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Kultur

Lyrische Türöffner

Gedichte dürfen frech sein und provozieren. Eigentlich ideale Voraussetzungen, um Kinder für Lyrik zu begeistern. Aber brauchen Kinder spezielle Gedichte? Arne Rautenberg muss es wissen, er schreibt schließlich welche.

Der Autor Arne Rautenberg (Foto: Birgit Rautenberg) -

Die Frage, ob Kinder eigene Gedichte brauchen, ist eine heikle Frage, vielleicht sollte man Gedichte einfach nur Gedichte nennen. Andererseits glaube ich aber schon, dass man über bestimmte Themen, klare Formen oder lustvolles Sprachspiel Kinder schneller für Gedichte begeistern kann – und dass man Gedichte, die so gestrickt sind, ruhig auch als Kindergedichte kennzeichnen darf. Und das Gute ist ja, dass Kindergedichte immer auch bei Erwachsenen funktionieren.

"Dann schreib mir doch mal ein Gedicht!"

Da ich sowohl Gedichte für Erwachsene, als auch für Kinder schreibe, ist mein Ansatz dieser: Ich schreibe einfach, und dann gucke ich, in welche Schublade der Text passt. Eigentlich wollte ich gar nicht speziell Gedichte für Kinder schreiben. Das erste ist entstanden, als meine Tochter mich fragte, was ich so mache. Da habe ich gesagt: Ich schreibe Gedichte und ihr erklärt: Das ist eine sehr kurze Textform, in der manchmal Reime eine Rolle spielen. Dann schreib mir doch mal ein Gedicht, hat sie darauf gesagt: Über meine Lieblingstiere: Sie haben sehr lange Zähne und leben im Wasser. So entstand die tollen walrosse.

die tollen walrosse

zehn walrossen mit super perücken

sollte ein tolles kunststück glücken

erst sah man sie zusammenrücken

sich unverhofft nach etwas bücken

blitzartig schnell die zungen zücken

und durch zehn riesen-stoßzahnlücken

blassrosa kaugummiblasen drücken

Illustration aus dem Buch der wind lässt tausend hütchen fliegen (Foto: Boje Verlag)

Sie fand dieses Gedicht lustig und hat es gleich auswendig gelernt. Nach und nach wurde mir klar, dass Tiere in Gedichten für Kinder eine besondere Rolle spielen, denn sie dienen als Stellvertreter für Menschen. Sie sind die Guten, sie sind niedlich und man kann leichter über sie lachen. Kinder können sich gut mit ihnen identifizieren. Und natürlich lassen sich Tiere herrlich in abstruse Situationen verwickeln. Das ergibt oft lustige Reibungsflächen.

Gedichte als literarisches Zapping

Im Vergleich mit Geschichten ziehen Gedichte oftmals den Kürzeren. Zu Unrecht, wie ich finde, man kann sich zwar nicht so lange in Gedichten aufhalten, dafür kann man mit ihnen aber in sehr kurzer Zeit viele kleine Geschichten, Gedanken, Ideen erleben und sich mit jeder Seite, die man umblättert, wieder aufs Neue von ihnen überraschen lassen. Die lyrische Form ist meines Erachtens sehr zeitgemäß, weil schnell: Man kann in fünf Minuten fünf Gedichte lesen. Man kann dabei gedanklich eine Menge durchmachen und sich in unterschiedliche Welten wirbeln lassen. In dem Tempo, das Gedichte entfesseln, steckt eine Riesenchance: Eine Art ideales literarisches Zapping.

Der Autor Arne Rautenberg (Foto: Birgit Rautenberg)

Arne Rautenberg

Und dann ist da noch die Frage, ob Gedichte für Kinder gereimt sein müssen. Klar, Gereimtes merkt man sich schneller. In Reimen steckt ja auch noch etwas von alten Zaubersprüchen. Und diesen Zauber muss man hinüberretten in die heutige Zeit. Aber eigentlich glaube ich, ob gereimt oder ungereimt, das ist egal. Mein Rabengedicht ist zum Beispiel nur eine geordnete Lautmalerei und findet trotzdem großen Anklang.

annäherung an ein gespräch der raben

ragga

rack

ragga

rack

rack

rach

rach

ragackra

rach

ragackra

rach

rach

schacha

schacha

ach

schacha

ach

ach

Buchcover Arne Rautenberg: Der Wind lässt tausend Hütchen fliegen (Foto: Boje Verlag)

Aber mein erfolgreichstes Gedicht bei Lesungen vor Kindern ist ein Gedicht, bei dem ich kein Wort selbst erdacht habe. Ich habe einfach eine sehr laute, anstrengende Mutter, die mit ihren drei Kindern viel zu dicht neben mir am Strand lag, belauscht und das unerhört Nervige, was sie dabei von sich gab, eins zu eins aufgeschrieben, fertig. Die Kinder kennen natürlich diese hohlen Elternphrasen und lachen sich darüber kaputt. Auch dafür sind Gedichte da: zu zeigen, wo die Sprache versagt und der Nonsens anfängt. Generell kann ich sagen, egal ob ich für Erwachsene oder für Kinder Gedichte schreibe: Wenn ich eine gute Idee habe, dann gehe ich dahin, wo mich die Idee hintreibt.

Autor: Arne Rautenberg lebt als Autor und Künstler in Kiel. Zuletzt erschienen von ihm der Naturgedichtband "gebrochene naturen" der bei luxbooks erschien (2009) – sowie der Kindergedichteband "der wind lässt tausend hütchen fliegen" im Kölner Boje Verlag (2010)

Redaktion: Gabriela Schaaf/Marlis Schaum