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Wirtschaft

Luftakrobaten im Frachtgeschäft

2009 schaute die Logistikbranche in den Abgrund. Die Weltwirtschaftskrise ließ die Umsätze absacken. Besonders hart getroffen – die Luftfrachtindustrie. Doch so tief der Absturz, so rasant ging es jetzt wieder bergauf.

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Das Auf und Ab am Luftfracht-Himmel

Andreas Jahnke Leiter Logistikprozesse Lufthansa Cargo

Andreas Jahnke, Leiter Logistikprozesse von Lufthansa Cargo in Frankfurt

V-Kurven sind dem promovierten Biologen Andreas Jahnke nichts Unbekanntes. Denn V-Kurven gehören zum Geschäft des Leiters der Logistikprozesse von Lufthansa Cargo am Standort Frankfurt am Main. So schnell wie es in der Luftfracht mit Volumen, Umsatz und Gewinn bergab gehen kann, so schnell geht es dann auch wieder bergauf. Konjunkturelle Zyklen in V-Form. 2009 und 2010 ist so eine V-Kurve im Geschäft von Andreas Jahnke, der am Hauptsitz des Unternehmens am Frankfurter Flughafen am liebsten die aufsteigende Seite des V-Flügels in die Luft malt. Doch erst ging es 2009 um ein Drittel im Umsatz runter, bevor die Branche jetzt als Ganzes wieder von Wachstumszahlen von 19 Prozent schwärmt.

Der Schnellste bekommt Krisen als Erster zu spüren

Pilot Tim Holderer Frachtpilot Lufthansa Cargo Flughafen

Frachtpilot Tim Holderer beim Beladen einer Maschine.

"Die Luftfrachtlogistik ist letztendlich ein Frühindikator, sobald es der Wirtschaft nicht besonders gut geht, wird aus den Lagern abverkauft", erklärt der 43-lährige Logistikexperte Jahnke die tiefroten Unternehmenszahlendes Geschäftsjahres 2009 von Branchenprimus Lufthansa Cargo . "Und das führt dazu, dass die Nachbeschaffungsvorgänge, die letztendlich häufig durch Luftfracht organisiert werden, nachlassen." Und genau damit musste sich der Leiter des Lufthansa Cargo Centers (LCC), einem der weltweit größten Logistikzentren der Luftfrachtindustrie, herumschlagen. Auf 105.000 Quadratmetern warten dort über 2.100 festangestellte Bodenmitarbeiter und Zeitarbeiter darauf, Fracht aus 312 Zielen weltweit umzuschlagen. 2009 warteten sie oft auf halbleere Maschinen, die Auslastung der 19 Frachtermaschinen sank auf lediglich noch 63,6 Prozent. Doch viele freie Transportflächen in den Flugzeugen - dieses Phänomen erzeugte einen fatalen Teufelkreis: "Insgesamt, und das war eigentlich das Unangenehmste an der Krise, hat es zu einem Überangebot an Frachtkapazität geführt und damit zu sinkenden Preisen", erinnert sich Jahnke daran, warum am Ende des Jahres ein Gewinneinbruch von 171 Millionen Euro in der Bilanz des Unternehmens stand. Lufthansa Cargo hat rund 4500 Mitarbeiter weltweit und setzte 2009 rund 1,9 Milliarden Euro um.

Drehkreuz zwischen Himmel und Boden

Frachtcontainer der Lufthansa Cargo Frankfurt

Abgerundet für den Flugzeugbauch: die Container sind in Form des Rumpfes gebaut

Frankfurt am Main ist und bleibt das wichtigste Luftfracht-Drehkreuz für Lufthansa Cargo. Das gilt auch nach der jüngsten Übernahme der Austrian Airlines (AUA) durch den Mutterkonzern Lufthansa, durch die Wien zum vierten Fracht-Drehkreuz der Flotte neben Frankfurt, München und Leipzig wurde. Frankfurt bleibt auch schon deshalb für den Luftfrachtlogistiker unersetzlich, weil die Cargo-Tochter die freien Stauplätze in 300 Personen-Flugzeugen der Lufthansa mit nutzt. Etwas weniger als die Hälfte der 1,5 Millionen Tonnen Luftfracht wird so im Laderaum unter den Sitzbänken der Passagiere transportiert. Das steigert die Effizienz der Luftfrachtsparte des Unternehmens enorm, und erhöht natürlich auch die Vielfalt der angeflogenen Lieferziele.

Von höheren Preisen, Nachtflugverboten und Landebahnen

Interview Richard Fuchs mit Lufthansa Cargo Pilot Tim Holderer Frankfurt Flughafen

Im Interview mit Reporter Richard Fuchs auf dem Vorfeld

Mit dem weltweitem Konjunkturschwung hat es der Luftfrachtdienstleister 2010 wieder auf die Gewinnspur geschafft. Auch die Auslastung der Frachtermaschinen liegt jetzt wieder bei psychologisch wichtigen 70 Prozent und mehr. Dass die Folgen der Krise 2009 aber längst noch nicht bewältigt sind, das weiß auch Andreas Jahnke, der durch sein Biologiestudium geschult, in Kreisläufen denkt. Bereits bestehende Probleme, die kurzfristig durch die Krise überlagert schienen, bestimmen wieder die strategische Ausrichtung des Logistikkonzerns. Agenturmeldungen zufolge plant das Luftfrachtunternehmen ab Oktober Preiserhöhungen um bis zu 20 Prozent – wohl auch um die Defizite der Krise nicht zum Investitionsstau werden zu lassen. Denn investiert werden muss: das alte Luftfrachtzentrum muss erweitert und durch einen Neubau ergänzt werden. Der Neubau soll aber erst 2017 beginnen, denn noch ist fraglich, ob Frankfurt auch in Zukunft das Hauptdrehkreuz bleiben kann. Im Gegenzug zum Ausbau einer neuen Landebahn droht dem Flughafen ein Nachflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr morgens, was vor allem das 24-stündige Frachttermingeschäft von Lufthansa Cargo bedroht. Außerdem soll die neue Landebahn über Teile des Luftfrachtzentrums laufen – die logistischen Abläufe drohen vollkommen durcheinander zu kommen.

Andreas Jahnke wirkt trotz der enormen Herausforderungen am Boden gelassen. Erschüttern kann ihn nur, wenn in der Luft etwas passiert, wie jüngst beim Absturz einer Frachtermaschine in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad. Mit den V-Kurven des konjunkturell so abhängigen Luftfrachtgeschäfts kommt er inzwischen klar. Wie in der Natur habe es in der Logistik ja unendlich viele Ameisen, die gemeinsam anpackten – und aus jedem Absturz früher oder später wieder einen Aufschwung machten.

Autor: Richard A. Fuchs

Redaktion: Klaus Ulrich

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