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Kultur

Mörike für Motorola

„Komme später, bis gleich, HDL“ – eine typische SMS: nett, aber normal. Dabei kann man Verspätungen und Liebesgrüße auch poetisch verpacken, selbst in arg knappen 160 Zeichen.

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Poetische Quickies: Auch mobil kann man sich einen Reim machen

Ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Keine schnöden Abkürzungsorgien und grammatikalischen Verstümmelungen ins Handy tippen, sondern nur noch lyrische Botschaften. Wem das Dichten eher schwerfällt, der kann sein Weihnachtsgeld für ein kleines Buch ausgeben: "SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie" heißt es. Darin hat der Lyrikexperte Anton G. Leitner 160 Gedichte zusammengetragen, die allesamt mobilfunktauglich sind – also nicht mehr als 160 Zeichen lang. Andere passen immerhin in eine "Power-SMS" mit 300 Zeichen. Manche sind hoch erotisch, andere einfach witzig.

Leitner musste allerdings lange suchen und hunderte Gedichtbände durchblättern. "Die Zählerei war schon aufwändig", sagt er, "manchmal waren die Gedichte genau ein Zeichen zu lang." Nun gibt es nicht nur Eichendorff für Alcatel und Mörike für Motorola. Leitner hat auch Gegenwartsautoren gebeten, extra fürs Buch etwas zu schreiben.

Auch Goethe war witzig

Keine verstaubte Vorzeitlyrik also, und das kam bei ersten Tests an einem Münchner Gymnasium gut an. "Die Schüler waren hellauf begeistert", berichtet Leitner, Herausgeber der Zeitschrift "Das Gedicht". "Jetzt lernen sie vielleicht zum ersten Mal, dass Goethe und Mörike auch witzig sein konnten." Der Germanistik-Professor Peter Schlobinski von der Uni Hannover, der die Sprache in SMS erforscht, kann sich sogar vorstellen, dass sich das drahtlose Dichten zum Sport entwickelt: "Vielleicht entsteht so eine Art Gebrauchslyrik, poetische Quickies für den Augenblick."

Kostproben aus dem Buch

160 Zeichen – das reicht tatsächlich für ein Ultrakurzgedicht. Hier einige Beispiele, sie stammen aus "SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie" von Anton G. Leitner (Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 3-423-62124-9, 6 Euro).

du oder keine
keine ist wie du
du die eine
du die ich meine
du die meine
du oder keine
(Peter Behncke, "Keine ist wie du")

O wär ich Sturm, wär ich Orkan!
Wie schlüg ich an dein Haus hinan!
Die Mauern müßten schüttern,
Dein Herz im Busen zittern,
So fühltest du meine Liebe!
(Ludwig Uhland, "Liebeserklärung")

Einst sagte zu ‚nem Kakadu,
ein Marabu: "Du Kaka, du!"
Entsetzt sprach da der Kakadu:
"Ich sah Sie nie!
Für Sie noch immer Kakasie!"
(Peter Sendko)

So laß uns Abschied nehmen wie zwei Sterne
durch jenes Übermaß von Nacht getrennt,
das eine Nähe ist, die sich an Ferne
erprobt und an dem Fernsten sich erkennt.
(Rainer Maria Rilke, "Vom Abschiednehmen")

Denke so oft an dich schreibend schreibend einmal pro stunde ein leises stolpern der finger
(Tanja Dückers)

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