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Wirtschaft

Lufthansa drückt bei Air Berlin aufs Tempo

Der Air Berlin-Gläubigerausschuss beschließt den Weiterbetrieb der Fluglinie. Die Lufthansa bekräftigt ihr Interesse an zentralen Teilen der insolventen Fluggesellschaft, kommt aber noch nicht zum Zug.

Deutschlands größte Fluggesellschaft Lufthansa hat offenbar ihr Interesse an großen Teilen des insolventen Rivalen am Mittwoch in der ersten Sitzung des Gläubigerausschusses in Berlin offiziell gemacht. Das erklärte eine mit den Beratungen vertraute Person gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. In einer Absichtserklärung an das Gremium hieß es demnach, die Lufthansa wolle die österreichische Air-Berlin-Tochter Niki und weitere Teile der Fluggesellschaft übernehmen.

Air Berlin sprach von einem "guten Signal" und erklärte, die Verhandlungen würden "mit Hochdruck" vorangetrieben. Die insolvente Fluglinie teilte nach dem Gläubigertreffen in der Berliner Firmenzentrale mit, die Vertreter der Gläubiger hätten einstimmig einen Weiterbetrieb der Fluglinie beschlossen.

"Unser Ziel ist und bleibt, zügig zu tragfähigen Abschlüssen zu kommen und so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten", erklärte der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Frank Kebekus. 

Die Gewerkschaft Verdi appellierte an die Gläubiger, die Interessen der mehr als 8000 Beschäftigten nicht unter den Tisch fallen zu
lassen. "Es geht hier um die Rettung von Arbeitsplätzen", sagte Vorstandsmitglied Christine Behle. "Das muss sich der Gläubigerausschuss immer wieder vor Augen halten."
 

Medienberichte: Insolvenzgeld kostet Bundesagentur 70 Millionen Euro

Die Gespräche über eine Aufteilung der hoch verschuldeten Fluggesellschaft auf Lufthansa und andere Airlines hatte Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann bereits vergangene Woche kurz nach Anmeldung der Insolvenz begonnen. Der Gläubigerausschuss muss einem Verkauf zustimmen.

Dem Gremium gehören Vertreter von Air Berlin, der Commerzbank, der Lufthansa-Tochter Eurowings, der Bundesagentur für Arbeit sowie ein Anwalt von Leasinggesellschaften an. Die Bundesagentur zahlt drei Monate lang das Insolvenzgeld für die 7200 Mitarbeiter in Deutschland, nach Medienberichten in Höhe von rund 70 Millionen Euro. Eurowings hat 38 Maschinen mit Besatzungen von Air Berlin gemietet und vorfinanziert und wäre deshalb von einer Einstellung des Flugbetriebs stark betroffen.

Pressekonferenz des Mode-Unternehmens Hans Rudolf Wöhrl (picture-alliance/dpa/N. Armer)

Hans Rudolf Wöhrl sanierte die frühere British Airways-Tochter dba und die LTU. Beide verkaufte er an Air Berlin

Die verlustreiche zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft hatte vergangene Woche Insolvenz angemeldet, da ihr Hauptaktionär Etihad Airways weitere Finanzspritzen verweigert. Der Pleite ging ein jahrelanges Siechtum von Air Berlin voraus. Der notorisch defizitäre Lufthansa-Rivale war von seinem Großaktionär Etihad mit Finanzspritzen über mehrere Milliarden Euro gestützt worden.

Die Fluggesellschaft aus Abu Dhabi war 2011 bei Air Berlin eingestiegen und hält knapp 30 Prozent. Der Flugbetrieb wird jetzt mit einem Überbrückungskredit des Bundes in Höhe von 150 Millionen Euro aufrechterhalten. Das soll Air Berlin drei Monate lang in der Luft halten. Doch Winkelmann strebt eine Lösung bis Ende September an. Es herrsche Zeitdruck, weil eine Fluggesellschaft in Insolvenz nun mal Geld verbrenne, sagte er dem "Handelsblatt".

Nach früheren Angaben von Insidern ist Lufthansa am Kauf von bis zu 90 der 140 Flugzeuge von Air Berlin interessiert. Dabei ist die Flotte der profitablen österreichischen Air Berlin-Tochter Niki eingerechnet. Auch die Thomas-Cook-Tochter Condor ist an Teilen interessiert und war in die Gespräche der Gläubiger einem Insider zufolge einbezogen. Als dritter potenzieller Erwerber von Air-Berlin-Resten gilt der britische Billigflieger EasyJet. 

Sonderbehandlung von Lufthansa?

Der irische Billigflieger Ryanair kündigte dagegen ebenso wie der Luftfahrt-Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl an, Air Berlin komplett übernehmen zu wollen. Das stößt jedoch auf Ablehnung bei der Bundesregierung, die Air Berlin in ihrer bisherigen Form nicht für überlebensfähig hält. Ryanair und Wöhrl kritisieren, die Lufthansa werde im Verkaufsprozess bevorzugt behandelt und habe schon früher als sie selbst Zugang zu Wirtschaftsdaten bekommen.

"Es wurden Fakten geschaffen, die eine Rettung des Unternehmens verhindern sollten", erklärte Wöhrl. Air Berlin bestreitet das. Die Kritiker sahen sich durch Äußerungen von Regierungsvertretern bestätigt. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries und Verkehrsminister Alexander Dobrindt hatten sich in den vergangenen Tagen offen dafür ausgesprochen, dass ein großer Teil von Air Berlin an Lufthansa geht.

Ryanair-Chef Michael O'Leary hatte den Politikern und der Kranich-Linie ein "abgekartetes Spiel" vorgeworfen. "Der Vorwurf ist aus der Luft gegriffen", sagte Zypries am Mittwoch in Frankfurt. "Ich habe nie gesagt, dass die Lufthansa die Anteile bekommen soll. Ich habe nur gesagt, dass ich es ganz schön fände, wenn die Lufthansa sie bekäme." Es sei Sache der Airline, das zu entscheiden. "Ich sitze nicht am Verhandlungstisch."

Den Gewerkschaften dürfte die Lufthansa als Käufer lieber sein als Ryanair. Die Iren bieten ihren Mitarbeitern schlechtere Konditionen als die in Deutschland geltenden Tarife. Die bei Air Berlin stark vertretene Gewerkschaft Verdi forderte erneut, die Arbeitsplätze zu retten und die Verkaufsverhandlungen transparent zu machen.

Bei den Air-Berlin-Beschäftigten in der Konzernzentrale ist die Nervosität groß. "Wir haben alle Angst, dass wir unseren Job verlieren", sagte eine Beschäftigte, die seit 30 Jahren in der Branche tätig ist. Ein anderer Mitarbeiter zuckte mit den Achseln: "Was soll ich dazu sagen, wir versuchen unser Bestes."

tko/qu (rtr, dpa)

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