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Wissen & Umwelt

Lungenhochdruck ist kein Todesurteil mehr

Noch in den 1990er Jahren überlebten Patienten mit Lungenhochdruck im Schnitt nur etwa zweieinhalb Jahre. Ein wirksames Medikament gegen die seltene Krankheit wurde mit dem Deutschen Zukunftspreis geehrt.

Dass viele Menschen hohen Blutdruck haben, ist bekannt. Weniger bekannt ist hingegen der Lungenhochdruck. Eine besonders seltene Form dieser Erkrankung, die pulmonal-arterielle Hypertonie, erleiden nur etwa 50 aus einer Million Menschen.

Lungenhochdruck-Patient Siegfried Hennecke (Foto: DW/ Fabian Schmidt).

Patient Siegfried Hennecke hält sich - so gut es geht - sportlich fit

Einer von Ihnen ist Siegfried Hennecke. Vor knapp einem Jahr hatte der eigentlich sportliche Rentner plötzlich Probleme die Treppe hochzukommen. "Zu meiner Wohnung führten 38 Stufen. Da bin ich bis kurz vor Weihnachten immer noch gut hoch gekommen. Und plötzlich ging kurz vor der drittletzten Stufe gar nichts mehr", erinnert er sich. Sein Zustand wurde immer schlimmer, bis sein Arzt ihn in ein örtliches Krankenhaus eingewiesen hat.

Das dortige Ärzteteam verlegte Hennecke in die Uniklinik in Bonn. Dort wurde er von dem Lungenarzt Dirk Skowasch behandelt - großes Glück für den Patienten, denn Skowasch erkannte schnell, woran Hennecke litt: Lungenhochdruck.

Der entsteht, wenn die Lungenarterien - die in die Lunge führen - verengt sind. Das Blut, das aus der rechten Herzkammer kommt, staut sich dann auf. Dadurch wird das Herz überlastet.

Hinter der Engstelle aber fließt nicht mehr genug sauerstoffreiches Blut aus der Lunge zurück zum linken Herzen und in den Körper: Die linke Herzhälfte hat wesentlich weniger zu tun als die rechte. Zudem werden Muskeln und Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Uni-Professor Ghofrani, der Pharmakologe Stasch und der Mediziner Frey in einem Patientenzimmer (Foto: Ansgar Pudenz/ Deutscher Zukuntspreis).

Uni-Professor Ghofrani, der Pharmakologe Stasch und der Mediziner Frey haben den Wirkstoff zur Marktreife gebracht

Hennecke hatte schon früher Symptome bemerkt, wusste aber nicht, was mit ihm nicht stimmte. "Die Diagnose ist schwierig", sagt sein Arzt Dirk Skowasch "weil die Erkrankung wirklich selten und die Symptomatik unspezifisch ist".

Ein Lungenhochdruck-Patient klagt in der Regel über Luftnot und Abgeschlagenheit. Aber die könne ganz viele Ursachen haben, sagt Skowasch: "Der Herzspezialist wird sagen: Es ist keine relevante Herzerkrankung. Der Lungenspezialist wird eine unauffällige Lungenfunktion sehen, und der Patient wird erst mal verunsichert sein, bis schließlich die richtige Diagnose gestellt wird, und auch er erstmals von der schlechten Prognose hört."

Noch in den 1990er Jahren bedeutete eine solche "schlechte Prognose" imPrinzip ein Todesurteil. Patienten gab man danach noch etwa 2,5 Jahre. Heute hat der Lungenhochdruck diesen Schrecken verloren. Das ist unter anderen Johannes-Peter Stasch zu verdanken. Der Pharmakologe von der Bayer Pharma AG in Wuppertal hatte 1994 ein vielversprechendes Molekül entdeckt.

Dirk Skowasch (DW/ Fabian Schmidt).

Für Dirk Skowasch sind die modernen sCG- Stimulatoren ein Lebensretter

Behandlungsprinzip ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt

Der Mechanismus ähnelt einem Wirkprinzip, das schon sei 130 Jahren bekannt ist: Nitroglycerin, etwa als Spray eingeatmet, schafft bei der Herzerkrankung Angina Pectoris Erleichterung.

Warum genau das aber so funktioniert, haben die Forscher erst in den 1990er Jahren herausgefunden: Im menschlichen Körper wird das Nitroglycerin nämlich zu Stickstoffmonoxid umgewandelt. "Das ist ein Gas, das dazu führt, dass sich die Koronargefäße entspannen und weiten", erklärt Stasch: "das führt dazu, dass die Symptome einer Angina Pectoris verschwinden."

Ganz so direkt geht es allerdings nicht, denn zwischen der Bildung des Stickstoffmonoxids - aus dem Nitroglycerin - und der Erweiterung der Blutgefäße liegen noch einige Schritte. So muss das Stickstoffmonoxid sich erst einmal eine Stelle suchen, wo es hingehen kann.

