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Spurensuche

Märtyrer gleich Fanatiker?

Gefoltert, um Christus zu entsagen: Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen über Scorceses Film „Silence“ und die japanischen Märtyrer, die sich trotz Höllenqualen nicht von Jesus Christus abbringen ließen.

Wolfgang Kilian Die Qualen der Märtyrer von Nagasaki

Die Qualen der Märtyrer von Nagasaki von 1597 dargestellt in einem Kupferstich des Augsburger Künstler Wolfgang Kilian (1581-1663).   

Kürzlich lief der Film „Silence“ in deutschen Kinos. Der berühmte US-amerikanische Regisseur Martin Scorcese zeigt darin das Drama der japanischen Märtyrer vor fast 400 Jahren. Er zeigt vor allem die entsetzlichen Foltern, die sie zum Abfall von Christus zwingen sollten. Sie wurden mit kochendem Wasser übergossen, wurden an der Küste an Kreuze gehängt, wo Wellen tagelang an ihnen hochschlugen, bis sie starben, ihre Körper wurden eingeschnürt an den Beinen aufgehängt. Sie konnten durch ein Handzeichen deutlich machen, dass sie vom Glauben an Jesus Christus abfallen wollten. Manche litten eine Woche lang, bevor sie starben. Sie haben ihren Glauben nicht verleugnet. Scorcese vertritt auch die These, ein portugiesischer Missionar habe den Glauben verleugnet, um den Opfern die Folter zu ersparen. Er musste dafür das Bild Christi mit Füßen treten. Also Glaubensverleugnung, um anderen zu helfen. Eine verzweifelte Alternative.

Waren diese japanischen Märtyrer Fanatiker? Heute würde man fragen: Waren sie Fundamentalisten, weil sie sich nicht kritisch in Frage stellen ließen? Oder haben sie einfach ihre angestammte Religion verlassen, weil sie Fremden aus dem Westen in die Falle gingen? Oder haben die Missionare ihnen mit der Hölle gedroht, wenn sie den Glauben an Christus nicht annehmen würden? Haben sie schlicht die Folter auf sich genommen, um in den Himmel zu kommen?

Fraglos gegenüber dem Kreuz

Ich denke, sie haben das Bild des gekreuzigten Christus und seine Liebesbotschaft in seiner ganzen Tiefe verstanden. Diese Botschaft war ihnen ganz neu und überraschend. Ich vermute, dass wir im Unterschied dazu hier im „Westen“ das Zeichen des Kreuzes, die Bedeutung des Kreuzestodes Christi oft gar nicht mehr wahrnehmen. Wir haben uns an das Bild des leidenden Mannes am Kreuz gewöhnt. Es ist für uns nicht mehr schockierend. Es bringt uns nicht dazu, Fragen zu stellen.

Jesus hatte vor seinem Leiden seinen Freunden gesagt, dass er für sie leiden werde, dass er so ihre Schuld auf sich nehmen werde, dass er die Sünden tilgen werde. Wer sich aber in Ruhe und Geduld mit diesem Jesus, seinem Leben und Leiden auseinandersetzt, wird überrascht, berührt. Nötig sind dazu Zeit, Ausdauer, Hinschauen, Hinhören. Man wird von dem Mann am Kreuz nicht bewegt, wenn man ihm nur im Vorübergehen einen Blick schenkt.

Zudem ist es nötig, dass der Mensch sich seines eigenen Lebensdramas bewusst wird. Wir wissen ja: wenn wir uns ein wenig Zeit und Ruhe nehmen, wird uns deutlich: „Ich tue oft nicht das, was ich für richtig halte. Ich nehme mir ein Denken und Tun vor, das ich nicht einhalte. In mir stimmt etwas nicht. Ich habe einen Knacks. Ich würde gerne wirklich lieben, aber es gelingt mir nicht.“

Einen Schatz entdeckt

Wer sich so selbst erkennt und den Mann am Kreuz anschaut, kann von ihm und seiner Konsequenz ergriffen werden. All das gelingt nicht, wenn man es auf ein paar Minuten oder Sekunden oder auf Weihnachten verschiebt. Die japanischen Märtyrer haben diesen Jesus kennengelernt und im Blick auf ihn und seine Liebe die Treue zu ihm gehalten. Sie waren keine Fanatiker und keine Fundamentalisten. Sie waren Menschen, die einen Schatz entdeckt hatten.

Wir Getauften in Europa denken oft nur an „die Kirche“. Sie steht Jesus Christus und seiner Botschaft leider oft im Weg. Wir beachten oft nur die heutigen Kirchenvertreter, die ebenso wenig Heilige sind wie es die Apostel waren. Sie haben Jesus verlassen, als es gefährlich für sie wurde. Die japanischen Märtyrer haben diesen Schatz des Gekreuzigten neu kennengelernt. Sie erfuhren von ihm durch Menschen, die um Jesu Willen die gefährliche Überfahrt von Europa um Afrika herum nach Asien auf sich genommen hatten. Glaube kam durch Schauen auf Zeugen und Hören auf ihre Botschaft. Vielleicht wäre manchmal Schweigen, Schauen und Hören angesagt, damit wir zu den Überzeugungen kommen, die unser Leben tragen. Die frohe Botschaft kommt aus Japan auch durchs Kino zurück.

Wenn Sie wollen, erfahren Sie am 29.Juli von anderen christlichen Zeugen.

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.