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Wissen & Umwelt

LSD-Pilze im Uringras

Mehr als 400.000 Menschen trampelten auf der Woodstock-Wiese herum. Dazu kamen Matschpartien, literweise Urin und Drogenabfall. Bis heute ist das Ökosystem nicht mehr das, was es einmal war. Bis heute ist es high.

Pilz unter Regenbogenfarben (Fotomontage: DW)

Zugedröhnte Pilze. Warum auch nicht?

Heute liegt sie da, als wäre nie etwas gewesen. Matt grün, seidig schimmernd, gepflegt schmiegt sich das legendäre Stück Wiese um das Museum, das an Woodstock erinnern will. Aber der Schein trügt. Keine Wiese möchte das erleben, was die berühmte eine in der Nähe des Ortes Bethel im Bundesstaat New York vor 40 Jahren durchgemacht hat. Drei Tage, drei Nächte, mindestens 800.000 Füße, die den Boden verdichten.

Dabei ist eine Wiese robust. Selbst von Menschenhand angelegte Kulturwiesen. Es ist ein fein abgestimmtes Ökosystem aus Erdschichten, Grasformen und Kleinstlebewesen. Deshalb sah nach ein paar Monaten auf dem Woodstock-Gelände fast alles wieder aus wie vorher. Aber das hat das System eine Menge Kraft gekostet. Die Millionen von Tierleichen, die beseitigt werden mussten. Die kleinen Ameisenkinder. Die Käfer und Milben, Regenwürmer, die ihren Tunnel nicht schnell genug fanden!

Männerbeine im Matsch (Foto: AP)

Matschpartie auf der einst schönen grünen Wiese ...

Ersoffene Würmer

Der Urin war erstmal ein Glücksfall. Harnstoff ist ein exzellenter Dünger und nachdem die 600 mobilen Toilettenhäuschen munter überliefen, begann die Pinkelorgie. Erst mal kein Problem für eine Wiese. Aber auch wenn jeder der 400.000 Besucher nur einmal ins Gras gepinkelt hat und höchstens 100 Milliliter, dann waren das mindestens 40.000 Liter Urin. Eine Überdüngung ohnegleichen! Das greift die Graswurzeln an und lässt die Regenwürmer in ihren Gängen ersaufen.

Von den Nebenwirkungen der größeren Geschäfte ganz zu schweigen. Dazu die Asche der Haschzigaretten, die Lysergsäure aus den heruntergefallenen LSD-Pillen, die Heroinflöckchen. Klar, das wird alles irgendwann von den überlebenden Mikroorganismen zersetzt. Aber das dauert. Leider hat nie jemand untersucht, ob nach Woodstock auf der Festivalwiese neue Pflanzen gewachsen sind. LSD-Pilze im feuchten Uringras. Oder ob geflashte Füchse über den Grund getorkelt sind, ob Ameisen ihre Farbe verändert haben und Grillen doppelt so schnell zirpen konnten. Eine verpasste Chance, die Biologenherzen eigentlich bluten lassen müsste - schließlich war und ist Woodstock nicht das einzige Megafestival der Welt.

Autorin Marlis Schaum (Foto: DW)

Love and Peace? "Und wer nahm Rücksicht auf die Käfer?", fragt sich Marlis Schaum

Schlammschlacht als Chance

Einige dachten ja, der viele Regen während des Festivals wäre ihre Chance. Er hat die Besucher zwar nicht vertrieben, aber ihr munteres Matsch-Gewälze hat den Boden durchpflügt. Eine große Chance für Baum- und Buschkeimlinge. Normalerweise ist so eine Grasnarbe für sie nahezu undurchdringlich, doch wenn sie erst mal aufgebrochen wird, können sie versuchen sich anzusiedeln. Dauerhaft ist ihnen das nicht gelungen, die ehemalige Festivalweise ist heute baum- und buschfrei wie vor 40 Jahren.

Ohne die Wiese bei Bethel hätte es Woodstock nie gegeben. Aber ohne Woodstock wäre die Wiese nicht das, als was sie heute gehandelt wird - ein nostalgisch- magischer Ort. Und allein dafür haben sich die Strapazen vielleicht gelohnt. Auf den ersten Blick hat Woodstock keine bleibenden Wiesenspuren hinterlassen. Aber tief, tief im Boden, da leben sie noch, die bunten Regenwürmer ...

Autorin: Marlis Schaum

Redaktion: Judith Hartl