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Afrika

LRA-Führer Ongwen: Opfer und Täter zugleich

Als Kind wird Dominic Ongwen von Joseph Konys LRA verschleppt. Als junger Mann steigt er selbst in die Führungsriege der ugandischen Rebellengruppe auf. Jetzt wird ihm in Den Haag der Prozess gemacht.

Seinen echten Namen kennen wohl nur wenige. Und auch sonst lässt sich nur schwer sagen, was Fakt und was Legende ist: Als der Junge - vielleicht zehn, vielleicht zwölf Jahre alt - auf dem Weg zur Schule von LRA-Rebellen entführt wird, sagt er ihnen, er heiße Dominic Ongwen. Auch seine Heimat verleugnet er, erzählt, er komme aus einem viele Kilometer entfernten Dorf.

Es ist eine Überlebensstrategie, die viele Eltern in Norduganda ihren Kindern Ende der 1980er Jahre einbläuen. Zu dieser Zeit zieht die "Widerstandsarmee des Herrn", kurz LRA, mordend und brandschatzend durch die Region. Ihr Anführer: Joseph Kony, bis heute einer der weltweit meistgesuchten Kriminellen. Die Rebellengruppe entführt Zehntausende Kinder, macht sie zu Lastenträgern, Sexsklaven, Kämpfern. Ihr erster Einsatz führt die Kindersoldaten oft in ihr eigenes Dorf, wo sie gezwungen werden, ihre Verwandten zu misshandeln oder zu töten. Das soll die Flucht zurück nach Hause unmöglich machen.

Sudan Kongo LRA Rebellen (Stringer/AFP/Getty Images)

Die Rückkehr nach Hause ist keine Option mehr: LRA-Kämpfer 2006 zwischen Kongo und Südsudan

Vom Kindersoldaten zum Kommandeur

So wie Tausende andere Kinder muss Dominic Ongwen mitansehen, wie die LRA wehrlose Menschen tötet. Er selbst wird misshandelt und indoktriniert. Kony erklärt der Regierung von Präsident Yoweri Museveni den Kampf, dem er vorwirft, Ugandas Norden politisch auszugrenzen. Der Zweck heiligt für ihn jedes Mittel. Schätzungen zufolge hat die LRA seit Beginn der Rebellion 100.000 Menschen hingerichtet. Mehr als zwei Millionen Menschen sollen vertrieben worden sein.

Dominic Ongwen befolgt alle Befehle, er muss ein herausragender Soldat gewesen sein. Bald steigt er innerhalb der LRA auf. Er wird einer von Joseph Konys Stellvertretern und behandelt andere LRA-Rebellen mit derselben Brutalität, die auch er erfahren musste. Im Jahr 2004 überfallen Ongwens Truppen das Flüchtlingslager in Lukodi und massakrieren mehr als 60 Menschen.

"Kony wollte mich töten"

In den folgenden zwei Jahren gelingt es der ugandischen Armee, die LRA aus dem Land zu vertreiben. Seitdem wütet die Miliz in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo, im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik. Doch sie verliert immer mehr an Schlagkraft, ist intern zerstritten.

Ugandas Tageszeitung Daily Monitor verkündet Kapitulation von LRA-Kommandant Dominic Ongwen (I. Kasamani/AFP/Getty Images)

Ongwens Kapitulation im Januar 2015 war ein Indiz für die innere Zerrissenheit der Gruppe

2005 erlässt der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen Joseph Kony und seine vier Stellvertreter, darunter Dominic Ongwen. Die USA setzen fünf Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn aus. Anfang 2015 gerät Ongwen in die Fänge der zentralafrikanischen Séléka-Rebellen. Sie liefern ihn an US-Soldaten aus. Wenige Tage später wird er nach Den Haag überführt. "Ich bin aus dem Busch gekommen und habe mich ergeben, weil Kony mich töten wollte", sagt Ongwen in einem Interview, das er vor seiner Auslieferung einem zentralafrikanischen Lokalradio gibt.

Opfer hoffen auf Gerechtigkeit

Am 6. Dezember soll das Verfahren gegen Dominic Ongwen offiziell eröffnet werden. Die Anklage umfasst eine lange Liste von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Mord, Vergewaltigung, Folter, Verstümmelung, Sklaverei, Einsatz von Kindersoldaten. "Davon stimmt nichts", hatte Ongwen im Vorprozess im Januar gesagt.

LRA-Führer Joseph Kony (picture-alliance/dpa)

Noch immer gesucht: Joseph Kony

Es wird das erste Verfahren am Internationalen Strafgerichtshof sein, bei dem der mutmaßliche Täter zugleich Opfer ist. "Es lässt sich leicht sagen, dass Dominic Ongwen als Kind entführt wurde und nicht wusste, was er tat. Deshalb werden seine Anwälte auf Freispruch plädieren", sagt Charles Tolit Atiya, Forscher am Zentrum für Frieden und Menschenrechte an der ugandischen Makerere-Universität. "Auf der anderen Seite gibt es aber zahllose Menschen, die Opfer seiner Brutalität geworden sind. Sie sind verstümmelt, haben ihre komplette Lebensgrundlage verloren." Gerade für sie sei der Prozess in Den Haag ein wichtiges Zeichen, dass sie auf Rechtstaatlichkeit vertrauen könnten, sagt Atiya im DW-Interview. Zudem dürfte im Laufe des Verfahrens viel über die Struktur und das Innenleben der LRA bekannt werden, so der Wissenschaftler - und über das Leben von Dominic Ongwen. "Denn niemand scheint ihn wirklich zu kennen".

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