurück war, kam er nicht mehr ins Cockpit - weil sein Kollege am Steuer eingeschlafen war.

Offenbar kein Einzelfall. Gut die Hälfte der Piloten, die im Cockpit schlafen, haben dies zuvor nicht mit ihrem Kollegen abgesprochen - dies hätten Umfragen in skandinavischen Ländern gezeigt, sagt Philip von Schöppenthau.

Zu müde zum Landen

Normalerweise bekommt die Öffentlichkeit nichts von derartigen Vorfällen mit. Ein paar Fälle aber sind bekannt geworden - auch einer aus Deutschland. "Pan-Pan" funkten am 5. Mai 2012 die Piloten des Air-Berlin-Fluges AB 9721 von Palma de Mallorca an den Münchener Tower. "Pan-Pan" ist eine Art Notruf, der aus dem Cockpit abgesetzt wird bei einer nicht akuten Gefahr für das Flugzeug und seine Passagiere. Bei einer unmittelbaren Gefahr hätten die Piloten "Mayday" gefunkt.

Startendes Flugzeug bei Nacht Foto: Michael Probst (AP)

Schlafen im Cockpit: Ein Nickerchen ist Piloten erlaubt, aber nur wenn ihr Kollege Wache hält

Anlass für den Notruf der Air-Berlin-Piloten: Sie fühlen sich zu müde, um sicher zu landen und baten darum, den Autopiloten die Landung übernehmen zu lassen. Auf Fälle wie diesen angesprochen, reagieren die Fluggesellschaften meist sehr zurückhaltend. Air Berlin wollte der Deutschen Welle zu diesem Thema kein Interview geben und antwortete schriftlich: "Air Berlin arbeitet eng mit den Behörden zusammen, auch dieser Fall ist von Air Berlin an das LBA [Luftfahrt-Bundesamt, Anm. d. Red.] gemeldet worden."

Weiter erklärt Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft: "Die täglich höchstzulässigen planbaren Flugdienstzeiten der Piloten von Air Berlin richten sich nach den Manteltarifverträgen bei Air Berlin. In diesen sind die gesetzlichen Vorgaben […] deutlich übererfüllt." Und tatsächlich: Nach Recherchen des NDR sollen die müden Münchener Piloten erst zehn Stunden im Dienst gewesen sein - und damit weit kürzer als gesetzlich erlaubt.

"Nickerchen-Richtlinie"

Den Rahmen der offiziellen Dienst- und Ruhezeiten gibt die Europäische Agentur für Flugsicherheit EASA vor. "Es gibt seit einigen Jahren ein europäisches Regelwerk, das vorschreibt, dass Piloten beispielsweise nicht länger als 13 Stunden fliegen dürfen", sagt Philip von Schöppenthau vom Europäischen Pilotenverband. "Die Dauer darf jedoch auf 14 oder sogar 15 Stundenerhöht werden." Dieses europäische Regelwerk wird derzeit von der EASA überarbeitet. Die aktualisierte Fassung soll noch in diesem Sommer fertig werden. Von Schöppenthau fürchtet allerdings, dass die Bedingungen für die Piloten nicht besser werden. Grund dafür sei die Wirtschaftskrise, die Fluggesellschaften dazu zwinge, immer effizienter zu arbeiten.

Piloten mit Schlafmasken demonstrieren vor der EASA-Zentrale in Köln (Foto: dapd)

Piloten demonstrieren im Mai 2012 vor der EASA-Zentrale in Köln für längere Ruhezeiten

Aber egal wie das neue Regelwerk ausfallen wird - jedes Land und jede Fluggesellschaft hat die Möglichkeit, sich selbst strengere Richtlinien aufzuerlegen. Auch kann jede Fluggesellschaft eigene Kontrollmechanismen einführen, um Probleme durch Übermüdung zu bekämpfen.

"Ich kann mich an einen Rückflug von China nach Deutschland erinnern, auf dem wir für etwa zehn Minuten weggetreten waren - und zwar gemeinsam." Ein Satz wie dieser lässt aufhorchen. Der erfahrene Flugkapitän Thomas Büld, der für verschiedene Fluggesellschaften tätig war, sagte ihn in einem Interview mit dem NDR-Fernsehen im April 2012. Damit so etwas bei der Lufthansa nicht passiert, hat die größte deutsche Fluggesellschaft, wie auch einige andere Fluglinien, eine sogenannte "Napping Policy" eingerichtet, wie Michael Lamberty, Pressesprecher der Lufthansa, im Gespräch mit der DW erläutert.

"To nap" ist englisch und bedeutet soviel wie "ein Nickerchen halten". Die "Napping Policy" ist also eine Art "Nickerchen-Richtlinie", die im Prinzip nichts anderes besagt als dass der eine Pilot dem anderen Bescheid sagt, wenn er müde ist. Dann kann er zehn bis zwanzig Minuten am Platz die Augen zu machen, während der andere umso wachsamer ist.

Nicht nur das Schlafen ist ein Problem

Ein Flugzeug beim nächtlichen Landeanflug Foto: Chris O'Meara (AP)

Schichtarbeiter: Piloten haben ungewöhnliche Dienstzeiten

Das Problem sei aber nicht nur das Einschlafen während eines Fluges, sondern die Müdigkeit generell, sagt Philip von Schöppenthau. Denn bei Übermüdung reagierten die Piloten oft nicht so, wie sie es eigentlich in kritischen Situationen müssten. Übermüdung alleine würde selten zu einem großen Problem führen. "Was in der Regel passiert, ist, dass ein technisches Problem entsteht oder Wetterbedingungen eine Rolle spielen, und dass dann die Piloten, weil sie eben nicht absolut fit und wach sind, nicht die richtigen Handlungen ausführen."

Davon erfahre die Öffentlichkeit selten etwas, sagt Schöppenthau. Aber auch die betroffene Fluggesellschaft erfahre von Problemen durch Übermüdung oft nichts, denn "auch die Piloten senden selten Berichte an ihre Firma, wenn es zu solchen Zwischenfällen kommt, weil sie oft Angst vor negativen Auswirkungen auf ihre weitere Karriere haben."

Eine strengere Richtlinie für Dienst- und Ruhezeiten wird alleine das Problem wohl nicht lösen können. Offene Kommunikation zwischen Piloten und Airlines könnten hier einen entscheidenden Fortschritt bringen.