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Europa

Mächtige Oligarchen, arme Mittelschicht

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Südosteuropa besonders tief. Dazwischen versucht eine neue Mittelschicht sich zu etablieren. Doch sie ist oft selbst vom sozialen Abstieg bedroht - wie etwa in Rumänien.

Eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Palast des Volkes in Bukarest (Foto: Keno Verseck)

Sehnsucht nach Europa

Zu arm, um reich zu sein - zu reich, um arm zu sein: Das trifft auf die Mittelschicht in Rumänien zu. Im ersten Jahrzehnt nach der politischen Wende von 1989 hat diese Schicht - in westlichen Staaten eine tragende Säule der Gesellschaft - fast gänzlich gefehlt. Wie mehrere Studien belegen, konnten 2008 nur rund 20 Prozent der rumänischen Bevölkerung dieser Schicht zugerechnet werden. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat allerdings die Gehälter weiter schrumpfen lassen und zeitweilig zu einer Halbierung der Mittelschicht geführt. Zum Vergleich: Fast zwei Drittel der Menschen in Deutschland bekommen zwischen 70 und 150 Prozent des Durchschnittseinkommens und gehören somit zur Mittelschicht.

Ähnlich wie in Rumänien ist auch die Situation in anderen südosteuropäischen Ländern. Am Einkommen gemessen gehören in Serbien und Kroatien etwa zehn Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht, während man in Bulgarien sogar von einer "unsichtbaren" Schicht spricht: Denn aktuellen Untersuchungen zufolge gehören ihr momentan nur vier bis acht Prozent der arbeitenden Bevölkerung an. Bei einer Bevölkerung von 7,5 Millionen sind das insgesamt nur etwa 100.000 bis 200.000 Menschen: überwiegend gut bezahlte Mitarbeiter ausländischer Unternehmen, Banken und Versicherungen, die allerdings auch vom sozialen Abstieg bedroht sind, sobald sich ihr Arbeitgeber aus Bulgarien zurückzieht.

Mittelschicht als Motor der Demokratisierung

Porträt des Balkan-Experten Wolfgang Höpken

Balkan-Experte Wolfgang Höpken

Die Mittelschicht wird aber nicht nur durch wirtschaftliche Kriterien definiert. "Mit dem Begriff der Mittelschicht verbindet sich auch das Verständnis einer sozialen Gruppe, die eine Trägerschicht demokratischer Ordnung sowie politischer und ökonomischer Konkurrenzgesellschaft ist", sagt Wolfgang Höpken von der Südosteuropa-Gesellschaft. Trotz einiger Ausnahmen gehöre die Erkenntnis, dass eine ausgeprägte Mittelschicht grundsätzlich daran interessiert ist, stabile demokratische und wirtschaftliche Verhältnisse herzustellen und zu erhalten, zu den Lehrsätzen der historisch-soziologischen Theorie, betont der Balkanexperte.

Doch in Südosteuropa war die Mittelschicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg und der Etablierung sozialistischer Regimes nur rudimentär vorhanden. Die kommunistische Ideologie des Klassenkampfes trug dann entscheidend dazu bei, dass auch dieses nur schwach vorhandene Bürgertum fast gänzlich verschwand. "In der kommunistischen Zeit wurde die Mittelschicht hauptsächlich durch die sogenannte Intelligenzija geprägt, durch akademische Professionen oder durch die Angehörigen der Bürokratie", sagt Höpken, "aber das ist etwas ganz anderes als das, was wir in Mitteleuropa als Mittelschicht bezeichnen."

Dazu gehöre unbedingt auch das bürgerliche Engagement in der Gesellschaft, etwa in der Form der Bürgerinitiativen, sagt Gabriella Schubert, Professorin für Slawistik an der Universität Jena. Und da seien die Balkanländer noch sehr unterentwickelt: "Man muss in ganz Südosteuropa eine mangelnde Zivilgesellschaft feststellen", so Schubert.

