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Reise

Lutherstadt Worms: Der Reformator trotzt Kaiser und Kirche

Martin Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag war ein Wendepunkt der Kirchengeschichte. Der Versuch, die Reformation im Keim zu ersticken, misslang. Wer sich in der Stadt auf Luthers Spuren begibt, braucht Fantasie.

Im Wormser Heylshofpark können Besucher in die Fußstapfen des Reformators treten. Zwei große bronzene Schuhe zeigen, wo der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther (1483-1546) sich 1521 während des Wormser Reichstags weigerte, seiner Lehre abzuschwören. Doch so bedeutend sein gerade einmal zehntägiger Aufenthalt in Worms für die Geschichte der Reformation auch gewesen sein mag - authentische Lutherstätten kann die Stadt kaum bieten.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg war Worms die Lutherstadt schlechthin im Westen, denn die anderen waren ja nicht zugänglich“, erzählt der städtische Kulturkoordinator Volker Gallé. Weil Eisenach und Wittenberg hinter dem Eisernen Vorhang lagen, wurde die 80.000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz zum Schauplatz vieler zentraler westdeutscher Gedenkveranstaltungen und Kirchenkonferenzen.

Deutschland Worms Lutherdenkmal (Uwe Feuerbach)

Seit 1868 gehört es zum Stadtbild - das Reformationsdenkmal von Worms

„Wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollt' ich hinein“, soll Luther die Warnungen vor einer Reise nach Worms zerstreut haben. Seine Anhänger hatten in dem zugesicherten freien Geleit eine List gewittert. Angeblich soll der 37-Jährige vor der historischen Rede sogar in seiner Herberge, dem Johanniterhof, knapp einem Giftanschlag entgangen sein. Gästeführerin Gisela Neumeister erzählt Touristen auf den Reformationsführungen zumindest die Legende über das Weinglas, das gerade noch rechtzeitig zersprungen sein soll, als Luther daraus nippen wollte.

Wahrheit und Legende

Im Frühjahr 1521 war Luther wegen seiner Thesen bereits von der Kirche exkommuniziert. Allerdings hatte er die Unterstützung einer Reihe deutscher Fürsten, die ihm die Gelegenheit einer letzten Verteidigungsrede vor dem Wormser Reichstag und Kaiser Karl V. verschafften. Und auch auf seiner von heftigen Bauchkrämpfen begleiteten Reise wurde er begeistert von Anhängern begrüßt.

Martin Luther, 500 Jahre Reformation- Luther in Worms (1877) (picture-alliance/akg-images)

Luther vorm Reichstag - Holzstich, 1877, von Friedrich Hottenroth

Der Auftritt des als „großer Ketzermeister“ verschrienen Luthers in Mönchskutte verlief jedoch anders, als von Kaiser und Kirche erwartet: Der Reformator erklärte, er könne seine Ansichten nicht gegen das eigene Gewissen widerrufen. Durch die Bibel fühle er sich bestätigt. Der Ausruf „Hier stehe ich und kann nicht anders“ fiel dabei nicht, was die historische Bedeutung der Rede jedoch nicht schmälerte. Überliefert ist: „Gott helf mir! Amen.“

Das ließen sich Fürsten und Kaiser nicht gefallen. Mit dem Wormser Edikt verbot Karl V. nicht nur die Schriften Luthers, er untersagte auch dessen Unterstützung und erklärte ihn für vogelfrei. Als das Edikt jedoch im Mai veröffentlicht wurde, befand sich Luther schon in Sicherheit auf der Wartburg bei Eisenach.

Ausländische Besucher zieht es an die Orginalschauplätze

Ein flüchtiger Rundgang auf Luthers Spuren durch die in vielen Kriegen zerstörte Stadt am Rhein ernüchtert: Wo einst der Johanniterhof stand, ragt seelenlose Nachkriegsarchitektur in die Höhe. Neben dem Woolworth-Kaufhaus erinnert lediglich eine Gedenkplakette an den berühmten Gast. Der Wormser Bischofspalast, Ort des Reichtags, wurde im 17. Jahrhundert zerstört. Eine private Stiftung hat einen Park angelegt. Insbesondere ausländische Besucher ziehe es dennoch magisch an den Originalschauplatz, sagt Gästeführerin Neumeister: „Das ist für viele Leute das Highlight.“

Deutschland Martin Luther-Denkmal in Worms (picture-alliance/dap/U. Anspach)

Die größte Luther-Statue der Welt

Unter dem Mangel an Luther-Sehenswürdigkeiten litten die Bürger der mehrheitlich protestantischen Stadt schon im 19. Jahrhundert. So entstand mit Spenden aus dem In- und Ausland 1868 das weltgrößte Lutherdenkmal. Der überlebensgroße Reformator steht auf einem Sockel im Zentrum einer Skulpturengruppe zwischen Weggefährten wie Philipp Melanchthon und Philipp dem Großmütigen sowie Vordenkern der Kirchenreform wie Jan Hus und Petrus Waldus. Der Rundgang offenbart auch die kleine evangelische Magnuskirche, in der früh im Sinne Luthers gepredigt wurde.

2017 rechnet Worms mit einem kleinen Besucherboom. Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags inszeniert die Stadt die eigene Reformationsgeschichte, so Kulturkoordinator Gallé. Gerade wurde ein "Bildungs- und Erlebnisparcours" zu Luthers Aufenthalt in Worms 1521 eingeweiht. Und am Schauplatz des Reichstags beschallen Lautsprecher von Bäumen herab die Passanten mit Gewissensfragen.

Karsten Packeiser (epd)