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Politik

Luftangriff tötet mindestens 77 Menschen in Südafghanistan

Die US-geführte Koalition hat im Süden Afghanistans mit einem Luftangriff mindestens 77 Menschen getötet. In der Region sehen sich die ausländischen Soldaten dem Widerstand von Taliban-Milizen gegenüber.

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Transport eines Verletzten nach dem Angriff

Gulbuddin Hekmatyar

Gulbuddin Hekmatyar

Bei Luftangriffen der multinationalen Truppen auf ein Dorf im Süden von Afghanistan sind in der Nacht zum Montag (22.5.) mindestens 77 Menschen getötet worden. Unter den Toten seien 16 Zivilisten und mehr als 60 Kämpfer der radikal-islamischen Taliban, sagte der Gouverneur von Kandahar, Asadullah Khalid. Weitere 15 Zivilisten seien verletzt worden. Ein Sprecher der US-geführten Koalition bestätigte den Angriff auf eine "Taliban-Hochburg" beim Dorf Asisi in der Region Kandahar. Ein älterer Mann aus dem Dorf sagte dagegen einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP, dass 26 seiner Angehörigen getötet wurden. Außerdem seien zahlreiche weitere Menschen bei den Angriffen verletzt worden. "Sie begannen unser Dorf gegen Mitternacht zu bombardieren und machten bis zum Morgen weiter", sagte der Augenzeuge des Bombardements. Andere Einwohner erzählten, dass in dem Dorf viele Verletzte lägen, die mangels Fahrzeugen nicht ins Krankenhaus nach Kandahar gebracht werden könnten.

Wachsender Widerstand

In Afghanistans Süden ist der Widerstand gegen die multinationalen Truppen in den vergangenen Monaten stärker geworden. An einem der blutigsten Tage in Afghanistan seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 starben am Donnerstag (18.5.) bei Gefechten mehr als 100 Menschen. Die Taliban-Milizen agieren dort nicht allein in der Region. Sie werden von den im Grenzgebiet zu Pakistan versteckten Mitgliedern des Terrornetzes El-Kaida unterstützt. Vor kurzem erst haben beide Gruppen ihre strategische Allianz erneut bekräftigt. Dritte und immer bedeutendere Kraft in diesem für die Stabilität Afghanistans gefährlichen Spiel ist die "Hesbe Islami Afghanistan" - die Islamische Partei.

Der Chef der "Hesbe Islami", der Fundamentalist Gulbuddin Hekmatyar, macht seit langem keinen Hehl daraus, dass seine Partei mit El-Kaida und dem harten Kern der Taliban-Milizen strategisch zusammenarbeitet. Taktisch werde jedoch jede Gruppe weiterhin in ihrem eigenen Einflussbereich operieren. Das bedeutet, dass die Taliban-Milizen in ihren traditionellen Hochburgen im Süden des Landes, El-Kaida im Osten des Landes - im Grenzgebiet zu Pakistan - und die Terrorgruppe von Hekmatyar in der Umgebung von Kabul Anschläge verüben.

Drogenmafia mischt mit

Diese Dreier-Allianz wird in jüngster Zeit noch von einer anderen Terrorbande unterstützt. Diese hat unter Führung von Jalaluddin Haqqani, dem ehemaligen Dschehadi-Kommadeur, ihre Operationsbasis im Lugar-Tal, südlich von Kabul. Dieses Zusammenspiel - strategisch gemeinsam jedoch taktisch dezentral zu operieren - hat dazu geführt, dass die Taliban-Milizen nun konzentriert in den Südprovinzen des Landes über einzelne Selbstmordanschläge hinaus ihre Angriffe massiv ausgeweitet haben. Sie nehmen Polizeistationen ins Visier und greifen abgelegene Dörfer an.

Vernichtung von Mohnfeldern in Afghanistan

Vernichtung von Mohnfeldern in Afghanistan

Diese militanten Gruppen bekommen nun zusätzlich Zulauf von Seiten der Drogenmafia. Die afghanische Regierung setzte bislang auf die Zerstörung der Mohnfelder, um das Drogenproblem einzudämmen. Die vielen davon betroffenen Kleinbauern erhielten jedoch keine finanzielle Entschädigung, auch für ihre Sicherheit wurde nichts unternommen. Damit sind sie aber den Repressalien der Drogenmafia, die um ihre Einnahmen fürchtet, schutzlos ausgeliefert. Und die Drogenmafia pflegt inzwischen eine verstärke Zusammenarbeit mit den Taliban-Milizen - vor allem in der Provinz Helmand. Die Provinz Helmand war schon zur Zeit der Taliban-Herrschaft zwischen 1997 und 2001 eines der Hauptanbaugebiete für Mohn. Geographisch günstig gelegen im Dreieck zwischen Pakistan, dem Iran und Afghanistan, fungiert die südafghanische Provinz als Drehscheibe für den Drogenhandel.

Schwere Last der Vergangenheit

Dass unter den im Süden Afghanistans stationierten ausländischen Truppen die Briten mit 3.300 Soldaten die größte Gruppe bilden, macht die Situation nicht einfacher. Im Laufe der letzten Jahrhunderte haben die Afghanen gegen die britische Kolonialmacht drei verlustreiche Kriege geführt. Die Erinnerungen an diese bitteren historischen Erfahrungen sind der Nährboden für Terroristen. Ihnen fällt es leicht, die ausländischen Truppen als zurück gekehrte Kolonialherren zu diskreditieren. Allerdings braucht Afghanistan die internationalen Truppen. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind schlecht ausgebildet und auch zahlenmäßig nicht in der Lage, die Sicherheit in der Region allein zu gewährleisten.

Britisches Militär in Kabul

Britisches Militär in Kabul

Vor allem im Süden Afghanistans ist die Präsenz internationaler Truppen auf Jahre notwendig. Er ist ein ideales Rückzugsgebiet für die Terroristen, die nach Anschlägen auf dem afghanischen Boden nach Pakistan flüchten. Das hat inzwischen auch zu einer Belastung der Beziehungen zwischen beiden Nachbarstaaten geführt. Afghanische Politiker werfen Pakistan vor, gegen die Taliban-Milizen nicht konsequent vorzugehen. Außerdem erhielten die Terroristen Nachschub aus pakistanischen Quellen. Islamabad wehrt diese Vorwürfe energisch zurück. Tatsache ist aber, dass sich einige Taliban-Kommandeure in Pakistan frei bewegen und unbehelligt Interviews geben können.

Neben den pakistanischen Fundamentalisten außerhalb der Regierung gibt es Kreise im pakistanischen Geheimdienst, die nach wie vor in eigener Regie gegenüber Afghanistan destruktiv und konspirativ tätig sind. Dabei wäre eine umfassende und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Kabul und Islamabad wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Anti-Terror-Strategie in der ganzen Region.

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