Fehler der Vergangenheit

Die Wende am Anfang der neunziger Jahre veränderte zwar die wirtschaftliche und soziale Ordnung vormals sozialistischer Länder, das führte aber nicht unbedingt zum Erstarken der Mittelschicht. In Bulgarien etwa gibt der erste nichtkommunistische Staatspräsident Petar Stojanow heute zu, dass man nach 1989 die Privatisierung des ehemals staatlichen Eigentums falsch konzipiert habe.

Das Geld sei in den alten Machtkreisen gelandet, die ihren Einfluss auch nach der Wende behalten hätten, bekannte er neulich in einem Interview für die bulgarische Tageszeitung "24 Stunden". Frühere Parteifunktionäre, sowie Mitarbeiter der Geheimdienste hätten damals die Gunst der Stunde genutzt, um sich zu bereichern und wurden über Nacht zu "Kapitalisten": So seien oligarchische Strukturen in Wirtschaft und Politik gebildet worden, die den freien Wettbewerb auf vielen Gebieten der Gesellschaft bis heute verhinderten, sagt Stojanow.

Neureiche geben den Ton an

Porträt der Slawistin Gabriella Schubert von der Universität Jena (Foto: Gabriella Schubert)

Slawistin Gabriella Schubert

Diese rein ökonomisch betrachtete "neue Mittelschicht" ist aber nicht durch Bildung oder unternehmerische Leistung an ihr Vermögen gekommen, sondern hat "ihr Geld in der Grauzone der Legalität gemacht" und ist daher "nicht als eine demokratisch ausgerichtete Mittelschicht zu werten", betont Wolfgang Höpken. Sie sei an einem gut funktionierenden Rechtsstaat gar nicht interessiert, "sondern eher an Klientel-Beziehungen und politischen Strukturen, die es ihr ermöglicht, weiter so zu agieren, wie sie es gewohnt ist." Daher ist sie mit der klassischen Mittelschicht westeuropäischer Prägung nur bedingt vergleichbar.

Das spiegelt sich auch in einer für den Balkan typischen "Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem" wider, sagt Gabriella Schubert. "Einerseits tendieren die Stadtbewohner zur neuesten Technik, zu neuesten Moden und Errungenschaften, die sie aus dem Westen kennen. Andererseits bevorzugen sie noch die traditionellen patriarchalischen Symbole und Werte." Sexistische Weiblichkeitsbilder prägten die Popkultur, in fast allen Ländern Südosteuropas sei machistische "Turbo-Folk"-Musik weit verbreitet.

Abwanderung als Gefahr – und als Chance

Auch der anhaltende Brain-Drain in den Westen stellt eine Gefahr für die Mittelschicht in Südosteuropa dar. Es sind vor allem junge, gut ausgebildete, dynamische und kreative Menschen, die auswandern, "und das ist zunächst ein erheblicher Verlust nicht nur im Hinblick auf ökonomisches Humankapital, sondern auch auf die soziale Stabilisierung dieser Gesellschaften", sagt Höpken.

Langfristig gesehen seien diese Prozesse aber nicht nur negativ, sie könnten auch eine positive Wirkung auf die Gesellschaft haben – etwa wenn die Menschen aus dem Ausland zurückkehren und die verinnerlichten Normen weitergeben, oder wenn sie ökonomische Verbindungen zur Heimat aufbauen.

Ganz ohne Hilfe könnte es für die Balkan-Länder aber schwer sein, die Übergangsphase zu einer modernen Zivilgesellschaft, in der eine breite und stabile Mittelschicht eine tragende Rolle spielt, zu überbrücken. Daher sei die europäische Perspektive unerlässlich, sagt Schubert: "Mitglied der EU zu werden ist für diese Länder die einzige Möglichkeit, gleiche Bedingungen und gleiche Entwicklungen herzustellen, die Chancen für die Jugend zu verbessern." Dessen ist man sich in der Region auch bewusst, eine EU-Mitgliedschaft steht in allen Hauptstädten Südosteuropas ganz oben auf der politischen Agenda. Schon im Juli 2013 soll Kroatien als 28. Mitglied der Europäischen Union beitreten.

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