Laborgeräte am Universitätsklinikum Giessen (Foto: Ansgar Pudenz/ Deutscher Zukunftspreis).

Der Zulassung gingen aufwendige Studien voraus

"Die Substanz, auf die es trifft, ist ein Eiweißmolekül - ein Enzym", erklärt der Pharmakologe, "man nennt es lösliche Guanylatcyklase (sGC), die in jeder Zelle des menschlichen Körpers vorhanden ist." im nächsten Schritt produziert das SGC-Enzym - quasi wie ein Katalysator - einen Botenstoff namens cyclisches Guanosinmonophosphat (cGMP).

Und das führt zu der eigentlichen positiven Verbesserung, sagt Stasch: "Es führt generell zu einer Erweiterung von Blutgefäßen und verhindert das Wachstum und die Proliferation von Zellen in diesen Gefäßen, damit die Gefäße nicht eng gestellt werden und noch Zellen hinein proliferieren, die dazu führen, dass der Widerstand steigt - und damit der Druck in den Gefäßen."

Neuer Wirkstoff stimuliert sCG-Enzym

Der neuartige Wirkstoff gegen Lungenhochdruck nennt sich Riociguat und das Medikament auf dem Markt Adempas. Die Wirkstoffklasse bezeichnet man als sCG-Stimulatoren. Mittlerweile ist es in über 50 Ländern zugelassen. Es wirkt im Prinzip genau wie das Stickstoffmonoxid beim Nitroglycerin-Spray - es dockt an das sCG-Enyzm an und führt so zur Freisetzung desselben cGMP-Botenstoffes.

Für Lungenhochdruckpatienten ist die Entdeckung eine Lebensrettung, denn mit Nitroglycerin-Spray, war ihre chronische Erkrankung früher nicht in den Griff zu bekommen, denn Nitroglycerin wirkt nur gegen akute Anfälle bei Angina Pectoris nicht aber bei Lungenhochdruck.

Mit dem neuen Medikament kann zwar der Lungenhochdruck nicht ursächlich geheilt werden, aber er lässt sich unter Kontrolle bringen. "Die Patienten nehmen dreimal am Tag eine Tablette. Diese Dosierung haben wir ausgesucht, um einen möglichst gleichmäßigen Medikamentenspiegel im Blut zu haben und große Spitzen zu vermeiden", sagt der Arzt Reiner Frey. Er hat bei Bayer an der Entdeckung mitgewirkt und die Weiterentwicklung zu einem Medikament vorangetrieben. "Wir haben also einen konstanten Spiegel im Blut und im Gewebe, in den Zellen. Denn letztendlich muss es in die Zelle hinein, um dort zu wirken."

Deutscher Zukunftspreis Nominierte Team 3 Bayer (Foto: DZP/Ansgar Pudenz).

Patienten müssen das Medikament Adempas ihr ganzes Leben einnehmen

Lebenslange Medikamenteneinnahme

Zwar müssen die Patienten das Medikament lebenslang einnehmen, aber wenn sie es tun, haben sie eine gute Überlebenschance. "Die Langzeitdaten, die wir von den Studienteilnehmern haben, zeigen sehr erfreuliche Überlebensraten und Wirksamkeitsdaten", sagt der Lungenarzt Ardeschir Ghofrani.

Er hat die klinischen Studien am Universitätsklinikum Gießen geleitet - von den allerersten Laborversuchen bis hin zur Zulassung des Medikaments in den USA 2013 und in Europa 2014. "Wir haben in den Folgestudien der Zulassungsrelevanten Phase-3 Studie Einjahres- und Zweijahres-Überlebensraten von über 95 bzw. über 90 Prozent gesehen. Das ist ein sehr erfreuliches Ergebnis, wenn man ansonsten Überlebensraten von 70 bzw. 50 Prozent erwartet hätte."

Der Patient, Siegfried Hennecke, ist jedenfalls optimistisch, dass er die Krankheit gut beherrschen kann. Wenn er länger das Haus verlässt, nimmt er sicherheitshalber noch ein Sauerstoffgerät mit. Am wichtigsten ist aber, dass er regelmäßig seine Tabletten nimmt. "Ich merke, wenn ich mal eine nicht nehme. Ich hoffe, dass das so bleibt. Wegkriegen werde ich das nie. Aber ich bin schon Fahrrad gefahren!"

Und das will Hennecke auch weiterhin tun. Das einzige was ihm jetzt noch Sorgen bereitet ist das Sauerstoffgerät, denn das ist zu schwer, um es sicher auf dem Gepäckträger zu verankern.

Für die Entwicklung des Wirkstoffs Riociguat haben der Neurochemiker Johannes-Peter Stasch und die Ärzte Reiner Frey und Ardeschir Ghofrani den Deutschen Zukunftspreis erhalten.

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