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9/11 und die Folgen

Luton wehrt sich gegen sein Terrorimage

In Großbritannien haben einige bekannte islamistische Extremisten Verbindungen zu Luton, einer Stadt nördlich von London. Die Bewohner finden aber, dass ihre Heimatstadt zu Unrecht als Hochburg des Extremismus gilt.

Symbolbild: Eine Straße in Luton

Es war ein ganz normales Haus in einem ruhigen Wohngebiet in Luton - doch im vergangenen Jahr wurde das Haus plötzlich von Journalisten umzingelt. Kurz zuvor hatte hier Taimour Abdulwahab al-Abdaly gewohnt. Der Familienvater hatte praktisch über Nacht seine Tasche gepackt und war nach Schweden gefahren. Im Zentrum der vorweihnachtlich geschmückten Hauptstadt Stockholm hat er sich in die Luft gesprengt.

Vor seinem Tod hatte er ein Band besprochen und es als seine Aufgabe bezeichnet, schwedische Zivilisten zu töten - als Rache für Schwedens Militäreinsatz in Afghanistan. Er hatte auch seine Hoffnung formuliert, dass Allah ihn als Märtyrer akzeptieren würde.

Extremistische Ansichten - Einzelfall oder Regel?

Ein Mann mit schwarzem Bart: Abdul Qadeer Baksh (Foto: Lars Bevanger, DW)

Baksh kannte den Attentäter

Als er noch in Luton wohnte, hat al-Abdaly im islamischen Zentrum der Stadt gebetet. Dort war er für seine extremistischen Ansichten bekannt. Der Vorstand des Zentrums, Abdul Aqdeer Baksh, hatte ihn persönlich darauf angesprochen. "Er hat seine Fehlinterpretationen des Islam und einige extremistische Ansichten verbreitet", so Baksh gegenüber der Deutschen Welle. "Also habe ich ihn zur Rede gestellt und ihm meine Meinung gesagt." Doch diese Gespräche blieben ohne Ergebnis. Also entschied sich Baksh eines Morgens, al-Abdaly vor der versammelten Gemeinde anzusprechen. "Zum Schluss war er ziemlich aufgeregt und hat die Moschee wütend verlassen. Ich habe ihn nie wieder gesehen."

Der Selbstmordattentäter von Stockholm ist einer von vielen islamischen Extremisten, die der Stadt Luton ihren schlechten Ruf eingebracht haben. Im Frühjahr 2009 wurden britische Soldaten, die im Irak gedient hatten, von einer kleinen Gruppe muslimischer Männer während einer Heimkehrfeierlichkeit als "Mörder" beschimpft. Die Männer trugen Transparente in denen sie Muslime dazu aufriefen, gegen die britische Unterdrückung aufzustehen.

Viel Lärm um nichts?

Zafar Kahn im Porträt (Foto: Lars Bevanger, DW)

Zafar Kahn arbeitet religionsübergreifend

Diese Aktion hat die ultra-rechte, anti-islamische English Defence League (EDL) in Luton auf den Plan gerufen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt gilt Luton als eine Hochburg der Extremisten. Viele Einwohner finden diese Bezeichnung ungerecht. Zafar Kahn ist Vorsitzender im "Council of Faiths". Diese religionsübegreifende Initiative setzt sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Luton ein. Seiner Meinung nach ist die Anzahl der Extremisten auf beiden Seiten eher niedrig. "In den vergangenen Jahren wurde alles etwas übertrieben dargestellt", sagt Kahn. "Und manchmal haben sowohl die Presse als auch die Politik dieser kleinen Minderheit zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil sie eben sehr viel Lärm macht."

Doch dass es in Luton Probleme gibt, streitet auch Kahn nicht ab. Sie seien allerdings nicht unbedingt hausgemacht. "Leider gab es den einen oder anderen Fall, in dem Luton eine Rolle spielte", sagt er und erzählt von den Attentätern in London im Juli 2005, deren Verbindung zu Luton darin bestanden hatte, dass sie auf dem Weg zu den Anschlägen durch die Stadt gefahren waren.

Keine Verbindung nachweisbar

Ein Reihenhaus in Luton (Foto: Lars Bevanger, DW)

Viele Muslime wohnen in der Gegend von Bury Park

Viele von Lutons etwa 30.000 Muslimen wohnen in der Gegend von Bury Park. Die meisten sagen, ihre Wahrnehmung der Stadt stimme nicht mit der Darstellung in den Medien überein. "Luton hat eine ganz normale, große muslimische Gesellschaft und ich finde, man kann hier sehr gut leben", meint Faisal, ein junger islamischer Stadtbewohner. "Es beweist einen Mangel an Wissen und eine Portion Arroganz, wenn Leute ihr Bild vom Islam vom Fernsehen prägen lassen." Andere Bewohner halten es für normal, dass in größeren Städten auch Menschen mit extremen politischen oder religiösen Meinungen zu finden seien.

Nach einem britischen Geheimdienstbericht aus dem Jahr 2008, den man der Öffentlichkeit zugespielt hat, hält man in Sicherheitskreisen Luton, Birmingham und London für Städte, in denen islamistische Extremisten über breite Netzwerke verfügen. Lutons Nähe zu London soll der Grund dafür sein, dass die Stadt angeblich bei Extremisten so beliebt ist. Doch bisher konnte kein einziger Anschlagsversuch nach Luton zurückgeführt werden.

Kulturelle Vielfalt in Luton

Ein Umzug in der Stadt (Foto: Lars Bevanger, DW)

Für ein besseres Image: die Kampagne "Harmonie in Luton"

So viel ungewollte Aufmerksamkeit ist besorgniserregend für die Kommunalpolitiker. Der Stadtrat versucht Lutons kulturelle Vielfalt als etwas Positives darzustellen und hat im vergangenen Jahr eine Initiative gestartet, um Bewohner aus verschiedenen kulturellen Milieus einander näher zu bringen. "Wir brauchen ein neues Maß an Stolz und Selbstbewusstsein für die Stadt", meint Sarah Allen, Beauftragte für soziale Gerechtigkeit im Stadtrat von Luton. "Das bedeutet nicht, dass es hier keine Menschen mit unangenehmen und geschmacklosen Meinungen gibt, die diese auch in die Tat umsetzen wollen, aber sie repräsentieren nicht die Einwohnerschaft Lutons."

Großbritannien bleibt ein Ziel für Terroranschläge. In der näheren Zukunft werden die Sicherheitsdienste des Landes jede Stadt mit einem überdurchschnittlichen Anteil muslimischer Bürger intensiv beobachten. Die Einwohner von Luton werden sich vielleicht daran gewöhnen. Den Ruf ihrer Stadt wollen sie auch aber auch weiterhin verbessern.

Autor: Lars Bevanger / tkw
Redakteur: Rob Mudge

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