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Kultur

Luthers dunkle Seite

Die evangelische Kirche bereitet das 500-jährige Reformationsjubiläum vor und feiert Luther. Doch der Reformator war ein Judenfeind. Die Kirche versucht, Luther zu ehren, ohne seine Polemik zu verharmlosen.

Weltoffen und tolerant – so zeigt sich die evangelische Kirche bei zahllosen Veranstaltungen im Vorfeld des 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017. Im Jahr 1517 soll der Reformator Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Toleranz ist sogar der Themenschwerpunkt des laufenden Jahres in der so genannten Luther-Dekade. Doch ausgerechnet Luther kannte gegenüber Juden keine religiöse Rücksicht. Als etwa 60-Jähriger rief er dazu auf, "dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke". Ihre Häuser sollten zerstört und ihr Vermögen sowie ihre religiösen Bücher beschlagnahmt werden.

Auf den Widerspruch zwischen aktuellem Selbstverständnis und historischem Ursprung verwies zuletzt die prominente Theologin Margot Käßmann. Die einstige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist nun EKD-Botschafterin für die Reformationsfeiern. In einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nannte sie den alternden Luther ein "erschreckendes Beispiel christlicher Judenfeindschaft". Sie betonte: "Es kann kein Reformationsjubiläum geben, dass bei aller Freude über die Errungenschaften der Reformation ihre Schattenseiten nicht benennt."

Enttäuschung über ausbleibende Bekehrung der Juden

Titelbild von Luthers Schrift 'Von den Jüden und Iren Lügen' (Foto: Wikipedia)

Titelbild von Luthers Schrift 'Von den Jüden und Iren Lügen'

Der Namensgeber der evangelisch-lutherischen Kirche äußerte sich anfangs noch positiv über Juden. Dabei hoffte Luther nach Ansicht des niederländischen Reformationsexperten Herman Johan Selderhuis, dass sich die Juden zum Christentum bekehren würden. Doch diese traten nicht über. Die Enttäuschung darüber war dem Kirchenhistoriker zufolge einer der Gründe für die wachsende Feindschaft Luthers gegenüber den Juden. Mit seinem Antijudaismus stand der wortgewaltige Theologe damals nicht allein. Auch andere Reformatoren und berühmte Humanisten wie Erasmus von Rotterdam schimpften auf die Juden – ebenso wie viele Vertreter der katholischen Kirche. "Erasmus der Humanist, der lobt Frankreich, weil es da so wenig Juden gibt", sagt Selderhuis im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Luthers Aufruf zum Anzünden der Synagogen war im 16. Jahrhundert folgenlos geblieben. Die Nationalsozialisten griffen den judenfeindlichen Teil seiner Schriften jedoch bereitwillig auf. Seine Worte wirken rückblickend wie eine Handlungsempfehlung für die Reichspogromnacht 1938. Damals brannten deutschlandweit die Synagogen. Doch Selderhuis mahnt, Luther nicht durch die Brille des millionenfachen Judenmords im Holocaust zu sehen. "Mit dem, was Luther gesagt hat und geschrieben hat, war es natürlich ganz leicht in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, ihn in antisemitischer Propaganda zu benutzen", sagt der Kirchenhistoriker. Es sei aber wichtig, zwischen dem religiös begründeten Antijudaismus Luthers und der rassistischen Ideologie des Antisemitismus zu unterscheiden. "Im Antisemitismus geht es um die Juden als Personen, ihre Herkunft, ihr Jude-Sein", sagt Selderhuis. Dagegen zielten Luthers Äußerungen allein auf den Glauben der Juden. "Er ist gegen deren Religion und deren Verweigerung, zu Christus zu kommen", schildert der Niederländer die Haltung des Reformators. Von Mord an einem ganzen Volk ist in Luthers Polemiken nicht die Rede.

Die Theologin Margot Käßmann wirbt seit Ende April 2012 als Botschafterin für die Lutherdekade. (Foto: EKD)

Die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann, wirbt für die Luther-Dekade

Käßmann betont ebenfalls, dass der 1546 gestorbene Bibelübersetzer und streitbare Theologe von den Nazis instrumentalisiert wurde. Luther habe die Tragweite seiner Worte nicht absehen können.

Verharmlosung oder Kritik an der Kirche als Reaktionen

Die drastische Hetze verstört bis heute viele Menschen. Sie löst unterschiedliche Reaktionen aus. Auf den Beitrag der Luther-Botschafterin Käßmann folgten zahlreiche Kommentare. Einige verharmlosen die Polemik oder verteidigen Luther, der eben ein Kind seiner Zeit gewesen sei. Andere äußern Unverständnis, wie sich die evangelisch-lutherische Kirche auf so einem Judenfeind beziehen könne. Ein Leserbrief-Autor betont, dass Luther nicht als "Gründer" einer christlichen Gemeinschaft tauge.

Auch Käßmann erlebt die Kritik an ihrem Beitrag vielfältig: "Zum einem gibt es eine Welle, die sagt, ihr müsst viel mehr das Evangelische, den Protestantismus, diesen großartigen Luther voranstellen", berichtet die Theologin. Andere hätten sich dagegen entsetzt über Luther gezeigt. Dieser sei nicht nur ein Feind der Juden, sondern auch der Türken. Mit seinen wüsten Beschimpfungen auf das Papsttum sei er ökumenisch nicht vorzeigbar. Anhänger dieser Sichtweise forderten eine Distanzierung von Luther und möglichst wenig Aufmerksamkeit für dessen Haltung gegenüber den Juden. "Dazwischen einen Weg zu finden, zu sagen, wir wollen kein deutsches Lutherjubiläum feiern, sondern ein internationales, ökumenisches Reformationsjubiläum, das ist der schwierige Weg", erklärt die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende. Sie betont, dass es immer richtig sei, offensiv zu Fehlern zu stehen. Darüber hinaus gelte: "Die evangelische Kirche sagt heute, wer Juden angreift, der greift uns an."

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