1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Lutz: "Wild und Pilze können noch belastet sein"

Norwegens Rentiere sind nach dem Verzehr von Pilzen nicht zum Abschuss frei gegeben. Auch in Deutschland ist die atomare Belastung, 28 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl, noch messbar, sagt Anja Lutz vom BfS.

In Norwegen wurde die Rentierjagd abgesagt. Rentiere seien wegen der hohen atomaren Verstrahlung nicht zum Verzehr geeignet, meldete die zuständige Aufsichtsbehörde. Gemessen wurden Cäsium-137-Werte von bis zu 8200 Bq (Becquerel). Der Grenzwert liegt bei 3000 Bq. Der Behörde in Norwegen zufolge haben die Rentiere in diesem Jahr viele Pilze gefressen, die atomar belastet sind.

Deutsche Welle: Frau Lutz, aufgrund der Niederschläge sprießen auch in Deutschland die Pilze wie selten zuvor. Ist die Strahlenbelastung dadurch auch hier entsprechend hoch?

Anja Lutz, Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz (Foto: Bundesamt für Strahlenschutz)

Cäsium ist besonders in Waldböden zu finden: Anja Lutz

Anja Lutz: Die Belastung der Pilze hat nichts mit dem aktuellen Regen zu tun, sondern damit, wo es direkt nach dem Reaktorunfall im Frühjahr 1986 regnete. Dadurch gelangte das Cäsium, das in der Wolke aus dem Reaktorunfall transportiert wurde, auf den Boden. Besonders betroffen waren Gebiete in Süd- und Südwestdeutschland. Das Cäsium ist immer noch im Boden vorhanden. Es kann von Pilzen mit den Wurzeln aufgenommen werden.

Deutsche Welle: Radioaktives Cäsium hat eine Halbwertzeit von mehr als 30 Jahren. Wann wird die Strahlung abgeklungen sein?

Anja Lutz: Das Cäsium im Boden spielt bei normalen landwirtschaftlichen Produkten schon heute keine Rolle mehr. Nicht, weil es nicht mehr da wäre, sondern, weil es an Tonminerale im Boden gebunden ist. Deswegen können es die Pflanzen mit ihren Wurzeln kaum noch aufnehmen.

Pilze wachsen allerdings in der Regel im Wald, und Waldböden sind anders aufgebaut. Da gibt es keine Tonminerale, und das Cäsium ist noch im Boden vorhanden. Die Pflanzen können es weiterhin aufnehmen. Dadurch können die Pilze auch noch belastet sein. Die Belastung geht nur langsam zurück. Auch nächstes und übernächstes Jahr wird es in belasteten Regionen noch Pilze mit erhöhten Cäsium-Werten geben.

Wildschweine in Bayern (Foto: dpa)

Wildschweine in Bayern können strahlenbelastet sein

Deutsche Welle: Damit sind - wie in Norwegen - alle Tiere belastet, die verstrahlte Pilze gefressen haben?

Anja Lutz: Grundsätzlich gelten für Lebensmittel in Deutschland Grenzwerte von 600 Bq Cäsium pro Kilogramm. Wer Lebensmittel in den Verkauf bringt, hat dafür Sorge zu tragen, dass dieser Grenzwert nicht überschritten wird. Überhöhte Werte sind nur noch bei Wildtieren relevant, besonders bei Wildschweinen.

Das kontrollieren die Jagdverbände in den betroffenen Regionen. Auf Pilze aus den belasteten Gebieten sollte man am besten verzichten oder sie nur in Maßen essen. Das Bundesamt für Strahlenschutz macht jährlich Messungen an Sammelpunkten in Bayern. Dabei hat sich zeigt, dass besonders Trompeten-Pfifferlinge und Semmel-Stoppelpilze weit über den Grenzwerten belastet sein können, während Steinpilze und Pfifferlinge deutlich geringere Belastungen aufweisen.

Airbus A340 (Foto: imago/Future Image)

Auch bei Flügen ist man radioaktiver Strahlung ausgesetzt

Deutsche Welle: Wie merkt man die Belastung?

Anja Lutz: Menschen können Radioaktivität nicht wahrnehmen. Der Grenzwert für Lebensmittel liegt bei 600 Bq Cäsium pro Kilogramm. Isst man 200 Gramm, also eine normale Portion Pilze, die mit 3000 Bq pro Kilo belastet sind, dann würde das eine Belastung von 0,008 Millisievert bedeuten. Dieser Wert entspricht der radioaktiven Strahlung, der sich ein Passagier beim Flug von Frankfurt nach Gran Canaria aussetzt. Diese Belastung ist zwar nur gering, aber vermeidbar.

Deutsche Welle: Welche Rolle spielt überhaupt das Thema Strahlenbelastung noch 28 Jahre nach dem Supergau in Tschernobyl?

Anja Lutz: Tschernobyl ist ein relevantes Thema. Wir messen noch regelmäßig die Belastungen, und ein großer Teil des Notfallschutzes wurde neu organisiert. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt es seit 1989. Es wurde auf Grund des Reaktorunfalls überhaupt erst gegründet.

Anja Lutz ist Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS). Die Behörde mit Hauptsitz in Salzgitter untersteht dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau, und Reaktorsicherheit. Zu den Aufgaben der Bundesbehörde zählt der Schutz von Mensch und Umwelt vor jeglicher Strahlenbelastung.

Das Gespräch führte Karin Jäger.